Islamisten

Ortskräfte in Afghanistan: Alleingelassen unter Taliban

Jan Jessen und Christian Unger
| Lesedauer: 8 Minuten
UN-Sondergesandter: Taliban wollen Frauen in Afghanistan unsichtbar machen

UN-Sondergesandter: Taliban wollen Frauen in Afghanistan unsichtbar machen

Der UN-Sondergesandte für Afghanistan, Richard Bennett, hat den Taliban in Afghanistan vorgeworfen, mit den bislang verhängten Maßnahmen Frauen in dem Land unsichtbar machen zu wollen. Since the Taliban stormed back to power last year, they have imposed harsh restrictions on women and girls to comply with their austere vision of Islam.

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Kabul/Berlin.  In Afghanistan setzen die Taliban ihre Macht mit Gewalt durch. Viele frühere Ortskräfte der Deutschen fühlen sich im Stich gelassen.

Auf einem Bild aus den Tagen, bevor die Taliban die Macht in Afghanistan übernahmen, sitzt Samira auf einer Bank, sie trägt einen Mantel, enge Jeans, Sandalen mit dicker Korksohle, ihr Haar ist von einem Kopftuch bedeckt. Man kann ihr Lächeln sehen.

Dieses Lächeln wird jetzt nicht mehr auf Fotos zu sehen sein, die von aufgenommen werden, wenn sie das Haus ihrer Eltern verlassen hat. Das selbsternannte Tugend-Ministerium der Taliban hat es Frauen am 7. Mai verboten, sich mit unverschleiertem Gesicht in der Öffentlichkeit zu zeigen.

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Samira ist 19 Jahre alt, sie lebt mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in einem Haus in einem der Stadtviertel Kabuls, die in die Berge rings um die afghanische Hauptstadt gewachsen sind. Samira heißt in Wirklichkeit anders, niemand, der die Taliban kritisiert, möchte in diesen Zeiten mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen. Wir haben Samira bei früheren Aufenthalten in Kabul kennen gelernt, ihre Familie hatte uns Anfang des Jahres zum Essen eingeladen.

Nach der Machtübernahme der Taliban konnte Samira nicht mehr arbeiten

Schon damals berichtete die junge Frau von wachsenden Problemen. Der Vater ist arbeitslos, die Geschwister sind noch klein. Samira hatte vor dem Sturz der vom Westen fallen gelassenen afghanischen Regierung ihre Familie mit Nachhilfe-Unterricht ernährt. Sie spricht fließend Englisch. Nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung konnte sie nicht mehr arbeiten. Wie viele ehemalige Mittelstandsfamilien musste auch Samiras Möbel und Schmuck verkaufen, um weiterzuleben.

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Es ist nicht nur die Armut, die das Leben für Menschen in Afghanistan neun Monate nach der Machtübernahme der Taliban schwieriger macht. Die Taliban bekommen die Sicherheitslage nicht in den Griff. Die afghanische Filiale des sogenannten Islamischen Staates führt blutige Anschläge durch.

Seit Anfang April starben allein bei Attacken gegen schiitische Moscheen in Kabul, Kundus und Masar-i-Scharif fast 100 Menschen. Immer wieder töten die Terroristen Taliban-Kämpfer und deren Kommandeure.

Doch Sicherheit geben auch die Taliban den Menschen nicht. Die Islamisten schränken vor allem die Rechte von Frauen ein. Junge Frauen dürfen zwar studieren, jedoch nur getrennt von männlichen Studenten. Mädchen können weiterführende Schulen nicht besuchen. Frauen dürfen nicht mehr ohne männliche Begleitung reisen. Häufig werden sie aus dem Arbeitsleben verbannt.

Frauen sollen nur noch vollverschleiert das Haus verlassen

Sie sollen nur dann das Haus verlassen, wenn sie dringende Anliegen haben, Termine beim Arzt etwa. Und das nur mit einem verschleierten Gesicht. Frauen, so teilte es das Tugendministerium am 7. Mai mit, seien gehalten, möglichst eine Burka zu tragen, ein traditionelles afghanisches Gewand, der Körper komplett bedeckt, das Gesicht verschwindet hinter einem Stoffgitter.

Falls die Taliban Frauen mit unverschleiertem Gesicht in der Öffentlichkeit erwischen, sollen ihre männlichen Verwandten zur Rechenschaft gezogen werden, zunächst durch Ermahnungen, dann aber durch Gefängnisstrafen.

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Die Welt bekommt von den wachsenden Repressionen des Taliban-Regimes nur noch wenig mit. Afghanistan ist aus den Schlagzeilen verschwunden, aus den politischen Debatte. Der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise – sie treiben das Leid in Afghanistan vom Radar der Öffentlichkeit. Mit fatalen Folgen für Menschen wie Samira.

Regierung fliegt wöchentlich mehr als 200 Menschen aus der Region nach Deutschland

Für Menschen wie Ahmad, Raz und Nawid – Afghanen, die noch bis vergangenes Jahr der deutschen Bundeswehr geholfen hatten. Als „Ortskräfte“. Die alte und neue Bundesregierung wurde nicht müde, Solidaritätsbekundungen Richtung Kabul auszusenden. Schnell sollten die Menschen gerettet werden, Außenministerin Baerbock stellte zu Weihnachten einen „Aktionsplan“ vor.

Kaum jemand spricht noch über Afghanistan. Doch: Die riesige Evakuierungsaktion läuft weiter. Allein Anfang 2022 halfen deutsche Behörden nach eigenen Angaben rund 5.000 Afghaninnen und Afghanen, ohne Pässe das Taliban-Land auf dem Landweg zu verlassen, innerhalb von zwei Monaten. Mit Hilfe des Auswärtigen Amtes flogen sie nach Deutschland.

In der vergangenen Woche fand ein Flug statt, in den kommenden Wochen zwei weitere. Jede Woche, so heißt es in der Bundesregierung, würden etwa 200 Afghaninnen und Afghanen allein aus Pakistan nach Deutschland gebracht.

Seit Machtübernahme der Taliban mehr als 18.000 Visa für afghanische Ortskräfte

Deutsche Botschaften und Konsulate hätten seit Machtübernahme der Taliban im vergangenen Spätsommer mehr als 18.000 Visa für afghanische Ortskräfte etwa der Bundeswehr, aber auch für besonders gefährdete Personen wie etwa Menschenrechtlerinnen oder Journalisten, ausgestellt. Auch ihre engen Familienangehörigen dürfen nach Deutschland kommen. Diese gut 18.000 Menschen sind raus aus Afghanistan.

Ahmad und Nawid sind es nicht. Aus Sicht vieler Afghanen setzt sich bei der internationalen Hilfe das Chaos fort, was schon in den Monaten vor und nach der Machtübernahme der Radikalislamisten herrschte. Die Wege für Menschen, die der Bundeswehr oder dem Entwicklungsministerium etwa als Fahrer, Köche, Dolmetscherinnen der Bauunternehmer geholfen hatten, bis zum Visum sind lang, oft bürokratisch und der brisanten Sicherheitslage im Taliban-Staat nicht angepasst. Das beklagen Menschenrechtsorganisationen genauso wie ehemalige afghanische Ortskräfte in Gesprächen mit unserer Redaktion.

In den Ministerien der Bundesregierung kursieren seit Beginn der Evakuierungsmission mehrere Listen mit Namen von Menschen aus Afghanistan, die gerettet werden sollen. Oftmals ist unklar, wer darauf landet und wer nicht. Und wer überhaupt ein Recht hat zu kommen. Bei manchen Helfern der Deutschen in Afghanistan ist die Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit längst Frustration und Wut umgeschlagen. Andere versuchen sich zu arrangieren mit dem neuen Hardcore-Regime, nicht aufzufallen.

Mit Flugtickets war Ahmad mit seiner Frau und den Kindern nach Pakistan entkommen

Oder sie tauchen ab. So wie Ahmad. Er erzählt, dass er gemeinsam mit seiner Familie in einer angemieteten Wohnung in Kabul lebe. Ahmad hat viele Jahre Straßen, Garagen und Landebahnen für das deutsche Militär in Afghanistan gebaut. Er zeigt unserer Redaktion seine Arbeitsverträge.

Mit teuren Flugtickets war er mit seiner Frau und den Kindern schon nach Pakistan entkommen. Doch dort passierte: nichts. Ahmad wartete nach eigenen Angaben vergebens auf einen Termin bei der Botschaft, auf einen Flug nach Deutschland. Irgendwann sei er verzweifelt zurückgekehrt, sein Visum für Pakistan abgelaufen.

Nun sitzt er wie viele fest in dem Land, in dem die Taliban ihre Macht festigen – und ihr Steinzeit-Islamisten-Regime wieder errichten. Vor allem Frauen trifft das. Für Dr. Alema Alema ist die zunehmende Einschränkung von Frauenrechten in Afghanistan keine Überraschung. „Die Taliban haben sich nicht verändert“, sagt die frühere Vize-Ministerin für Menschenrechte und Zivilgesellschaft, die jetzt Deutschland lebt.

Noch regt sich Widerstand gegen die Verschleierungs-Pflicht

Seit ihrer Machtübernahme hätten die Islamisten 24 Dekrete erlassen, die meisten dienten der Unterdrückung der Rechte von Frauen. „Es ist genau wie in den neunziger Jahren. Sie erlassen ein Dekret nach dem anderen.“

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nannte die Reaktion der internationalen Gemeinschaft „enttäuschend“. Auf den Straßen Kabuls sind nun kaum noch Frauen zu sehen, und noch weniger, die es wagen, sich unverschleiert zu zeigen, berichten Einwohner. Noch regt sich aber Widerstand. Drei Tage nach dem Erlass der Verschleierungs-Pflicht demonstrierten einige Frauen in Kabul gegen die weitere Einschränkung ihrer Rechte, ein Video des Protests wurde publik. Vor dem Innenministerium stoppten Taliban die Demonstration.

Am vergangenen Wochenende zeigten sich männliche Moderatoren des wichtigsten afghanischen Fernsehsenders ToloNews solidarisch mit ihren Kolleginnen, die nur noch mit verschleiertem Gesicht vor die Kameras treten dürfen. Die Männer trugen selbst Masken. Für Samira ist das wenig tröstlich. „Unser Schicksal als Frauen ist furchtbar. Wir haben keine Hoffnung mehr.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.