Biodiversität

Nashörner und Frösche: Lässt sich das Artensterben stoppen?

Theresa Martus
| Lesedauer: 6 Minuten
Aussterbende Tierarten gefährden unsere Lebensmittelversorgung

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Warum wir mehr Agrobiodiversität brauchen.

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Berlin.  Die Natur kämpft ums Überleben, zahlreiche Arten sind vom Aussterben bedroht. Wie eine Konferenz in Montreal den Trend nun drehen soll.

Oophaga speciosa gibt es nicht mehr. Die gerade einmal drei Zentimeter großen, leuchtend roten Frösche, die ihre Heimat im Westen Panamas hatten, gelten seit 2018 als ausgestorben. Es ist ein Schicksal, das sie dem Dunkelkopf-Blattspäher teilen, einer Vogelart aus Brasilien, und dem Schwertstör, der seit 200 Millionen Jahren existierte und jetzt nicht mehr auffindbar ist. Und ob Najin und Fatu, die zwei letzten lebenden Nördlichen Breitmaulnashörner, der Spezies das Überleben sichern können, scheint auch fraglich.

Oophaga speciosa und die anderen sind keine Einzelfälle. Weltweit schrumpfen die Räume für Natur, der Zustand von Ökosystemen verschlechtert sich, und die große Vielfalt von Leben, die es auf der Erde gibt, wird immer kleiner. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES kam in einem umfassenden Bericht 2019 zu dem Schluss, dass die biologische Vielfalt derzeit schneller abnimmt „als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der menschlichen Geschichte“.

Diesen Trend will die Weltgemeinschaft jetzt versuchen, umzudrehen. Ab Mittwoch treffen sich in Montreal Vertreterinnen und Vertreter von fast 200 Staaten, um über eine neue globale Vereinbarung für biologische Vielfalt zu verhandeln. Die Natur, hoffen Umweltschützer, könnte dann endlich ihren „Paris-Moment“ bekommen.

Was ist die Weltbiodiversitätskonferenz?

Die Konferenz in Montreal ist das Treffen der Vertragsstaaten, die sich 1992 der UN-Rahmenkonvention zu Biodiversität angeschlossen haben. Anders als die Weltklimakonferenzen finden die Treffen zu Biodiversität nur alle zwei Jahre statt, in diesem Jahr zum 15. Mal, weshalb die Konferenz auch unter dem Begriff COP15 läuft. Das Treffen war eigentlich schon 2020 in Kunming in China geplant, wurde wegen Corona jedoch verschoben. Nach einem digitalen Teil im vergangenen Jahr findet es jetzt in Präsenz in Montreal statt, unter chinesischer Präsidentschaft.

Worum geht es bei der COP15 in Montreal?

Die Natur ist unter Druck: Menschliches Leben und Wirtschaften beschädigt und verkleinert Lebensräume weltweit. Eine Studie aus dem Jahr 2021 kam zu dem Schluss, dass global nur noch drei Prozent der Ökosysteme vollständig intakt sind, mit allen Arten, die dort natürlich vorkommen. Der Weltnaturschutzrat IPBES geht davon aus, dass in den kommenden Jahrzehnten eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind.

Das ist eine existenzielle Gefahr auch für Menschen. Denn menschliches Leben auf der Erde ist ohne natürliche Grundlagen nicht möglich. So brauchen zum Beispiel mehr als drei Viertel aller Nahrungspflanzen Tiere als Bestäuber. Viele Medizinstoffe und Rohstoffe, sauberes Wasser und saubere Luft hängen vom Funktionieren der Ökosysteme ab. Intakte Naturräume sind außerdem wichtige Verbündete im Kampf gegen die Klimakrise: Meeres- und Landökosysteme absorbieren jährlich 5,6 Gigatonnen CO2. Werden sie zerstört, wird auch das Treibhausgas wieder freigesetzt.

„Wir sind auf sensible Ökosysteme angewiesen“, sagt Britta Haßelmann, Co-Chefin der Grünen-Fraktion im Bundestag, dieser Redaktion. „Unsere Lebensmittel, das Wasser, das wir trinken und die Luft, die wir atmen, werden durch biologische Vielfalt produziert.“ Die Natur sei wie ein riesiges Netz. „Wenn zu viele Fäden reißen, haben wir ein riesiges Problem.“

Wie könnte ein Abkommen aussehen?

Dieses Netz soll wieder stärker werden. Die Formel, die Umweltschützerinnen und -schützer und auch die Bundesregierung beschwören, heißt 30-30-30 und meint, dass für eine echte Trendumkehr bis 2030 30 Prozent der Land- und der Meeresfläche unter Schutz stehen müssen. Damit einhergehen, sagt der Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), Jörg-Andreas Krüger, müssten messbare Ziele, starke Umsetzungsmechanismen und eine solidarische Einigung zur Finanzierung.

Auch Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne), die Deutschland in Montreal vertreten wird, hofft auf verbindliche Ziele und klare Schritte zur Umsetzung.

Die Hoffnung ist, dass am Ende der gut zwei Wochen ein Abkommen steht, das Maßstäbe setzt. Von Montreal „muss ein Paris-Moment ausgehen“, sagt Haßelmann im Hinblick auf das Klimaabkommen von 2015. „Wie damals in Paris muss die internationale Staatengemeinschaft zeigen, dass sie auch unter schwierigen Voraussetzungen handlungsfähig ist.“

Wo drohen Konflikte?

Es geht in Montreal auch um die Frage, wer wie viel Verantwortung trägt für die Dimension des Problems, und wer hauptsächlich für die Lösung bezahlen soll. Denn effektiver Naturschutz kostet Geld.

„Auch wenn Ökosysteme am Ende immer lokal unter Druck geraten, gibt es hier eine Verantwortung des globalen Nordens“, sagt Florian Titze, Experte für Biodiversität beim WWF. „Das ist eine Konfliktlinie, an der die Verhandlungen scheitern könnten. Aktuell sind die Länder sehr weit davon entfernt, sich zu diesem Thema zu einigen.“

Beobachter sehen zudem mit Sorge, dass das Thema für viele Regierungen derzeit eine nachgeordnete Rolle zu spielen scheint. Offizielle Einladungen für Staatschefs zur Konferenz gab es von der chinesischen Präsidentschaft nicht. Anders als vor wenigen Wochen in Scharm el-Scheich wird es deshalb in Montreal kein Schaulaufen von Staatsoberhäuptern geben. Damit könnte aber wichtige politische Unterstützung für den Abschluss eines ambitionierten Abkommens fehlen.

Wie ist die Situation in Deutschland?

Auch Deutschland hat einiges an Hausaufgaben zu machen im Hinblick auf den Zustand der Natur. Derzeit sind zum Beispiel etwa nur zehn Prozent der Gewässer in Deutschland in einem guten ökologischen Zustand. Die Masse der Fluginsekten in Deutschland ist seit 1989 um rund drei Viertel zurückgegangen.

Die Ampel-Koalition hat einen Aktionsplan Natürlicher Klimaschutz aufgestellt, über den vier Milliarden Euro zur Verfügung stehen für die Renaturierung und Stärkung von Ökosystemen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de