Berlin. Mit Kampfpanzern hat die Ukraine eine Chance, in die Offensive zu gehen. Warum der Westen mehr Waffenhilfe leisten wird. Eine Analyse.

Der Ukraine-Krieg hält seit bald einem Jahr an. Der größte Waffenlieferant der Ukraine ist – unfreiwillig – ihr Kriegsgegner. Aus Russland kommt ein Großteil ihrer Altbestände. Aus russischer Produktion stammen viele Rüstungshilfen von osteuropäischen Staaten für die Ukraine. Vom Gegner hat man im letzten Jahr außerdem schätzungsweise 370 Panzer erbeutet. Wenn auch oft zögerlich, so hat der Westen der Ukraine geliefert, was sie jeweils brauchte:

  • Leichte Panzerabwehrwaffen, um die Invasion zu stoppen;
  • Präzise Artilleriesysteme, um im anschließenden Abnutzungskampf im Donbass die Stellung zu halten;
  • Flugabwehrsysteme, um sich gegen russische Angriffe vor allem mit Drohnen zu wappnen;
  • Panzer, zunächst Schützenpanzer, nunmehr schwere Kampfpanzer, um die erwartete neue Welle russischer Angriffe abzuwehren und danach verlorene Gebiete zurückzuerobern.

Meist zögerte Deutschland, sich auf die jeweils nächsthöhere Rüstungsebene einzulassen. Erst leichte Bewaffnung, dann Artillerie, zuletzt Panzer, was kommt demnächst? Flugzeuge? Jede rote Linie wurde früher oder später übertreten. Eine Waffenlieferung zieht die nächste nach, zumeist dann sogar noch umfangreicher oder moderner als zuvor. Lesen Sie auch: Kiew: „Deutschland sollte Koalition der Kampfjets anführen“

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von einem externem Anbieter, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Die gerade erst beschlossene Lieferung des Kampfpanzers Leopard ist ein Beispiel dafür. In die Ukraine werden nicht etwa der Leo 1 oder ältere Versionen des Leo 2 entsendet, sondern die moderne Variante 2A6. Dieser Panzer ist leistungsstärker, präziser, besser geschützt als seine Vorgängermodelle – kein überholtes Gerät, sondern durchaus Bundeswehr-Standard. Zu Beginn des Krieges hatte man die Ukraine vielfach nur mit altem Material geholfen, teilweise aus DDR-Beständen. Lesen Sie auch: Deswegen will die Ukraine unbedingt diesen deutschen Panzer

Ukraine-Krieg: Auf die "Durchhaltefähigkeit" kommt es an

Der Ukraine wurden insgesamt 321 schwere Panzer von Partnerländern zugesichert, wie ihr Botschafter in Frankreich, Vadym Omelchenko, erklärte. Er differenzierte allerdings nicht zwischen Panzern sowjetischer Bauart, Leopard 2 (14 aus Deutschland), den britischen Challenger und den amerikanischen Abrams, Auch ließ er in seinem Interview am Freitag mit dem französischen Fernsehsender BFW offen, wann die Kampfpanzer genau geliefert werden.

Der Kiewer Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj hat den Bedarf an westlichen Kampfpanzern mit mindestens 300 angegeben. Die europäischen Nato-Staaten verfügen zusammen über rund 2.000 Leo 2 und die USA über sogar deutlich mehr Abrams. Lesen Sie auch: Ukraine-Krieg: Das kann der US-Kampfpanzer „Abrams“

Die Partner werden aller Voraussicht noch viel mehr Panzer bereitstellen müssen. Davon hängt es schließlich ab, ob die ukrainische Armee durchhaltefähig ist oder nicht – ein Schlüsselfaktor.

Die militärisch neue Qualität durch diese Lieferung ist, dass die Ukraine mit den Leos tatsächlich befähigt wird, sich nicht nur zu verteidigen, sondern selbst in die Offensive zu gehen und den Donbass zurückzuerobern – Dank der Überlegenheit durch stärkste Panzerung, höchste Feuerkraft und Schnelligkeit.

Leopard 2: Sind schwere Kampfpanzer militärische Dinosaurier?

Allein, wer Panzer liefert, sollte auch mit Treibstoff (der Verbrauch ist gewaltig) sowie Tankfahrzeugen helfen, möglichst geländegängig, ferner mit Ersatzteilen und Wartungsangeboten. Kampfpanzer sind zwar ein furchterregendes Waffensystem, aber keineswegs unverwüstlich.

Denn: Der Verschleiß ist beachtlich. Motor, Wanne, Fahrwerk, Waffen müssen überprüft werden. Beim Leopard 2 wird vor allem das Fahrwerk hart auf die Probe gestellt.

podcast-image

Es wurde ursprünglich für ein Gewicht von 55 Tonnen ausgelegt, das nach diversen Verbesserungen und Kampfwertsteigerungen allerdings auf 72 Tonnen gestiegen ist. Das Fahrwerk wird mehr denn je und extrem gefordert.

Zu Beginn des Krieges haben sich Beobachter gefragt, ob die Panzer militärische Dinosaurier sind; ob sie aus der Zeit gefallen seien. Damals kursierten zahlreiche Videos, in denen gezeigt wurde, wie russische Panzer bekämpft wurden und explodierten.

Ukraine-Krieg: Schon wird der Ruf nach Kampfflugzeugen laut

Das lenkt die Aufmerksamkeit auf den nächsten kritischen Faktor: Auch Kampfpanzer haben ihre Schwächen. Es wird zwangsläufig zu Verlusten kommen. Die Analyse-Plattform Oryx hat errechnet, dass schon bisher über 250 ukrainische und fast 1.000 russische Kampfpanzer zerstört wurden. Der Westen wird die ukrainischen Verluste ausgleichen müssen.

Entscheidend für einen Erfolg der Ukraine ist, dass die Leos optimal eingesetzt werden, am besten im Verbund mit anderen Waffen: Mit Infanterie, Schützenpanzern, Artillerie, Luftwaffe- und Abwehr und Aufklärung. Wenn die Ukraine diesen Krieg nicht verlieren soll, wird der Westen sie weiter aufrüsten müssen.

Keineswegs ausgeschlossen ist, dass in der nächsten Stufe zum Beispiel Kampfhubschrauber- und Flugzeuge geliefert werden. Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sie längst gefordert, und mit Polen ist ein erstes Partnerland schon positiv darauf eingegangen: "Ich glaube, wir, die Nato, müssen mutiger sein“, sagte Ministerpräsident Mateusz Morawiecki dem französischen Sender LCI. Es wäre die nächste rote Linie, die übertreten wird.

Lesen Sie auch: Selenskyj geht zu weit: Keine Kampfjets für die Ukraine!

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt