Kommentar

COP26: Wir sind so spät dran, wir müssen alles versuchen

Theresa Martus
| Lesedauer: 4 Minuten
Umweltschäden: Morgendlicher Dunst und Smog umhüllen die Skyline in Neu-Delhi.

Umweltschäden: Morgendlicher Dunst und Smog umhüllen die Skyline in Neu-Delhi.

Foto: Altaf Qadri/AP/dpa

Berlin  Die Ampel-Verhandler müssen auf das Signal des UN-Klimagipfels von Glasgow hören, kommentiert Politik-Korrespondentin Theresa Martus.

Man kann das, was die Welt im Kampf gegen den Klimawandel derzeit versucht, mit dem Versuch vergleichen, in letzter Minute einen Zug zu bekommen. Es ist der letzte, mit dem man noch eine Zukunft erreicht, in der es sich leben lässt; es ist die letzte Route, auf der sich katastrophale Zerstörungen umfahren lassen.

Dass der Zug fährt, ist seit Jahrzehnten klar. Was man tun muss, um ihn rechtzeitig zu erreichen, eigentlich auch. Aber die Weltgemeinschaft ist lange Zeit eher vom Bahnhof weggeschlendert als in Richtung Zug. Und erst der sehr laute Pfiff des Schaffners – in Form von Stürmen, Fluten, Hitzewellen, Hungersnot und Hunderttausenden, die weltweit demonstrieren – hat für die Erkenntnis gesorgt, dass jetzt wirklich Abfahrt ist.

Die gute Nachricht: Nie ist die Weltgemeinschaft so schnell gelaufen wie in den letzten Jahren, um den Zug doch noch zu kriegen. Noch nie haben sich an so vielen Stellen so viele Dinge gleichzeitig bewegt.

COP26: Ende der Kohleverstromung

Mit dem Gipfel von Glasgow ist das Ende der Kohleverstromung weltweit besiegelt, offen ist nur das Datum. Große Teile der Wirtschaft wissen längst, dass Geschäftsmodelle, die auf fossilen Energieträgern basieren, keine Zukunft haben und orientieren sich um. Junge Menschen weltweit, die länger als die aktuell Regierenden mit den Auswirkungen des Klimawandels leben müssen, wissen ohnehin, dass es so, wie es ist, nicht weitergehen kann.

Die schlechte Nachricht: Nichts davon geht schnell genug. Der Zug rollt längst, und er nimmt Fahrt auf. Es ist nicht vollkommen unmöglich, ihn noch zu erreichen. Aber mit jedem Moment, der vergeht, muss die Weltgemeinschaft noch schneller werden, wenn sie eine Chance haben will, noch auf das Trittbrett zu springen.

Vor diesem Hintergrund nimmt sich das Schauspiel, das die Verhandler der Ampel-Koalition derzeit in Berlin aufführen, ziemlich bizarr aus. Denn nach allem, was aus den immer noch sehr verschwiegenen Gesprächen in den letzten Tagen nach außen drang, möchten zwar alle drei Parteien den Zug kriegen. Aber nur die Grünen sind offenbar bereit, für ein Ticket zu zahlen und die Beine in die Hand zu nehmen.

Klimawandel: Güne in schwieriger Lage

Die Grünen haben sich in eine schwierige Lage gebracht: Wer den ganzen Wahlkampf-Sommer lang immer wieder erzählt, dass diese Legislaturperiode die letzte Chance ist, wirkungsvollen Klimaschutz umzusetzen, kann die Koalitionsverhandlungen im Herbst kaum platzen lassen – die letzte Chance muss schließlich wahrgenommen werden. Wer aber nicht Nein sagen kann zur Koalition allgemein, der muss Ja sagen zu fast allem, was die möglichen Partner vorschlagen.

Und in der Binnenlogik von Koalitionsverhandlungen, wo der Erfolg der einen oft als der Misserfolg der anderen gilt, ergibt es auch Sinn, dass es die Grünen sind, die für ihr Herzensthema Klimaschutz kämpfen, und die anderen dagegen. Aus der Außenperspektive kann man sich allerdings nur wundern, dass da überhaupt so viel Kampf nötig ist: Stand bei Olaf Scholz nicht „Klimakanzler“ auf den Plakaten? Hat sich die FDP nicht das 1,5-Grad-Ziel ins Wahlprogramm geschrieben? Warum ist nur zu hören, mit welchen Regeln und Instrumenten man die Emissionen schon mal nicht senken will?

Es geht beim Klimaschutz längst nicht mehr darum, ein Instrument gegen das andere abzuwägen und dann in Ruhe zu entscheiden, welches wohl das optimale wäre. Die Wahrheit ist: Wir sind so spät dran, dass wir alles versuchen müssen und das möglichst gleichzeitig. Auf dieses Signal aus Glasgow sollten die Ampel-Parteien hören.