Interview

Kassenärzte-Chef: „Pandemie ist für die allermeisten vorbei“

Julia Emmrich und Jochen Gaugele
| Lesedauer: 12 Minuten
Lauterbach: Wir sind gut auf Corona-Winterwelle vorbereitet

Lauterbach- Wir sind gut auf Corona-Winterwelle vorbereitet

Deutschland ist nach den Worten von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gut auf die erwartete Corona-Winterwelle vorbereitet. Lauterbach nannte dazu in Berlin unter anderem eine "ausgezeichnete" Wirkung der neuen Impfstoffe und das neue Infektionsschutzgesetz als zwei der vier Faktoren.

Video: Medizin, Gesundheit
Beschreibung anzeigen

Berlin.  Trotz Herbstwelle: Kassenärzte-Chef Andreas Gassen fordert die Politik auf, die Regeln für Tests, Masken und Isolation zu lockern.

Kassenärzte-Chef Andreas Gassen vertritt die Interessen von über 180.000 niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. In der Pandemie steht der Mediziner für eine deutlich freiheitlichere Haltung als Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach.

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung warnt im Interview vor einem Praxissterben in Folge der Energiekrise und verlangt von der Politik, die aktuellen Corona-Regeln für Tests, Masken und Isolation zu lockern.

Herr Gassen, Deutschland dreht die Heizung runter. Welche Folgen hat das für die Gesundheit der Menschen?

Andreas Gassen: Bei 19 Grad Raumtemperatur sehe ich im Moment kein unmittelbares Gesundheitsrisiko. Aber insgesamt wirkt sich die Krise natürlich auch auf die Gesundheit der Menschen aus. Es kommt vieles zusammen: Es herrscht seit langer Zeit wieder Krieg in Europa. Niemand weiß, was in Wladimir Putins Kopf vor sich geht. Es gibt die große Angst, dass am Ende Atomwaffen eingesetzt werden. Und dazu kommt noch die Inflation. Das alles wirkt sich nicht zuletzt auf die psychische Gesundheit der Menschen aus. Aber es hat auch Folgen für das Gesundheitssystem.

Was meinen Sie konkret?

Gassen: Der Preisdruck und die Energiekrise schlagen nicht nur auf die Kliniken, sondern natürlich auch auf Arztpraxen durch. Wenn die Heizkosten für die Praxisräume massiv steigen, wenn sich Stromkosten etwa für Radiologen verfünffachen oder sogar verzehnfachen, dann stellt sich die Frage, ob zum Beispiel MRT-Untersuchungen noch wirtschaftlich durchführbar sind. Wir werden deshalb erleben, dass im Zuge dieser Krise Praxen schließen oder ihr Angebot massiv einschränken müssen, wenn die Politik hier nicht tätig wird und hilft. Und das hätte natürlich erhebliche Folgen für die Gesundheitsversorgung in Deutschland.

Wie viele Ärzte werden aufhören?

Gassen: Ich glaube nicht, dass morgen jemand seine Praxis schließt, weil der Strompreis steigt. Aber wir werden erleben, dass Ärzte aktuell ihr Leistungsangebot eventuell reduzieren müssen und diejenigen, die ohnehin am Ende ihrer Berufslaufbahn sind, jetzt früher als geplant zum Beispiel ihre Mietverträge nicht mehr verlängern und aufhören. Bei den Hausärzten ist ein Drittel über 60 Jahre alt. Wir werden diese krisenbedingten Praxisschließungen spätestens im nächsten oder übernächsten Jahr mit voller Wucht spüren. Und das in einer Lage, wo wir jetzt schon viele Praxen nicht nachbesetzen können. Die wohnortnahe Versorgung ist dann noch stärker gefährdet.

Aktuell leiden mehr Menschen an Atemwegsinfekten als vor der Pandemie. Was erwarten Sie für die kommenden Wochen?

Gassen: Es war zu erwarten, dass es jetzt mehr Atemwegserkrankungen gibt. Es wurde versucht, die Menschen zwei Jahre lang durch die Corona-Maßnahmen nahezu keimfrei zu halten. Das Immunsystem muss jedoch auch trainiert werden. Es ist deswegen nicht überraschend, dass solche Infektionen jetzt zunehmen. Auch die Grippewelle wird dieses Jahr wahrscheinlich heftiger ausfallen. Auch Jüngere und Gesunde werden sich diesmal möglicherweise eher mit Influenza anstecken als in der Vergangenheit.

Lassen sich genügend Patienten gegen Grippe impfen?

Gassen: In den vergangenen Jahren haben sich gerade von denjenigen, die sich impfen sollten, zu wenige beteiligt. Risikopatienten und über 60-Jährige sollten das diesmal in jedem Fall tun. Für junge, gesunde Menschen sieht das anders aus.

Die Zahl der gemeldeten Corona-Infektionen steigt wieder stark an. Sollten die Menschen wieder mehr Maske tragen?

Gassen: Nicht automatisch. Aus meiner Sicht sind Masken im Alltag für sehr viele Menschen inzwischen nicht wirklich zwingend. Ich zum Beispiel bin geimpft, genesen und kein Risikopatient. Natürlich trage ich am OP-Tisch eine Maske. Aber ich fliege ohne Maske, und ich gehe auch ohne Maske zum Konzert. Corona ist für die überwältigende Zahl der Menschen in Deutschland keine bedrohliche Erkrankung mehr und zählt daher mehr zum allgemeinen Lebensrisiko. Für Risikopatienten gilt das nicht, und es ist deswegen für diese vernünftig, situativ weiter Maske zu tragen.

Wie hoch müssen die Zahlen steigen, damit wieder eine Maskenpflicht in Innenräumen nötig ist?

Gassen: Das kann man nicht von Infektionszahlen abhängig machen, bei denen ohnehin klar ist, dass sie – wie schon in der Vergangenheit – die Zahl der Infektionen nicht ansatzweise exakt wiedergeben. Wir wissen ja oftmals immer noch nicht, wer mit oder wegen Corona im Krankenhaus liegt. Wir brauchen erst dann strengere, meist regional zu begrenzende, Maßnahmen, wenn wir tatsächlich eine Überlastung des Gesundheitssystems hätten. Davon sind wir gesamthaft glücklicherweise weit entfernt.

Aktuell haben wir eine Impfquote von über 80 Prozent, viele Geimpfte haben dazu noch eine Infektion überstanden. Die Lage ist also komplett anders als in den vergangenen beiden Jahren. Deshalb würde ich viel mehr auf die Eigenverantwortung der Menschen setzen.

Werden die neuen Omikron-Impfstoffe angenommen?

Gassen: Die Nachfrage ist sehr verhalten. Das wundert mich auch nicht: Die meisten impfwilligen Menschen haben sich impfen lassen, die Impfverweigerer wollten es sowieso nie. Wir haben von Anfang an das Potenzial für Corona-Impfungen in diesem Herbst bei höchstens 20 bis 30 Millionen Menschen gesehen. Die Bundesregierung hat jedoch angeblich ein Vielfaches davon bestellt. In diesem Fall ginge ich davon aus, dass wir einen größeren Teil der beschafften Impfdosen am Ende wegwerfen müssten. Das betrifft den alten Impfstoff, das betrifft aber genauso die beiden an Omikron angepassten Impfstoffe.

Die Zahl der Patienten, die mit und wegen Corona im Krankenhaus liegen, ist stark gestiegen, die Zahl der freien Intensivbetten ist stark gesunken. Besorgt Sie das?

Gassen: Laut Divi-Tagesreport beträgt der Anteil der corona-positiven Patienten auf Intensivstationen rund 9 Prozent. Ob es sich hier um Intensivpatienten durch oder mit Corona-Infektion handelt, kann ich nicht sagen. Ein Problem für Krankenhäuser ist sicher, dass corona-positive Patienten unabhängig vom Grund der Behandlung besondere organisatorische Aufwände auslösen. Müssen wir corona-infizierte Patienten, die aus einem ganz anderen Grund ins Krankenhaus kommen, auch zukünftig auf Dauer besonders behandeln? Müssen wir zukünftig dauerhaft überhaupt jeden Neuzugang testen? Wir haben ja früher auch nicht jeden auf Influenza getestet. Der Bettenmangel hat aber wie bereits gesagt auch noch einen anderen Grund: Asymptomatisches Personal, das positiv getestet wurde, fällt tagelang aus. Auch das ist falsch.

Sie wollen, dass corona-positive Ärzte und Pflegekräfte Patienten behandeln?

Gassen: Wir müssen uns fragen, ob dauernde anlasslose Tests überhaupt sinnvoll sind. Ohne Symptome sind eigentlich pauschal auch keine Tests nötig. Das gilt generell für Beschäftigte in allen Branchen. Im medizinischen Bereich muss man den Einzelfall betrachten: Personal im Krankenhaus, das zum Beispiel in der Küche, der Bettenzentrale oder im Hausmeisterdienst arbeitet, muss doch nicht beständig getestet werden und ohne Symptome bei positivem Test tagelang zu Hause bleiben. Eine Pflegerin, die auf der unfallchirurgischen Station arbeitet, braucht bei klinischer Gesundheit normalerweise keine anlasslosen Tests und kann auch mit einer Infektion arbeiten gehen, wenn sie symptomfrei ist. Auf der Intensivstation oder auf der Onkologie wäre das anders. Aber diese Dinge müssen jetzt vor Ort entschieden werden. Bund und Länder sollten die pauschalen Regeln für Tests, Masken und Isolation dringend überarbeiten.

Was sagen Sie denen, die aus Sorge vor Long Covid zu mehr Vorsicht raten?

Gassen: Man muss Long Covid ernst nehmen, aber deshalb nicht irrational werden. Es gibt junge, gesunde Menschen, die schwer an Corona erkranken und mitunter auch an Long Covid. Aber es ist kein Massenphänomen. Es ist deswegen falsch, so zu tun, als ob jeder, der eine Corona-Infektion hatte, mehr oder weniger sicher an Long Covid erkrankt. Man kann heute strenge Maßnahmen nicht pauschal mit Long Covid begründen. Die Menschen akzeptieren das meines Erachtens auch nicht mehr.

Die Pandemie hat gezeigt: Deutschland hat ein Datenproblem. Die Ampel will nun, dass bis 2025 rund 80 Prozent der Deutschen die elektronische Patientenakte nutzen. Bislang aber machen viele Arztpraxen noch gar nicht mit. Ist das Projekt gescheitert?

Gassen: Es machen auch kaum Patienten mit. Kaum jemand will die elektronische Patientenakte haben. Von den 73 Millionen gesetzlich Versicherten hat gerade mal eine geringe sechsstellige Zahl von ihnen die ePatientenakte angefordert. Auch medizinisch bringt sie nicht wirklich viel. Die ePA ist letztlich nur ein elektronischer Aktenordner, den der Patient nach Gutdünken gefüllt hat. Das ganze Projekt funktioniert noch nicht.

Bislang klappt ja nicht mal die flächendeckende Einführung des eRezepts.

Gassen: Das eRezept funktioniert tatsächlich nicht wirklich. Vor allen Dingen ist es noch keine wirklich reine digitale Lösung, da es immer noch Papierausdrucke gibt. Digitale Anwendungen, die einen wirklichen Mehrwert für Patienten und Ärzte bringen, gibt es derzeit noch nicht. In der vorliegenden Form kostet es kostbare Arztzeit und viel Geld.

Das heißt, wir lassen es einfach ganz?

Gassen: Nein, im Gegenteil: Wir brauchen aber bei der Digitalisierung einen kompletten Neustart. Man muss jetzt den Mut haben, offenkundig dysfunktionale Technologien zu beenden, frisches Geld in die Hand zu nehmen und das Ganze noch mal neu aufsetzen. Das wird vielleicht noch einmal die eine oder andere Milliarde kosten. So aber verbrennt die Digitalisierung auch viel Geld und hemmt die Praxen bei ihrer Arbeit und bringt letztlich nichts. Für die Praxen ist eine solche Pseudodigitalisierung nur ein teures Ärgernis.

Und der Datenschutz?

Gassen: Die Daten müssen in die Hoheit der Patienten sein. Jeder muss selbst entscheiden können, welche Daten er oder sie frei gibt und welche nicht. Damit dürften dann auch die Datenschützer keine Probleme haben.

Die aktuellen Maßnahmen gelten bis zum 7. April. Ist Ostern Freedom Day? Sollten danach alle gesetzlichen Schutzmaßnahmen auslaufen?

Gassen: Machen wir uns nichts vor: Die Kneipen sind voll, die Diskotheken sind voll, viele tragen in Bus und Bahn schon keine Maske mehr. Die Leute sind es müde, immer vorsichtig zu sein und entscheiden für sich selbst. Für viele sind die Themen Ukraine oder die Inflation deutlich bedrohlicher als Corona.

Ist für Sie die Pandemie vorbei?

Gassen: Das Virus ist ja nicht weg. Corona wird wohl auch nie wieder ganz verschwinden – das haben wir schon im Herbst 2020 so gesagt. Aber die Pandemie und die Gefahr, schwer an Covid zu erkranken, ist für die allermeisten vorbei. Corona wird zunehmend Teil des endemischen Krankheitsgeschehens. Wir werden schlicht damit leben müssen, dass jedes Jahr Menschen an Corona sterben, wie sie auch an Influenza oder an anderen Erkrankungen sterben. Covid wird als Teil des Krankheitsgeschehens eine Erkrankung von vielen sein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.