Leitartikel

Gedenken an den Holocaust: Die Zukunft endet nicht

Diana Zinkler
| Lesedauer: 4 Minuten
Tränen und Aufrufe beim Holocaust-Gedenken im Bundestag

Tränen und Aufrufe beim Holocaust-Gedenken im Bundestag

Emotionale Sondersitzung im Bundestag zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus: Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher warnte vor dem Erstarken des Antisemitismus, Knesset-Präsident Mickey Levy rief dazu auf, die Erinnerungsarbeit fortzusetzen.

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Berlin.  Das Gedenken an den Holocaust ist eine Absicherung für die Demokratie, meint Diana Zinkler. Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit.

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas hat das Problem in der Gedenkstunde im Bundestag selbst benannt: „Erinnerungskultur lässt sich nicht verordnen.“ So schmerzhaft diese Feststellung bezogen auf die Vergegenwärtigung nationalsozialistischer Verbrechen und den Holocaust auch ist, sie ist der Ausweis einer Demokratie. Doch der Grad ist schmal.

Denn die Zahl der antisemitischen Übergriffe und Straftaten ist während der Corona-Pandemie noch gestiegen. Querdenker setzen sich mit Widerstandskämpferinnen wie Sophie Scholl gleich, andere marschieren auf Querdenker-Demos mit gelbem Stern und „ungeimpft“-Schriftzug auf der Brust durch die Städte.

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Gesellschaft und Politik müssen wachsam sein

BDS-Anhänger boykottieren israelische Produkte und Kultur und wollen den Staat Israel auf allen Ebenen isolieren. Zuletzt verkündete die irische Autorin Sally Rooney, ihren neuen Roman nicht ins Hebräische übersetzen zu lassen. Der Antisemitismus ist vielfältig, und er führt wie beim Angriff auf die Synagoge von Halle zu Toten. Deshalb müssen die Gesellschaft und die Politik umso wachsamer sein.

Denn die Gegenwart eines Landes wird durch die Vergangenheit bestimmt. Es gibt keine Zukunft, kein Jetzt ohne das Davor. Und um das Heute zu verstehen, braucht man das Gestern. Das heißt also, dass Gedenken an die Opfer des Holocaust und das Verstehen der Ursachen dafür, die Auseinandersetzung mit dem NS-Regime sowie der NS-Zeit immer wieder aufs Neue geschehen müssen.

Fragen an die Geschichte stellen – und beantworten

Es kann also kein „Jetzt ist doch mal genug!“ oder einen Schlussstrich unter die „unangenehme“ Geschichte geben, denn das wäre eine Gefährdung der Demokratie. Die Zukunft endet ja auch nicht, sie liegt immer wieder vor uns, und wie wir sie gestalten, hängt auch davon ab, wie sehr wir uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen.

Bärbel Bas forderte, dass die Gesellschaft immer wieder Fragen an die Geschichte stellen müsse – und diese auch beantworte.

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Aufzeichnungen, Erinnerungen und Erlebnisse

Doch wer soll diese Fragen künftig beantworten, wenn alle Zeitzeugen und Überlebenden des Holocaust gestorben sind? Umso wichtiger sind Aufzeichnungen, Aufnahmen dieser Erinnerungen und Erlebnisse. Ob und wie diese dann auch vermittelt werden, ist eine Frage, die die Politik beantworten muss.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung forderte kürzlich, dass die NS-Zeit mehr als bisher in die Lehrerausbildung an deutschen Universitäten aufgenommen wird, gleichzeitig sollen junge Lehrer verpflichtend KZ-Gedenkstätten oder das Haus der Wannseekonferenz besuchen müssen. Für Schüler sollte im Übrigen die gleiche Verpflichtung gelten.

Vergast, erschossen, erhängt und zu Tode gequält

Inge Auerbacher erinnerte in der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag stellvertretend mit ihrem eigenen Schicksal an die eineinhalb Millionen Kinder, die im Holocaust durch die nationalsozialistischen Verbrecher ermordet wurden. Sie wurden vergast, erschossen, erhängt und zu Tode gequält. Inge Auerbacher überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt, doch sie litt noch Jahre später an den gesundheitlichen Folgen.

Sie emigrierte zwar 1946 mit ihren Eltern in die USA, doch dort war sie zunächst jahrelang im Krankenhaus, sie hatte sich im KZ in beiden Lungenflügeln Tuberkulose geholt. Die 87-jährige US-Amerikanerin trägt bis heute einen Schmetterling als Brosche, zur Erinnerung an die ermordeten Kinder von Theresienstadt.

Nach dem Ende des Krieges wurden auf dem Dachboden des Kinderheims von Theresienstadt zwei Koffer mit Zeichnungen und Gedichten der Kinder, die dorthin verschleppt wurden, gefunden. Ein Gedicht endet mit den Worten: „Einen Schmetterling habe ich hier nicht gesehen. Schmetterlinge leben hier nicht, im Ghetto.“