Ukraine-Krieg

Raketenhagel über der Ukraine: Putins Rachefeldzug

Michael Backfisch
| Lesedauer: 5 Minuten
Putin zur Explosion auf Krim-Brücke: "Zweifellos Terrorakt"

Putin zur Explosion auf Krim-Brücke: "Zweifellos Terrorakt"

Der russische Präsident Wladimir Putin hat die Explosion auf der Krim-Brücke als "Terrorakt" bezeichnet, für den die ukrainischen Geheimdienste verantwortlich seien. "Die Täter, Ausführenden und Auftraggeber sind die ukrainischen Geheimdienste", sagte der Kreml-Chef.

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Berlin   Die Raketenangriffe, nicht nur auf Kiew, sind die Rache für die Zerstörung der Krim-Brücke. Welche Strategie könnte dahinter stecken?

Die Antwort kam mit leichter Verzögerung, war aber massiv. Zwei Tage nach der Explosion auf der Krim-Brücke überzog Russland die Ukraine mit einem gewaltigen Raketenhagel. Was beabsichtigt Kremlchef Wladimir Putin damit? Und wie reagiert der Westen?

Wie hart wurde die Ukraine durch russische Angriffe getroffen?

Es war ein auf maximale Zerstörung angelegtes Bombardement. Nach Angaben der ukrainischen Regierung hat Russland am Montag 83 Raketen auf verschiedene Städte im ganzen Land abgefeuert. 43 davon seien von der ukrainischen Luftabwehr abgeschossen worden. Bei einer Attacke mitten in einem Wohnviertel in Kiews habe es mindestens neun Tote und 36 Verletzte gegeben, meldete Bürgermeister Vitali Klitschko. Es waren die ersten schweren Angriffe nach Monaten relativer Ruhe.

Auch in den ostukrainischen Metropolen Charkiw und Slowjansk kam es nach Raketeneinschlägen zu Stromausfällen. Die Wasserversorgung war beschädigt. In der Stadt Lwiw (Lemberg) im Westen unweit der Grenze zu Polen wurde ebenfalls von schweren Explosionen erschüttert. Getroffen wurden auch die Städte Nikopol und Marhanez im Süden, die dem Atomkraftwerk Saporischschja gegenüber am anderen Ufer des Flusses Dnipro liegen.

Wie rechtfertigt der russische Präsident Wladimir Putin die Attacken?

Putin bezeichnete die Raketenangriffe Moskaus als Reaktion auf „Terroranschläge“ gegen russisches Gebiet. Ein klassischer Rachefeldzug. Zugleich drohte er bei einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates am Montag mit einer noch härteren „Antwort“, sollten die „ukrainischen Angriffe“ fortgesetzt werden.

Am Sonnabend war es auf der für Russland strategisch wichtigen Krim-Brücke zu einer großen Explosion gekommen. Dabei brannten mit Diesel gefüllte Waggons eines Güterzuges aus, der Teil der vierspurigen Fahrbahn sank ins Meer, drei Menschen wurden getötet. Der Kremlchef nannte den Anschlag einen „Terrorakt“ des ukrainischen Geheimdienstes SBU.

Wie ändert der Kremlchef seine Kriegsführung?

Putin will die Ukrainer mit seinem Brutalo-Kurs einschüchtern. „Die Botschaft ist: Wir können euch überall treffen“, betont Gustav Gressel von der Berliner Denkfabrik European Council on Foreign Relations. Je höher die Zahl der zivilen Toten, desto mehr schwindet der Durchhaltewillen der Bevölkerung, lautet Putins zynisches Kalkül.

Weiterer Pfeiler der Zermürbungs-Strategie: Durch die gezielte Bombardierung von kritischer Infrastruktur wie Kraftwerke, Stromnetze, Wasserleitungen und Wärmesysteme will er die Ukrainer zur Kapitulation zwingen. Die Winter im Land sind extrem hart, die Temperaturen weit unter null. Ohne Heizung ist dies kaum auszuhalten.

Putin versucht damit verzweifelt, das Heft des Handelns wieder in die Hand zu bekommen. Die russischen Truppen waren in den vergangenen Wochen im Osten und Süden der Ukraine in die Defensive geraten. Der Kremlchef will mit einer von Reservisten die schweren Verluste seiner desorganisierten Armee wettmachen, rief damit jedoch auch großen Frust hervor. Zehntausende junger Russen flohen aus dem Land.

Weitere Absicht des Raketenhagels: Der Kremlchef erhofft sich, Hardliner wie den Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow oder den Chef der Privatarmee Wagner, Jewgeni Prigoschin, ruhigzustellen. Diese hatten zuletzt die russische Militärführung direkt – und damit den Oberbefehlshaber Putin indirekt – als zu lasch kritisiert.

Auch Belarus soll offenbar eine größere Rolle im Ukraine-Krieg spielen. „Wir haben beschlossen, einen regionalen Verbund der Russischen Föderation und der Republik Belarus aufzustellen“, erklärte der belarussische Staatschef Alexander Lukaschenko. Ein Kriegseintritt der relativ kleinen Armee des russischen Nachbarlandes (rund 45.000 Mann) ist hingegen nicht zu erwarten. Moskau dürfte eher daran gelegen sein, einen neuen Unruheherd im Grenzgebiet zwischen Belarus und der Ukraine zu schaffen, um ukrainische Truppen dort zu binden.

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Was kann Putin mit seinem Rachefeldzug erreichen?

Den Widerstandswillen der Ukrainer dürfte Putin damit kaum brechen. Die Kampfbereitschaft und die Motivation der ukrainischen Soldaten hatte der russische Präsident von Anfang an unterschätzt.

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Wie reagiert die Ukraine?

Kiew bezichtigte Moskau neuer „Kriegsverbrechen“ und forderte moderne Waffen vom Westen. „Die beste Antwort auf den russischen Raketenterror ist die Lieferung von Flugabwehr- und Raketenabwehrsystemen an die Ukraine“, unterstrich der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow.

Wie antwortet der Westen?

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der französische Präsident Emmanuel Macron sicherten dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Telefonaten die Solidarität ihrer Länder zu. An diesem Dienstag wollen die G7-Staaten in einer gemeinsamen Videoschalte mit Selenskyj beraten. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen unterstrich, dass man der Ukraine so lange zur Seite stehen werde, wie dies nötig sei. „Mit allen Mitteln, die wir haben.“

Die Ukraine soll in Kürze das erste hochmoderne Luftverteidigungssystem aus Deutschland bekommen. Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) kündigte an, das erste von insgesamt vier zugesagten Exemplaren des Luftverteidigungssystems Iris-T SLM werde „in den nächsten Tagen“ bereit gestellt. Drei weitere Einheiten könnten aber erst im Laufe des nächsten Jahres geliefert werden.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf www.morgenpost.de.