Jugendstation von Staatsanwaltschaft, Polizei und Jugendämtern in Jena zieht Bilanz

Die Jugendstation als Gemeinschaftseinrichtung von Staatsanwaltschaft, Polizei und den Jugendämtern der Stadt Jena und des Saale-Holzland-Kreises zog gestern nach zwei Jahren eine Zwischenbilanz.

Der Leitende Oberstaatsanwalt und Chef der Staatsanwaltschaft Gera Thomas Villwock vor dem Gebäude der Jugendstation in der Jenaer August-Bebel-Straße 3, dem früheren Sitz des Arbeitsgerichts Jena.
Foto: Lutz Prager

Der Leitende Oberstaatsanwalt und Chef der Staatsanwaltschaft Gera Thomas Villwock vor dem Gebäude der Jugendstation in der Jenaer August-Bebel-Straße 3, dem früheren Sitz des Arbeitsgerichts Jena. Foto: Lutz Prager

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Jena. Die Strafe soll bekanntermaßen auf den Fuß folgen, sonst verfehlt sie ihre Wirkung. Das gilt ganz besonders für straffällig gewordene Jugendliche. Seit März 2011 kümmert sich die ­Jugendstation in Jena sehr intensiv um diese Klientel. Nach den ersten zwei Jahren des zunächst auf drei Jahre befristeten Pilotprojekts zog die Gemeinschaftseinrichtung von Polizei, Staatsanwaltschaft und den Jugendämtern der Stadt Jena und des Saale-Holzland-Kreises gestern bei einer Feierstunde im Rathaus eine Zwischenbilanz. Unsere Zeitung sprach dazu mit dem Leiter der Staatsanwaltschaft Gera, Thomas Villwock.

Was hat die Station an der ­Situation der Verfolgung von Jugendstraftaten verändert?

Es ist uns vor allem gelungen, Verfahren rascher abzuschließen, weil alle Vertreter der beteiligten Behörden unter einem Dach zusammen arbeiten, die Wege also extrem kurz sind. Die Strafe folgte damit wirklich auf dem Fuße und das Verfahren war für den einzelnen Jugend­lichen spürbar. Das ist ganz wichtig, denn Ziel ist es ja, dass es möglichst bei einem einmaligen Ausrutscher bleibt.

Gibt es Zahlen, die die höhere Effektivität belegen?

In den Jugendstationen Gera und Jena werden im Trend innerhalb eines Monats etwa doppelt soviele Ermittlungsverfahren abgeschlossen, wie in den übrigen vergleichbaren mit ­Jugendstraftaten beschäftigten Dezernaten der Staatsanwaltschaft Gera.

Hat diese Art der Verfolgung von Straftaten auch einen Einfluss auf die absolute Zahl der Jugendstraftaten?

Das ist so nicht nachweisbar. Die Zahl der Jugendstraftaten sank in Jena und im Saale-Holzland-Kreis zwischen 2011 und 2012 von 1700 auf 1400, das ist aus meiner Sicht aber eher ein Effekt demographischer Entwicklung. Das gilt ebenso für die Stadt Gera, wo die Fallzahlen im gleichen Zeitraum von 1600 auf 1500 sanken. Es wäre vermessen, das als Erfolg der Jugendstationen darzustellen.

Und wie ist das mit der Rückfallquote?

Dazu gibt es leider auch keine Untersuchungen oder Statistiken. Ich würde mir sehr wünschen, dass die Arbeit der ­Jugendstationen wissenschaftlich begleitet und evaluiert wird, um genau solche Erkenntnisse zu erhalten.

Warum interessieren sich die Wissenschaftler nicht dafür?

Die interessieren sich schon, aber so ein Projekt kostet Geld und ist nicht in einem Vierteljahr abschließbar. Um zu seriösen Ergebnissen zu kommen, müssten bis zu fünf Jahre verschiedene Probandengruppen begleitet werden.

Und was sagt Ihr persönliches "Bauchgefühl"?

Ich denke, die Rückfallquote sinkt durch die Erfahrung mit der Jugendstation.

Woran machen Sie das fest?

Ein wichtiges Stichwort ist ­dabei Diversion. Das bedeutet: Bei weniger schwerwiegenden Taten oder wenn der Jugend­liche Ersttäter ist, wird nicht Anklage erhoben, sondern nach anderen Möglichkeiten einer erzieherischen Maßnahme gesucht. Meist sind das dann vom Staatsanwalt angeordnete Sozialstunden, die Wiedergutmachung eines angerichteten Schadens, soziale Trainingskurse, Verkehrsunterricht oder Anti-Drogenseminare.

Einstellung des Verfahrens bei geringer Schuld gegen eine Auflage ist doch aber auch bei der Verfolgung von Straftaten ohne Jugendstation üblich.

Das ist richtig. Es macht aber einen Unterschied, ob ein Staatsanwalt von Gera aus einfach nur einen Bescheid über die Einstellung des Verfahrens verschickt, oder ob während des Verfahrens vor Ort auch immer wieder mit dem jugend­lichen Straftäter gesprochen wird. Ihm wird klar gemacht, dass er sich in einem Ermittlungsverfahren befindet, was das bedeutet und was das für Folgen in der Zukunft hat. Darin sehe ich eine wichtige erzieherische Maßnahme.

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