Jena. Der Jenaer Journalist Frank Döbert verstarb im Alter von 69 Jahren

Er liebte seine Wahl-Heimatstadt Jena. 25 Jahre lang begleitete sie Frank Döbert als Redakteur und Reporter der Ostthüringer Zeitung publizistisch. Am 19. April ist er nach kurzer, schwerer Krankheit in Jena gestorben.

Meine letzte Begegnung mit ihm ist erst ein paar Monate her. Wir trafen uns zufällig in der Stadt, in der Weigelstraße, bei den „tanzenden Mädchen“. Gut gelaunt und voller Tatendrang berichtete er mir von seinem alles andere als langweiligen Rentnerdasein. Vortrag hier, Zeitzeugengespräche dort, Ausstellungsprojekte in der Pipeline, dazwischen noch ein zeitgeschichtlicher Beitrag für die Tageszeitung … und schon wieder in ein paar Tagen auf dem Abflug nach London, wo er regelmäßig in den Archiven des britischen Militärs in Originaldokumenten zu den Luftangriffen auf Jena, zu Zwangsarbeit in Jenaer Firmen oder zu Einzelschicksalen von Menschen recherchierte. Die Folgen seines schweren Herzinfarkts in den 2010er Jahren, die auch ein Grund für seinen Vorruhestand waren, schien er gut weggesteckt zu haben. Dass es unsere letzte Begegnung werden würde, hätte ich damals ganz und gar nicht vermutet.

Nach der Wende Karriere als Journalist gestartet

Frank Döbert wurde 1955 in Weißenfels (Sachsen-Anhalt) geboren. Das Studium in Jena, das er als Diplomingenieur für wissenschaftlich-technischen Gerätebau abschloss, führte ihn beruflich und für Jena typisch zum VEB Carl Zeiss. So recht passte der parteilose und kritische Freigeist, der noch dazu mit langen Haaren die Vorgesetzten provozierte, aber nicht zum straff geführten sozialistischen Vorzeigekombinat, so dass der junge Zeissianer – wohl auch wegen der Beantragung einer Westreise – flog und nur noch einen Job beim VEB Sekundärrohstoffhandel, heute würde man Wertstoffhof sagen, fand.

Die berufliche und gesellschaftliche Degradierung hatte zumindest für ihn etwas Praktisches: Frank Döbert konnte seiner privaten Leidenschaft des Sammelns alter Jenaer Fotos, Postkarten, Dokumente und Bücher frönen.

Mit seinem Interesse an und seinem Wissen über Jenaer Zeitgeschichte konnte er nach der Wende seine zweite Karriere als Journalist starten. Als Quereinsteiger kam er zur Ostthüringer Zeitung, da die Redakteure auf die Qualität der von ihm angebotenen Beiträge aufmerksam geworden waren. Mit festem Arbeitsvertrag begleitete er fortan alle Themen der Stadtentwicklung. Mit seinen Beiträgen und Kommentaren, die sich sehr oft kritisch mit der Stadtpolitik und -verwaltung auseinandersetzten, machte er sich rasch einen Namen bei den Lesern und in der Stadt. Und, wie es sich für einen guten Lokaljournalisten gehört, nicht nur Freunde. Vor allem bei den „Entscheidern“ war Frank Döbert weniger beliebt, weil er gern nach oben trat und immer wieder den Finger in die Wunde legte. Dagegen setzte er sich -- oft genug berührend -- für die ganz kleinen Leute in Jena ein, die Benachteiligten oder Jugendliche, die durch das „normale“ Raster fielen. Er vermittelte nicht selten zwischen Randgruppen, Polizei, Stadtverwaltung, Stadtrat. Einen breiten Leserkreis fanden Frank Döberts Beiträge zur Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit in Jena. Da war er Jäger und Aufklärer und Gründungsmitglied der Geschichtswerkstatt Jena. In den vergangenen 20 Jahren richtete sich sein Fokus dann auf die Zeit des Nationalsozialismus.

In Londoner Archiven wertete er Dokumente der Royal Air Force zur Bombardierung Jenas im Zweiten Weltkrieg aus. Das waren bahnbrechende Recherchen mit bis dahin weitgehend unbekannten Erkenntnissen.

Geschichtswerkstatt in Jena mit gegründet

Seine wohl aufwendigste Arbeit außerhalb des Tagesgeschäftes der Lokalredaktion waren Recherchen und eine daraus entstandene Ausstellung im Stadtmuseum zum in Jena stationierten Polizeibataillon 311 und seiner Rolle im Holocaust und im Vernichtungskrieg in Polen, Belarus und der Ukraine. Zu diesem Thema referierte er nicht nur mehrfach in der Thüringer Polizeischule in Meiningen, sondern auch in der Führungsakademie der Polizei in Münster. Auch das Thema NSU -- Nationalsozialistischer Untergrund -- beleuchtete er mit seinen Recherchen auf lokaler Ebene und gestaltete in seinen letzten Lebensjahren eine vielbeachtete Ausstellung dazu.

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Bis zuletzt schrieb Frank Döbert immer wieder spannende Beiträge für die Zeitungen der Funke-Mediengruppe zu zeitgeschichtlichen Themen. Seine letzte tagesjournalistische Arbeit war die Aufdeckung eines überaus dubiosen Deals zwischen dem ehemaligen Werkleiter von Jenakultur und einem Künstler, der für einen sechsstelligen Beitrag aus seinen zu Asche verbrannten Bildern und seinem Kot Diamanten pressen lassen und das als besonders abgefahrenes Kunstwerk zur Schau stellen wollte.

Frank Döbert hinterlässt seine Ehefrau, eine Tochter und seine Enkel. Die Kolleginnen und Kollegen dieser Zeitung werden ihn in guter Erinnerung behalten, als vielseitigen Kollegen und sympathischen Menschen. Ruhe in Frieden, lieber Frank!