Trotz Digitalpakt: In vielen armen Jenaer Familien kaum Fernunterricht

Jena  Verein „Ein Dach für alle“ ruft zum Sponsern von Technik für die Unterstützung sozial schwacher Familien auf

Damit das Homeschooling in Zeiten von Corona gut funktioniert, ist funktionierende Technik vonnöten. Der Jenaer Verein EDA unterstützt sozial schwache Familien dabei in der „Kinderoase“. (Symbolbild)

Damit das Homeschooling in Zeiten von Corona gut funktioniert, ist funktionierende Technik vonnöten. Der Jenaer Verein EDA unterstützt sozial schwache Familien dabei in der „Kinderoase“. (Symbolbild)

Foto: Reto Klar

Fernunterricht allein reicht keineswegs. Bei manchen Kindern funktioniert er als einziges Lernangebot in Lockdown-Zeiten so gut wie gar nicht.

Kerstin Schulz kann ein Lied davon singen. Sie führt die Geschäfte des Vereins „Ein Dach für alle“ EDA, der 70 Wohnungen vorhält und so dessen 180 sozial schwache Bewohner von Obdachlosigkeit fernhält. Und die Kinder darunter? 60 von ihnen betreut EDA mit seinem Projekt „Kinderoase“, wo in normalen Zeiten täglich um die 15 Mädchen und Jungen Zeit verbringen.

Funktionierende Technik ist Voraussetzung für Fernunterricht

Aktuell könne die „Kinderoase“ wegen des Lockdowns nur zwölf Stunden innerhalb einer Woche offen sein, sodass jedes Schulkind per Eins-zu-eins-Betreuung wenigstens einmal wöchentlich bei den EDA-Sozialarbeitern Hilfe für den Fernunterricht findet, erläutert Kerstin Schulz. Das Dilemma bekam nach ihrer Beschreibung jüngst noch den Punkt aufs i, als vereinseigene Technik den Geist aufgab, mit der EDA den Fernunterricht ein wenig am Glimmen halten will. Denn klar sei doch, wie Kerstin Schulz betont: Mehrere der Kinder hätten Eltern mit sehr eingeschränkten Möglichkeiten. Und besitzen keinen Laptop, keinen Drucker, kein Headset, keinen WLAN-Anschluss, keine E-Mail-Adresse – das sei für viele Kinder aus der EDA-Klientel die Ausgangslage.

Hinzu komme, dass einige der Mädchen und Jungen mit Handicaps in Zeiten des normalen Regelbetriebs auf Schulbegleiter angewiesen seien, die derzeit wegen des Lockdowns nicht zur Verfügung stünden. „Und es scheitern an der Technik ja schon Normalsterbliche“, sagt Kerstin Schulz. Sie ist sich sicher: „Unsere Kinder werden ein Schuljahr zurückbleiben. Aber wir managen das Mögliche und ziehen das durch, bis die Kinder wieder zur Schule gehen.“

Geld vom Jobcenter reicht nicht aus

Zum Beispiel hätten andere soziale Trägervereine mit ähnlichen Nöten nicht einmal Extraräume. Indessen hat EDA für seine „Kinderoase“ sogar Sichtscheiben für den Corona-Schutz von einer Firma gesponsert bekommen. Nach Kerstin Schulz' Beobachtung sind die EDA-Eltern wiederum deutlich zurückhaltend, wenn sie für den Empfang jener Laptops und Notebooks gegenzeichnen sollen, die die Schulen jetzt dank „Digitalpakt“ verteilen. „Sie haben Angst davor, was auf sie zukommt, wenn mit der Technik etwas passiert.“ Darum hat EDA alternativ Anträge auf Sonderbedarf beim Jobcenter Jenarbeit unterstützt und zur Kenntnis bekommen: 100 Euro seien pro Kind und Jahr für Schulbelange verfügbar. „500 Euro sind doch wohl aber das Minimum für einen Laptop und ein Headset“, sagt Kerstin Schulz. So werde nun eine Sammelklage vorm Sozialgericht gegen die Jenarbeit-Verfügung erwogen.

Bleibt noch diese Idee von Kerstin Schulz: Sie ruft zum Sponsoring von Technik auf, damit wenigstens die Kinderoase als kleine „Homeschooling“-Oase ausgestattet werden kann. René Ehrenberg hat die gute Nachricht. Nach den Worten des Jenaer Schulverwaltungsamts-Chefs werden bis Ende nächster Woche 660 Tablets und 660 Notebooks an die Schulen verteilt. Die dafür benötigten 620.000 Euro erhielt die Stadt aus der „Digitalpakt“ genannten Finanzhilfe des Bundes; Ende 2020 hatte Jena den Erwerb der Geräte per Ausschreibung angestoßen. Nach René Ehrenbergs Darstellung orientiert man sich bei der Verteilung zunächst bevorzugt am Anspruch auf „Bildung und Teilhabe“ – der Bildungsförderung, auf die Familien mit wenig Geld im Rahmen der Grundsicherung zurückgreifen können. „Wir setzen darauf, dass die einzelne Schule den konkreten Bedarf am besten einschätzen kann“, sagte Ehrenberg. Und wie ist das mit dem bei EDA beobachteten Verzicht aus Angst? Der Leihvertrag sei natürlich nötig. „Es geht um Vermögen der Stadt“, sagte René Ehrenberg. „Darin liegt aber keine Zauberei. Wir wollen, dass damit pfleglich umgegangen wird.“