Leiter der Pandemiestationen in Saalfeld: „Wünsche mir klare Ansagen von der Politik“

Saalfeld.  Fragen an Igor Alexander Harsch, Leiter der Pandemiestationen der Thüringen-Kliniken in Saalfeld, zu Corona, Covid-19 und den Folgen.

Igor Alexander Harsch vor dem Eingang der ersten Pandemiestation am Standort Saalfeld der Thüringen-Kliniken. Inzwischen gibt es auf zwei Stationen in Saalfeld, für die der Mediziner verantwortlich ist, fast 30 stationäre Coronapatienten, in Rudolstadt weitere 15. 

Igor Alexander Harsch vor dem Eingang der ersten Pandemiestation am Standort Saalfeld der Thüringen-Kliniken. Inzwischen gibt es auf zwei Stationen in Saalfeld, für die der Mediziner verantwortlich ist, fast 30 stationäre Coronapatienten, in Rudolstadt weitere 15. 

Foto: Thomas Spanier

Professor Dr. med. Igor Alexander Harsch ist Internist, Endokrinologe, Diabetologe und seit zehn Jahren als Leitender Oberarzt der Klink für Innere Medizin II der Thüringen-Kliniken in Saalfeld tätig. Seit März dieses Jahres leitet er die Pandemiestation des Krankenhauses in Saalfeld. Die OTZ sprach mit ihm über seine Erfahrungen mit dem Coronavirus, Covid-19 und den Folgen für die Patienten.

Herr Professor, wie viele Patienten mit Covid-19 haben Sie seit dem Frühjahr in Saalfeld behandelt?

Hier in Saalfeld waren es bisher etwa 85 Patienten. Leider stiegen die Zahlen zuletzt stark an. Waren es in der sogenannten ersten Welle nie mehr als zehn Patienten gleichzeitig, so betreuen wir gegenwärtig in Saalfeld 28 Patienten auf zwei Stationen, in Rudolstadt sind es 15. Dort werden wir wahrscheinlich noch in dieser Woche eine weitere Station eröffnen müssen.

Wie viele freie Betten gibt es noch?

Pro forma haben wir in Saalfeld und Rudolstadt rund 70 Betten zur Verfügung, die aber wegen Personalproblemen nicht alle bepflegbar sind. Bei einer mittleren Liegezeit von aktuell 15 Tagen können die Betten sehr schnell voll sein, wenn es nicht gelingt, die Infektionszahl zu senken.

Wie viele der Patienten haben schwere Verläufe?

Prinzipiell versuchen wir, Patienten, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, nach Jena oder Bad Berka zu verlegen, wo man noch besser ausgestattet ist. In der vorigen Woche betraf das einen 50 Jahre alten Mann und eine Frau Mitte 60.

In welchem Altersspektrum bewegen sich die Patienten?

Zwischen 50 und 94. Natürlich sind viele Patienten hochbetagt, es kann aber auch jüngere Menschen mit schweren Verläufen erwischen. Das beste Beispiel war unser erster Patient überhaupt im Frühjahr. Ein Hobbytaucher, Mitte 50, sportlich und drahtig. Er hatte einen mittelschweren Verlauf und musste über zwei Wochen stationär behandelt werden. Über Langzeitfolgen haben wir da noch gar nicht geredet.

Was wissen Sie über das Virus?

Wir lernen jeden Tag dazu. Das Virus mag es, wenn wir kuscheln. Es verbreitet sich, wenn viele Menschen aufeinander kleben. Das Fiese daran ist, dass wir einige Tage lang infektiös sind, bevor wir selbst Symptome bemerken. Hat es den Organismus befallen, kann sich die Erkrankung an verschiedenen Organen abspielen. Mit den bekannten Folgen. Als Mediziner ist es dann oft frustrierend, weil wir nur die Symptome behandeln können, aber kein Mittel haben, um die Ursache zu bekämpfen.

Es gibt Leute, die meinen, Covid-19 sei nur eine normale Grippe.

Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Ich würde diese Leute gerne mal durch unsere Station führen, ihnen die erschreckenden Bilder zeigen, die wir beim CT der Lunge sehen. Corona ist eine ganz andere Nummer, 1,4 Millionen Tote weltweit sprechen eine deutliche Sprache.

Wie kann man sich schützen?

Das Wichtigste sind tatsächlich Abstand, Hygiene und bei Menschenansammlungen ein Mund-Nasen-Schutz. Es gibt Hinweise, dass durch das Masketragen, das ich für sinnvoll halte, auch die Verläufe milder werden, falls man sich doch ansteckt.

Wie verhindern Sie eine Ausbreitung des Coronavirus’ im Krankenhaus?

Seit dieser Woche wird neuen Patienten, die keinen aktuellen PCR-Test aufweisen, vor der Aufnahme ein Schnelltest angeboten. Unsere Mitarbeiter an allen drei Standorten haben die Möglichkeit, sich wöchentlich testen zu lassen.

Wie schätzen Sie den bisherigen Umgang mit der Pandemie in Deutschland ein?

Wir haben es im Wesentlichen gut gemacht, wie man ja an den Zahlen sieht; mit zwei Ausnahmen: Wir waren im Sommer zu sorglos und der jetzige Teil-Lockdown kam ein bisschen zu spät.

Welche Wünsche haben Sie an die Politik?

Dass sie wieder die Freihaltepauschalen einführt, die es im Frühjahr schon einmal gab, damit die Kliniken nicht in wirtschaftliche Schieflage geraten. Außerdem wünsche ich mir mehr Einigkeit unter den Politikern und klarere Ansagen. Weihnachten wird eben nicht alles gut sein. Das größte Weihnachtsgeschenk machen wir uns, wenn wir nicht aufeinander kleben. Und die Silvesterparty ist bestimmt auch keine gute Idee. Das muss die Politik auch so klar kommunizieren.

Wer ist ihr Lieblingsvirologe?

Alexander S. Kekulé. Ich schätze aber auch Christian Drosten sehr.

Werden Sie sich impfen lassen, wenn das möglich ist?

Selbstverständlich.

Wann ist der Spuk vorbei?

Ich hoffe, im Frühsommer 2021. Voraussetzung ist eine funktionierende Impfung.