Mit offenen Ohren: Aktionskünstler erzählt vom Marsch durch Thüringen

Weimar  Zwei Monate lang war Nikolaus Huhn aus dem Thüringer Holzland bei Jena im gesamten Freistaat unterwegs, um mit Firmenchefs, Politikern, Handwerkern, Lebenskünstlern, Selbstversorgern oder einfach Oma Lisbeth am Gartenzaun ins Gespräch zu kommen.

Kurz vor einem großen Waldgebiet bei Greiz schloss sich Nikolaus Huhn und seinem Ohrenwagen ein katholischer Familienkreis an. Alle Kinder wollten natürlich das skurrile Gefährt schieben oder mit einem Pferdegeschirr bergauf ziehen. Foto: Nikolaus Huhn

Kurz vor einem großen Waldgebiet bei Greiz schloss sich Nikolaus Huhn und seinem Ohrenwagen ein katholischer Familienkreis an. Alle Kinder wollten natürlich das skurrile Gefährt schieben oder mit einem Pferdegeschirr bergauf ziehen. Foto: Nikolaus Huhn

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Gleich am Ortseingang von Kraasa im Altenburger Land kommt Nikolaus Huhn mit einer „robusten Frau“ ins Gespräch, die hinterm Gartenzaun steht. Er erfährt, dass sie fast ihr gesamtes Essen selbst anbaut und nur mit Holz heizt. Die Frau in den Vierzigern „fühlt sich gut gewappnet für eine krisenhafte Zuspitzung der Versorgungslage“, schreibt Huhn. Außerdem erfährt er, dass sie Rettungssanitäterin ist, was bei ihm die Frage aufwirft, „wie lange bei steigenden Energiekosten das Einkommen eines Rettungssanitäters eigentlich noch reicht (...) und bei welchem Benzinpreis die Lohntüte komplett beim Tankwart landet“.

Diese kurze Passage aus dem Buch „Thüringen in kleinen Schritten“ spiegelt das Thema, um das es dem Autor Nikolaus Huhn geht, schon ziemlich gut wider. Zwei Monate lang war der selbst ernannte Künstler aus dem Thüringer Holzland bei Jena im Frühjahr 2013 im gesamten Freistaat unterwegs, um mit Firmenchefs, Politikern, Handwerkern, Lebenskünstlern, Selbstversorgern oder einfach Oma Lisbeth am Gartenzaun ins Gespräch zu kommen.

Denn dem gelernten Tischler, Energieberater und Fachmann für Wärmedämmung, Jahrgang 1959, brennen etliche Fragen auf den Nägeln: Was tun wir, wenn Selbstverständlichkeiten nicht mehr selbstverständlich sind? Wenn keine Lebensmittel und andere Güter mehr von weither kommen können? „Wenn die Finanzwirtschaft und das Geldsystem einmal aus den Höhen der Zirkuskuppel heruntersteigen, in der sie uns zurzeit eine atemberaubende Akrobatik vorführen”, wie der Autor formuliert. „Kann sich der Freistaat, wenn es hart auf hart kommt, aus eigener Kraft und aus eigenen Ressourcen erhalten?“

Weniger abhängig, weniger verletzbar, weniger erpressbar

Huhn fragt nicht nur, er will letztlich erreichen, dass die Regionen Thüringens fähig werden, im Bedarfsfall die Grundbedürfnisse der Bevölkerung weitestgehend aus sich selbst heraus zu decken. Der Künstler möchte, dass die Thüringer weniger abhängig, weniger verletzbar, weniger erpressbar werden.

Doch zuallererst will er ihnen aufmerksam zuhören - nicht nur mit seinen eigenen Ohren, sondern auch mit zwei überdimensionalen Kunstohren, die an einem skurril wirkenden Schubwagen angebracht sind: dem Ohrenwagen, mit dem ihm die Aufmerksamkeit in allen Teilen des Freistaats sicher war.

Er schiebt ihn etwa zum Gut Sambach, einem Betrieb für ökologischen Anbau mit 900 Hektar am Ortsrand von Mühlhausen. Dort gibt es mehr als 40 Mitarbeiter, über die Hälfte von ihnen ist behindert. Huhn und der Leser erfahren, dass der Hof auch ohne staatliche Zuschüsse existieren könne. „Wir könnten vermutlich nicht so viele Behinderte einbinden und nicht mehr die üblichen Löhne zahlen, aber wir hätten Arbeit und Brot für unsere Leute“, heißt es. Auf Erdöl sei das Gut jedoch angewiesen, da Bio-Treibstoff mit Mitteln der biologischen Landwirtschaft nicht so einfach zu gewinnen sei. Dafür werden Wärme und Strom mit einer Biogasanlage erzeugt.

Unterhaltsam geschriebene Lektüre

Huhn führt hunderte Gespräche während seines zweimonatigen Fußmarsches, was zur Folge hat, dass die Orte und Menschen in dem 300-seitigen Buch oft nur flüchtig skizziert werden. Das wiederum kann beim Leser den Eindruck der Oberflächlichkeit wecken. Der Autor verteidigt jedoch den Tagebuchstil von „Thüringen in kleinen Schritten“. Er habe gar nicht erst versucht, eine künstliche Dramaturgie aufzubauen, und gibt an einer Stelle sogar selbst zu: „Die schiere Masse des in den letzten Tagen Gehörten erschlägt mich etwas: die Reichsregierung, verschiedenartig drehende Wasserwirbel, nationalistische Wunderdoktoren, Krebs als Selbstheilungsprozess, Freie Energie, Kernfusionsreaktoren für den Hausgebrauch (...).“

Davon abgesehen rät Nikolaus Huhn bereits im Vorwort, das Buch nicht in einem Rutsch durchzulesen, sondern tageweise oder wochenweise: „Kartoffelchips schmecken einzeln gut und eine Handvoll ist auch noch ein Gewinn. Wer aber je ein Kilo Chips hintereinander weggegessen hat, weiß, was ich meine.“

Wer diesen Ratschlag befolgt, kann sich auf eine unterhaltsam geschriebene Lektüre freuen, die gar nicht erst versucht, zum neuen gesellschaftskritischen Standardwerk zu werden, sondern die aus unzähligen Miniaturen ein Bild von Thüringen entstehen lässt, wie man es bisher noch nicht gesehen hat.

Außerdem geht es nicht nur um die Probleme, Stärken, Mentalitäten, Geschichte und Energieversorgung der Regionen, sondern auch ums Wandern, das Wetter, das Essen und die Pflege der Blasen am Fuß. Die Nichtverbissenheit im Stil fördert Sätze zutage wie: „Gedankenverloren wirft Eckhard einer Rabenkrähe, die uns vom Baum aus beobachtet, ein Stück seines Schokoladenosterhasen auf den Weg. Schauen wir mal, ob sie so was mag.“ Einer der Lieblingssätze des Autors dieses Artikels ist jedoch: „Auffällig hier im beginnenden Eichsfeld, dass die Friedhöfe häufig mitten im Ort liegen und nicht als verschämte Deponie am Ortsrand ihr stilles Dasein fristen.“

  • Nikolaus Huhn: Thüringen in kleinen Schritten. Notizen vom Hörenden Fußmarsch, Mitteldeutscher Verlag, Halle/Saale, 302 S., 16,95 Euro
  • Lesungen: 13.9. Mühlhausen, Antoniq, 29.9. Schmalkalden, Landesgartenschau, 29.9. Dermbach, Bibliothek
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