Ukraine-Krieg

Hartz IV: Tafel alarmiert – "Menschen wissen nicht weiter"

Philipp Luther
| Lesedauer: 7 Minuten
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Berlin   Der Ukraine-Krieg heizt die Inflation an. Für die Tafeln in Deutschland wird es zunehmend eng – und damit für Millionen Menschen.

  • Lebensmittel, Gas und Strom werden immer teurer
  • Die Tafeln in Deutschland müssen immer mehr Menschen unterstützen
  • Der Verein warnt vor Lebensmittelknappheit und Hamsterkäufen

Wer sich in Deutschland Gedanken machen muss, ob genug zu Essen auf dem Tisch landet, wendet sich oft an die Tafeln. 960 davon gibt es im Bundesgebiet. Sie sammeln überschüssige Lebensmittel von Händlern und verteilen sie, an über 1,6 Millionen Menschen. Darunter Geringverdienende, Hartz-IV-Beziehende, Alleinerziehende, Rentner und Rentnerinnen – Menschen, die wirtschaftlich schwach sind und von steigenden Lebenshaltungskosten besonders getroffen werden.

Eine Unterstützung sind die Tafeln, keine Grundversorgung, für Menschen, die sich Lebensmittel nicht mehr leisten können. Und sie haben ein Problem: Der Ukraine-Krieg macht ihre Arbeit zunehmend schwieriger, bedroht manche Tafeln sogar in ihrer Existenz.

Hartz IV: Tafeln müssen mehr Menschen unterstützen

Einerseits unterstützen die Tafeln nun auch Geflüchtete aus der Ukraine mit Lebensmitteln und Notfallpaketen. Andererseits kommen immer mehr Menschen zu den Tafeln, weil die Preise für Energie und Nahrungsmittel so stark gestiegen sind in den vergangenen Monaten. Die gemeinnützige Organisation hilft also insgesamt mehr Menschen als vor Kriegsausbruch.

"Jeden Tag melden sich mehr Tafeln bei uns und sagen, zu ihnen kommen mehr Menschen", sagte Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland e.V., unserer Redaktion. In Berlin seien es an einigen Ausgabestellen derzeit rund 30 Prozent mehr Kundinnen und Kunden. "Und es gibt Tafeln, bei denen die Nachfrage noch mehr zugenommen hat."

In Köln-Flittard etwa sind es aktuell zwischen 50 und 60 Familien, die regelmäßig vorbeikommen. Früher seien es zwischen 20 und 30 gewesen, berichteten die "Tagesthemen" am Montag. Vier davon kämen aus der Ukraine, sagte Leiterin Eva Wolf. Sie rechne jede Woche damit, dass mehr Geflüchtete dazukommen. Andere Familien könnten den Lebensunterhalt aktuell nicht mehr so bestreiten, wie bislang. Alles sei teurer geworden.

Auch Brühl erklärt: "Neben Geflüchteten aus der Ukraine sind es vor allem Menschen mit geringen Einkommen oder Familien mit vielen Kindern, die bislang zurechtgekommen sind." Der Kreis der Menschen, die potenziell von Armut betroffen sind, weite sich gerade aus. Schuld seien die steigenden Preise für Gas, Strom, Lebensmittel. "Immer mehr Menschen wissen trotz Einkommen nicht mehr weiter und fühlen sich von Armut bedroht."

Weniger Spenden wegen Krieg und Hamsterkäufen

Hinzu kommt verschärfend: Zahlreichen Tafeln wird derzeit weniger gespendet. Die Monate Januar bis März seien grundsätzlich eher spendenschwache Monate. Auch seien die Spenden aus Supermärkten leicht Rückläufig, weil der Einzelhandel auf das Thema Lebensmittelverschwendung reagiere und etwa Ware kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums verbilligt anbiete.

Außerdem gingen seit Kriegsbeginn viele Spenden direkt in die Ukraine. "Das ist richtig so, aber wir merken es eben bei uns", sagt Brühl. Außerdem seien Lieferketten teils gestört. "Und es wird wieder gehamstert."

In Deutschland kauften zuletzt Menschen wieder vermehrt bestimmte Waren auf Vorrat, etwa Mehl und Speiseöl. Nicht nur für die eigene Speisekammer, oftmals auch um gezielt in die Ukraine oder an Geflüchtete zu spenden. Zeitweise nahm die Nachfrage nach Mehl in Deutschland um fast 300 Prozent zu, meldete das Statistische Bundesamt.

Zwar werde Trockenware wie Mehl oder Nudeln weniger gespendet, weil der Einkauf für den Einzelhandel besser planbar sei, als bei Frischware. "Frische und schnell verderbliche Lebensmittel wie Obst oder Gemüse landen eher bei uns", erklärt Brühl. Die Tafeln merken die angespannte Versorgungslage aber an der gestiegenen Nachfrage.

"Die hat bei Mehl oder Nudeln bei uns zugenommen, weil armutsbetroffene Menschen kein Geld für Vorratseinkäufe haben." Sei etwa Mehl ausverkauft, dann zuerst bei den günstigsten Sorten, dazu kämen die Preissteigerungen. "Das ist für viele Menschen etwa in Arbeitslosengeld II nicht mehr zu stemmen." In anderen Worten: Wer hamstert erschwert Menschen die wenig haben das Leben noch weiter.

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Tafeln selbst bekommen steigende Preise zu spüren

In einer Mitteilung des Vereins an Unternehmen und Menschen in Deutschland appelliert Brühl: "Bitte helfen Sie den Tafeln, wenn es Ihnen möglich ist. Starten Sie beispielsweise in Ihrer Firma eine Sammelaktion für haltbare Lebensmittel, die Sie zur Tafel in Ihrer Nähe bringen." Jede Packung Nudeln, jeder Euro helfe. "Privatpersonen können vor allem lange haltbare Lebensmittel spenden, also Kaffee, Konserven, Nudeln, Mehl oder Reis", so Brühl gegenüber unserer Redaktion.

"Geld können wir auch sehr gut gebrauchen." Denn: Die Tafeln müssen nicht nur mit weniger Spenden für mehr Bedürftige auskommen. Sie selbst spüren steigende Betriebskosten, etwa in der Logistik. "Transport und Kühlung müssen wir gewährleisten, zurzeit auch die Heizung unserer Tafeln. Das können wir nicht einsparen", sagt Brühl. Erste Tafeln müssten bereits überlegen, ob sie tageweise den Betrieb einstellen. "Sie können sich nicht mehr finanzieren."

Druck von den Verbrauchern nehmen

Eine teilweise Lösung für die Probleme könnte sein, die Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte abzuschaffen. Das forderte der Verbraucherzentrale Bundesverband - und eine Anhebung des ernährungsbezogenen Regelsatzes. So würde einerseits der Preisdruck bei wichtigen Grundnahrungsmitteln verringert, andererseits hätten Menschen in Grundsicherung mehr Geld für Ernährung zur Verfügung. Lesen Sie dazu auch: Entlastungspaket der Ampel – So bekommen Sie die 300 Euro

"Für einkommensschwache Haushalte wird es immer schwieriger, sich ausgewogen und gesund zu ernähren", sagte eine Sprecherin am Freitag der Deutschen Presse-Agentur.

Die Linke hingegen fordert den Eingriff des Staates. Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow sagte, nötig sei "eine staatliche Preisaufsicht, die dafür sorgt, dass lebenswichtige Dinge wie Energie oder Grundnahrungsmittel für alle bezahlbar bleiben". Teuerungsraten von 7,3 Prozent könnten sich viele Menschen nicht mehr leisten. Sie forderte die Bundesregierung auf, beim Entlastungspaket nachzubessern.

"Letzten Endes hilft auch ehrenamtliches Engagement", sagt Brühl. Wer sich für seine Mitmenschen einsetzen will, dem rät er: "Am besten bei der Tafeln in Ihrer Stadt vorher nachfragen, was am jeweiligen Ort besonders gebraucht wird. Dann kommt auch die Hilfe an, die wir benötigen."

Dieser Text erschien zuerst auf www.waz.de