Gesundheit

Kassenbeiträge der Versicherten könnten deutlich steigen

Alessandro Peduto
| Lesedauer: 5 Minuten
Karl Lauterbach: Vom Corona-Mahner zum Gesundheitsminister

Karl Lauterbach- Vom Corona-Mahner zum Gesundheitsminister

Spätestens seit der Corona-Pandemie ist er einer der bekanntesten Politiker Deutschlands. Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Seit sich das Coronavirus immer breiter in Deutschland ausgebreitet hat, war Lauterbach Dauergast in den Talkshows von ARD und ZDF. Wir stellen dir den SPD-Politiker vor.

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Berlin.  Die Kassenbeiträge könnten laut neuen Berechnung deutlich steigen. Corona, Krieg und Inflation drücken aufs Budget der Versicherungen.

Auch das noch! - dürften sich viele Menschen sagen. Erst die teuren Preise für Lebensmittel und Sprit, jetzt auch noch massiv steigende Beiträge für die Krankenkasse? Tatsächlich ist die Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) nach zwei heftigen Pandemie-Jahren überaus angespannt.

Die Ausgaben der Kassen sind durch Corona erheblich gewachsen und längst ist nicht klar, ob das Ende der Pandemie tatsächlich schon erreicht ist. Sollte es eine Herbst-Welle geben, dürfte das weiter auf die Budgets der Krankenversicherungen drücken. Nun kommen neue Probleme hinzu.

Vor allem die Rekordinflation und die Folgen des Ukraine-Kriegs setzen die Versicherer wirtschaftlich offenbar zusätzlich unter Druck. Das legen Berechnungen des Direktors des Münchner Instituts für Gesundheitsökonomik, Günter Neubauer, nahe. Er hat Kalkulationen angestellt, wonach der Fehlbetrag in den Bilanzen der gesetzlichen Kassen im kommenden Jahr sogar auf bis zu 25 Milliarden Euro ansteigt.

Krankenkassen: Beiträge könnte deutlich steigen

Das wären acht Milliarden mehr als jene 17 Milliarden Euro, die bislang als Finanzlücke kalkuliert worden waren. Dies würde einen zusätzlicher Anstieg um mehr als 50 Prozent bedeuten. Gründe dafür sind laut Neubauer der Ukraine-Krieg sowie die hohe Inflation. Beides sei in bisherigen Berechnungen „noch nicht eingepreist“ gewesen, zitierte die BILD-Zeitung den Experten.

Neubauer sagte dem Blatt: „Die Inflation lässt in Praxen und Kliniken die Ausgaben steigen, während die Aussichten für den Arbeitsmarkt im Herbst eher schlecht sind.“ Das könnte auch Folgen für die Kassenversicherten haben. Denn würden die Finanzierungsdefizite allein durch steigende Beiträge ausgeglichen, resultierten daraus Beitragserhöhungen von 455,16 Euro für Durchschnittsverdiener und von bis zu 537,02 Euro für Spitzenverdiener netto pro Jahr.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte angesichts des erwarteten Milliardendefizits die Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen bereits darauf vorbereitet, dass 2023 die Versichertenbeiträge steigen könnten. Im März sagte er, bei einem erwarteten Defizit der Kassen von rund 17 Milliarden Euro im nächsten Jahr lasse sich das nicht vollständig vermeiden.

Teure Krankenkasse: DAK-Vorstand warnt vor "Beitrags-Tsunami"

Nur, bei einer möglichen Lücke von 25 Milliarden Euro dürften sich höhere Beiträge wohl erst recht nicht vermeiden lassen. Aktuell beträgt der gesetzlich festgeschriebene, allgemeine Beitragssatz 14,6 Prozent. Bei abhängig Beschäftigten teilen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber die Kosten.

Der Vorstandsvorsitzende der DAK Gesundheit, Andreas Storm, forderte Gesundheitsminister Lauterbach angesichts der Finanzlage der Kassen zu raschem Handeln auf. „Lauterbach muss jetzt gemeinsam mit dem Bundesfinanzminister den 70 Millionen Versicherten die Frage beantworten, ob und wie er den drohenden Beitrags-Tsunami noch verhindern will.“ Die Branche warte bereits seit drei Monaten auf den angekündigten Ampel-Gesetzesentwurf zur Stabilisierung der Kassenfinanzen, kritisierte Storm.

Auch die Opposition erhöht den Druck auf den SPD-Minister. Der CDU-Gesundheitsexperte im Bundestag, Erwin Rüddel, bemängelte, die Beitragszahler müssten jetzt „ausbaden, dass Lauterbach keine Reformen und seit Monaten keine GKV-Finanzierungsgesetz liefert“. Kritik kam auch von Rüddels Fraktionskollegen, dem gesundheitspolitischen Sprecher der Union im Bundestag, Tino Sorge (CDU).

Opposition kritisiert Lauterach: Ampel verschleppt ein Problem

Er beklagte, es sei schon seit Anfang des Jahres bekannt, dass in den Kranken- wie in den Pflegekassen hohe Defizite zu erwarten seien. Dies hätte schon bei den Haushaltsberatungen im vergangenen Mai Thema sein müssen. „Stattdessen verschleppt die Ampel ein 17 Milliarden Euro schweres Problem“, sagte Sorge, „auf ein Stabilisierungsgesetz warten wir seit Monaten.“

Sorge betonte, Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und Lauterbach „belauern sich in dieser Frage seit Wochen“. Diese Blockade sei riskant. Krankenkassen und Versicherte forderten zurecht Planungssicherheit. Nach Einschätzung des Unionspolitikers wird es Beitragserhöhungen und auch in kommenden Jahren einen Zuschuss aus Steuermitteln geben müssen. Dieser müsse zumindest in konjunkturschwachen Phasen deutlich erhöht werden.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) rief den Bund dazu auf, sich stärker an der Finanzierung des gesetzlichen Krankenkassen zu beteiligen. „Defizite gehören nicht auf den Rücken der Versicherten und Beitragszahler“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel uns sprach sich damit indirekt gegen höhere Beiträge aus. „Krankenkassen müssen solide und krisenfest finanziert sein“, sagte Piel. Die GKV müsse zu einem Solidarsystem ausgebaut werden, in das mehr Menschen einzahlen.

Höhere Kassenbeiträge: GKV-Verband macht noch keine Prognose

Der GKV-Spitzenverband, in dem die gesetzlichen Kassen organisiert sind, hielt sich dagegen mit einer Prognose zu künftigen Fehlbeträgen und möglichen Beitragserhöhungen zurück. In den letzten Jahren habe es eine „Kombination von ausgabenintensiver Gesundheitspolitik und kurzatmiger Finanzierungspolitik“ gegeben, sagte Verbandssprecher Florian Lanz auf Anfrage.

Dies habe dazu geführt, „dass die gesetzliche Krankenversicherung im kommenden Jahr, stand heute, eine Finanzierungslücke in einer Größenordnung von 17 Milliarden Euro hat“. Bis zur endgültigen Bewertung durch den Schätzerkreis im Oktober lägen aber „noch viele Unbekannte auf dem Weg“. Hierzu zählen laut Lanz Honorarforderungen in verschiedenen Gesundheitsbereichen, die Entwicklung am Arbeitsmarkt sowie „die rasant steigenden Ausgaben für Medikamente“. Diese Faktoren gelte es zunächst auszuwerten.

Dieser Text erschien zuerst auf www.waz.de