40 Jahre im Discokugel-Licht: Westhits im Auftrag der Stasi

Ein DDR-DJ erinnert sich: Warum Wolfgang Paschold in Rudolstadt trotz 60/40-Regel ausschließlich Westmusik spielen durfte.

Wolfgang Paschold mit seinem alten Kofferradio ­Elite. Trotz seiner 78 Jahre ist der gebürtige Bad Blankenburger immer noch als DJ aktiv. Inzwischen lebt er in Neckeroda, einem Ortsteil von Blankenhain.. Foto: Ulrike Merkel

Wolfgang Paschold mit seinem alten Kofferradio ­Elite. Trotz seiner 78 Jahre ist der gebürtige Bad Blankenburger immer noch als DJ aktiv. Inzwischen lebt er in Neckeroda, einem Ortsteil von Blankenhain.. Foto: Ulrike Merkel

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Wenn es nach der Kulturabteilung des Rates des Kreises Rudolstadt gegangen wäre, dann wäre Wolfgang Paschold kein DJ geworden. Der gebürtige Bad Blankenburger galt in den Augen der SED als nicht vertrauenswürdig: Er hatte im Dezember 1971 versucht, über die tschechische Grenze in den Westen zu fliehen und saß deshalb ein Jahr im Gefängnis.

Doch Wolfgang Paschold wusste sich zu wehren. „Ich habe einfach ans Oberste Gericht nach Berlin geschrieben“, sagt der heute 78-jährige Discjockey, der noch immer am Mischpult steht.

Als er vor ein paar Wochen den OTZ-Artikel über die „Kleinen Tricks der Schallplattenunterhalter“ las, meldete er sich in der Redaktion, um seine teils abenteuerlichen Erlebnisse als DDR-DJ zu erzählen.

Nach der Haft hatte er relativ schnell einen neuen Job im VEB Transportgummi Bad Blankenburg gefunden. Dort wurde im Sommer 1975 händeringend ein Rettungsschwimmer fürs Kinderferienlager gesucht, der sich obendrein ums Kulturprogramm kümmern sollte. Paschold meldet sich und bestreitet die ersten Musikveranstaltungen mit einem Kofferradio Elite und einem polnischen Tonbandgerät. „Bis mir mitgeteilt wurde, dass ich eigentlich eine staatliche Erlaubnis zum Abspielen von Musik benötige.“ Doch Schallplattenunterhalter, wie DJs in der DDR offiziell genannt werden, erhalten nur dann eine Spiel­erlaubnis, wenn sie einen Lehrgang mit anschließender Einstufungsprüfung absolviert haben.

Genau dieser Kurs wird Wolfgang Paschold von der Kreis-Kulturabteilung verwehrt. Erst nach positiver Antwort vom Obersten Gericht aus Berlin darf er teilnehmen – allerdings erst nach „fünf Jahren Rehabilitierung“.

Parkrestaurant als musikalische Insel

In den Anfangsjahren als DJ besitzt Wolfgang Paschold noch kein Auto. Seine Anlage transportiert er damals im zweirädrigen Handwagen durch Bad Blankenburg. „Da wurde ich manches Mal belächelt“, erinnert er sich.

In den achtziger Jahren werden die Aufträge immer mehr. Bis zu fünf mal pro Woche sorgt er in den Tanzlokalen der Umgebung für Musik, etwa im Rudolstädter Schlosscafé, Parkrestaurant und in Ostthüringer FDGB-Ferienheimen. All das parallel zu seiner Arbeit im Gummiwerk. „Das erforderte viel Disziplin.“

Wie alle DJs in der DDR hat Wolfgang Paschold seine liebe Not mit der 60/40-Regel – mit der Verpflichtung, 60 Prozent Ostsongs und nur 40 Prozent Westtitel zu spielen. „Es gab gute DDR-Musik“, sagt der DJ. „Doch die meiste war nicht tanzbar. So war kein Stimmungsaufbau möglich.“

Um die Quote dennoch einzuhalten, spielte er in der ersten Stunde – von 19 bis 20 Uhr – nur Medleys mit DDR-Liedern. Durch diesen Trick ließ sich der Anteil der Osthits künstlich hochschrauben. Und den restlichen Abend konnten Westhits erklingen.

Dem Leiter der Kreiskulturabteilung missfiel allerdings diese verbreitete Praxis, er sah die DDR-Musik zu Pausenmusik degradiert. Doch auch hier fiel der trickreichen Rudolstädter DJ-Szene etwas ein: „Wir haben dann bei Einstufungsveranstaltungen den Discogästen Freibier spendiert, so lange wie die Einstufungskommission im Hause war, damit sie vom ersten Titel an auf die Tanzfläche gingen“, berichtet Wolfgang Paschold. „An den Kosten für die Getränke hat sich auch mancher Wirt beteiligt, wenn seine DJ’s risikofreudig spielten.“

Nichtsdestotrotz gab es auch immer wieder linientreue Discjockeys, die ihre Kollegen anschwärzten. Einer dieser Denunzianten schlich sogar ums Rudolstädter Parkrestaurant, um Pascholds Titelauswahl aufzunehmen. Das konnte insofern brenzlig werden, als dass Wolfgang Paschold jeden Mittwoch beim Tanz für einsame Herzen vornehmlich für Westeuropäer auflegte. Diese handfesten Monteure und Spezialisten, die das Stahlwerk Maxhütte mit aufbauten, waren für DDR-Lieder nicht zu begeistern. „Hier musste ich 100 Prozent West spielen“, sagt Wolfgang Paschold. „Ansonsten konnte es sein, dass Gegenstände auf die Bühne flogen.“ In seiner Not sprach er zwei Stasi-Leute an, die seine Tanzabende regelmäßig überwachten, um ihren Chef zu sprechen.

Der zeigte überraschenderweise Verständnis für Pascholds Lage und dankte ihm sogar für sein staatspolitisches Bewusstsein. Denn die Tanzabende kamen der Stasi sehr zupass, hier konnten sie möglichst viele Ausländer an einem Ort kontrollieren. Und so wurde das Parkrestaurant zur politischen musikalischen Insel erklärt. Sogar die Platten, die ihm die westeuropäischen Gäste aus der Heimat mitbrachten, durfte Wolfgang Paschold behalten.

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