Ausstellung: „200 Jahre Thierarzneykunst in Jena“

Jena  „200 Jahre Thierarzneykunst in Jena“ greift eine Ausstellung im Phyletischen Museum auf. Ein Dichter und Denker spielte bei der Gründung des veterinärmedizinischen Institutes eine wichtige Rolle.

Museumspädagogin Adelhaid Graiff mit dem Präparat eines zweiköpfigen Kalbes aus dem 19. Jahrhundert, das aus der Sammlung der Landwirtschaftlichen Lehranstalt stammt und in der Ausstellung „200 Jahre Thierarzneykunst“ zu sehen ist . Foto: Katja Dörn

Museumspädagogin Adelhaid Graiff mit dem Präparat eines zweiköpfigen Kalbes aus dem 19. Jahrhundert, das aus der Sammlung der Landwirtschaftlichen Lehranstalt stammt und in der Ausstellung „200 Jahre Thierarzneykunst“ zu sehen ist . Foto: Katja Dörn

Foto: zgt

Eins sei schon einmal verraten: Wer bei 200 Jahre „Thier­arzneykunst“ denkt, dass auch niedliche Katzen oder Häschen eine Rolle spielen, wird herb enttäuscht. „Die einzig wertvollen Tiere waren Pferde“, sagt Martin Fischer. Punkt! Dass der Mensch mit seinem Haustier zum Doktor geht, das gebe es erst seit wenigen Jahrzehnten. Vor 200 Jahren wäre „kein Mensch auf die Idee gekommen, Hunde oder Katzen zu kurieren“, sagt Fischer.

Pferde dagegen mussten gepflegt werden. Nicht der Liebe zum Tier wegen, sondern weil sie nützlich waren. Sie zogen Straßenbahnen, Fuhrwagen und brachten Soldaten und Waffen in Kriegszeiten an die Front. Die Überlegung, ihretwegen eine Tierarzneischule zu gründen, stammt allerdings nicht aus Jena. Bereits in Gießen und München wurden im 18. Jahrhundert solche Institute eröffnet.

In Jena zog einer die Fäden, der schon bei vielen kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen seine Finger im Spiel hatte: Johann Wolfgang von Goethe. Nachdem ein wichtiger Diskussionspartner die Stadt verlassen hatte, verlangte es Goethe nach einem neuen Widerpart. Und so ließ er Theobald Renner an die „Akademie zu Jena“ berufen, die am Heinrichsberg angesiedelt wurde. Am 3. September 1816 gab Staatsminister Voigt die Anweisung, Renners Vorlesungen über die „Thierarzneykunst“ im „Lectionskatalog“ der Jenaer Universität anzukündigen. Dies gilt als Gründungsdatum, und an diesem Tag, 200 Jahre später, wird die Ausstellung über die „Thierarzneykunst in Jena“ im Phyletischen Museum geöffnet.

Recherchiert hat die Geschichte der Veterinärmedizin in Jena Georgy Levit. Seine Herausarbeitungen stellen klar, dass Goethe die Tierarznei auf die komparative Anatomie ausgerichtet hatte, auf eine „weltanschauende Wissenschaft“. Der Geheimrat, der den Zwischenkieferknochen erforschte, war seiner Zeit voraus, als er noch vor Darwin zeigte, dass der Mensch eben nicht die Sonderstellung besitzt, die ihn von anderen Säugetieren abgrenzt.

„Gesunde Rinder, gesunde Kinder“

Theobald Renner verhalf der Tierarznei in Jena bald zu Anerkennung. Goethe stellte ihm Präparate zur Verfügung; nicht nur Pferde, auch größere Tiere wie Elefanten waren für Goethes Forschungen wichtig. Weitere eindrückliche Demonstrationsobjekte werden ab 3. September zu sehen sein. Ein zweiköpfiges Kalb beispielsweise. Als die Medizin im 18. Jahrhundert begann, Dinge immer besser zu verstehen, wurde dem Aberglauben der Boden unter den Füßen entrissen. Eine Mutation wie das zweiköpfige Kalb galt nicht mehr als Strafe Gottes, sondern wurde wissenschaftlich untersucht.

Als Renner sich in den 1840er Jahren schrittweise zurückzog, begann eine „dunkle Zeit“, wie Levit sag. Das Interesse an der Entwicklung der Veterinäranstalt schwand und sie wurde in das landwirtschaftliche Institut eingegliedert. Karl Hobstetter konnte erst 1911 die Veterinäranstalt wieder zum selbstständigen Institut formieren. Als ihm 1938 Victor Goerttler folgte, wurde auch der Grundstein für das heutige Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) gelegt – mit dem neu formierten Institut für bakterielle Tierseuchenforschung Jena. Den Krankheitsüberträgern, sogenannte Vektoren, wird eine Vitrine in der Schau gewidmet sein. Zecken, Mücken – jene Tiere, die Seuchen übertrugen. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden Rinder und Schweine immer wichtiger, besonders für die Volksernährung. „Gesunde Rinder, gesunde Kinder“ steht auf einem Plakat, das 1945 entstand. Hunde wurden später nicht als Haustiere behandelt, sondern weil sie Überträger von Tollwut waren.

Mit dem Veterinäruntersuchungs- und Tiergesundheitsamt (VUTGA), dem späteren Bezirksinstitut für Veterinärwesen, wurden in Jena weitere Impulse gesetzt. Der darin angesiedelte Tiergesundheitsdienst ist heute bei der Tierseuchenkasse in der Victor-Goerttler-Straße zu finden. Dieses Institut ist mit der Landestierärztekammer, dem Loeffler-Institut und der Universität Jena Ausrichter der Sonderschau ab 3. September im Phyletischen Museum. Zugleich werden zum Jubiläum auch Themenabende im Herbst organisiert. Eine wissenschaftliche Fachtagung widmet sich vom 31. August bis 2. September der „Mikrobiologie in der Tiermedizin“.

Weitere Informationen zur Ausstellung und weiteren Veranstaltungen: https://200-jahre-vetmed.fli.de

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