Meister im Basteln, des Lichts und der Fotografie zeigt „Verkehrte Welt“ in Greiz

Greiz  Frank Kunert verblüfft und begeistert mit inszenierter Fotografie. Ab Samstag ist „Verkehrte Welt“ im Sommerpalais in Greiz zu sehen.

Zuerst baut der Künstler das Modell, das er später mittels analoger Großformatkamera ablichtet.

Zuerst baut der Künstler das Modell, das er später mittels analoger Großformatkamera ablichtet.

Foto: Ulrike Kern

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Frank Kunerts Arbeiten muss man tatsächlich gesehen haben, um selbst zu erfassen, welch Meister der sympathische 56-Jährige ist. Ein Meister im Basteln, ein Meister des Lichts und der Fotografie. Ein Meister der optischen Täuschung. Ein Meister richtig guter Satire.

Ab heute stellt er bis zum 13. Oktober seine Arbeiten im Gartensaal des Greizer Sommerpalais vor – „Verkehrte Welt“ umfasst 51 großformatige Fotografien und eine Vielzahl seiner Modelle und Utensilien in den Vitrinen. Denn beides gehört untrennbar zusammen.

Frank Kunerts wundervolle Welten entstehen in einer 20 Quadratmeter großen Werkstatt in seinem Haus in Boppard in Rheinland-Pfalz. Dort entwickelt er zunächst aus einer Idee eine Skizze und daraus in verdichteter Form ein Modell. Dann schneidet er Leichtschaumplatten zurecht, malt, patiniert, übermalt, lackiert, richtet ein, rückt Miniaturmöbel zurecht, hängt Gardinen auf, stellt Blumenkübel vor Häuser, bringt Zigarettenautomaten an, bastelt winzige Müllsäcke, und sogar die Bierdeckel unter den kippelnden Kneipentisch und die Zigarettenstummel im Aschenbecher dürfen nicht fehlen. Mit absoluter Präzision und Detailtreue schafft er wundervolle Miniaturwelten – in Innenräumen meist im Maßstab 1:12, in Außenräumen 1:20. Es kann schon mal bis zu zwei Monate dauern, bis so ein Modell fertig ist.

Ist die Miniatur vollendet, kommt die analoge Großformatkamera ins Spiel – Kunert absolvierte nach seinem Abitur von 1984 bis 1987 eine Fotografenlehre. Dann rückt er seine groteske Welt, die immer menschenleer ist, voller Witz und manchmal auch ein wenig traurig ins rechte Licht und vollendet die Illusion. Das Foto ist dann das eigentliche Kunstwerk, das seinen Betrachter suggeriert, diesen Ort, dieses Haus, diese Situation gibt es wirklich. Das Auge sieht es ja vor sich, aber der Bildinhalt stimmt nicht – und schon ist die Irritation, die Verblüffung beim Betrachter perfekt.

Nichts hat Kunert dabei dem Zufall überlassen, weshalb es sich lohnt, seine Bilder und die dazugehörenden Modelle in den Vitrinen genau zu studieren. Zuerst kommt das Normale, das Biedere, oft spielen Häuser und Architektur eine Rolle. Die Skurrilität wiederum braucht einen Moment. Der Betrachter steht dann vor dem Bild „Erlösung“, auf dem eine Kirche kurzerhand zum Parkhaus wird. Oder die

„Privatsphäre“, ein Stammtisch in einer Kneipe, in dem jeder sein abgetrenntes Séparée beschlagnahmen kann – Kommunikation untereinander ausgeschlossen.

Sein Werk „Hoch hinaus“ zeigt einen Ausschnitt eines Zimmers. Darin ein roter Stuhl, gebastelt aus einer Zahnseidenverpackung. Man wartet förmlich darauf, dass jemand auf diesem besonderen Treppenlift Platz nimmt. Doch der Lift führt nicht wie erwartet in den ersten Stock, sondern hinaus durchs offene Fenster, direkt in den Himmel. In „Ein Platz an der Sonne“ (2014) setzt er einen modernen Architektenkubus neben ein abgewohntes Reihenhaus. Der Balkon des Prachtbaues ragt über den der Nachbarn und macht ihn somit unbrauchbar. Was heiter scheint in Kunerts arrangierten Bildern bildet eigentlich ernste Themen ab: gesellschaftliches Miteinander, knapper Wohnraum, Schildbürgertum, Tristesse. Es lohnt sich, zweimal hinzuschauen.

Dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr; ab 8. Oktober 10 bis 16 Uhr

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