Neue Schau im Geraer Kunstverein: Die flüchtige Silhouette einer Unbekannten

Gera.  Das faszinierende Spiel mit Realitäten des Schweizers Stefan Guggisberg.

Der Schweizer Künstler Stefan Guggisberg vor einer seiner großformatigen Arbeiten im Geraer Kunstverein.

Der Schweizer Künstler Stefan Guggisberg vor einer seiner großformatigen Arbeiten im Geraer Kunstverein.

Foto: Ulrike Merkel

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Der Schweizer Künstler Stefan Guggisberg hat die flüchtige, unscharfe Silhouette einer vorbeischlendernden Frau überlebensgroß auf Fotopapier gebannt. Es hat den Anschein, als käme sie gerade vom Einkauf, zumindest schlenkert die Unbekannte entspannt eine Einkaufstasche in der Hand. Was wie ein Schnappschuss in Schwarz-Weiß aussieht, ist in Wahrheit ein mit dem I-Pad gezeichnetes Bild, das stark vergrößert auf Fotopapier gezogen wurde. Mit der Vernissage am heutigen Donnerstag, 19.30 Uhr, ist das geheimnisvolle Bild neben weiteren Zeichnungen des 39-jährigen Wahl-Leipzigers im Geraer Kunstverein zu sehen.

Guggisberg hat es mit dem digitalen Zeichenstift direkt auf dem Monitor des Tablet-Computers entstehen lassen. Er hat dem Stift eine große Unschärfe zugewiesen und dann durch Zeichnen und Wegradieren die verschwommene Fotooptik erzeugt, die an Werke Gerhard Richters erinnert. Neben seiner Frauenfigur hat Guggisberg Köpfe ins Bild gesetzt, die wirken, als wären sie mit Kohlestift gezeichnet.

Der Künstler lässt des Öfteren unterschiedliche zeichnerische Realitäten aufeinandertreffen. Wenn auch in anderer Weise, so hat er auch in früheren Arbeiten derartige kleine Irritationen eingebaut. Auf einer großformatigen Zeichnung, die eine Felswand zeigt, tauchen in der unteren Mitte unverhofft rundliche Formen auf, die eine gänzlich andere Struktur und Farbigkeit besitzen als der Fels. Sie wirken wie Materie aus einer anderen Welt.

Anklänge an Wasserlandschaftenund kosmische Entstehungsprozesse

Hier hat Guggisberg nicht mit dem Tablet gearbeitet, sondern mit Ölfarbe – eine weitere typische Technik des Künstlers: Zunächst trägt er die Farbe flächig auf, um dann bestimmte Stellen wieder wegzuradieren, neu Farbe aufzutragen und wieder wegzunehmen. Auf diese Art formt er rätselhafte Welten, die mal mehr an eine Wasserlandschaft erinnern, mal an kosmische Entstehungsprozesse oder Zellstrukturen.

1980 geboren, bekommt Stefan Guggisberg die künstlerische Passion quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater, ebenfalls Künstler, ist Vertreter der Minimal Art. Nach der neunten Klasse besucht der Sohn eine Grafikklasse in Biel. Nach fünf Jahren wechselt er nach Leipzig, an die Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo er Fotografie, Malerei und später als Meisterschüler von Neo Rauch studiert. Heute doziert er selbst an der Hochschule.

Die Ausstellung in Gera zeigt bis Samstag, 21. Dezember, einen Querschnitt seines Schaffens – ein faszinierendes Spiel mit Realitäten.

Geöffnet: donnerstags bis samstags von 15 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung

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