Zehn Fakten, wie Jena einen neuen Touristenmagneten bekommt

Jena  Nur noch 24 Tage: Ab 7. Juli schließt das Deutsche Optische Museum in Jena für einen Komplettumbau. Die Wiedereröffnung ist erst in vier Jahren zum 100-jährigen Bestehen geplant

Blick auf das historische Gebäude in Jena, das 1923 erbaut wurde.

Blick auf das historische Gebäude in Jena, das 1923 erbaut wurde.

Foto: Stiftung Deutsches Optisches Museum

Dem Deutschen Optischen Museum in Jena stehen spannende Jahre bevor. Nach Gründung der Stiftung Deutsches Optisches Museum (D.O.M.) mit Beteiligung der Stadt Jena, der Ernst-Abbe-Stiftung, der Carl-Zeiss-Stiftung, der Carl Zeiss AG und der Uni Jena hat seit Sommer 2018 auch die Verständigung darauf begonnen, dieses traditionsreiche Haus an diesem historischen Ort unter Führung von Timo Mappes, Professor für Geschichte der Physik mit Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation, zu einem zukunftsfähigen und forschenden Museum zu entwickeln. Am 6. und 7. Juli findet deshalb nochmals ein Finissage-Wochenende bei freiem Eintritt statt, bevor um 17.30 Uhr das Museum für die komplexen Umbaumaßnahmen komplett geschlossen wird. Der Relaunch ist anlässlich des 100-jährigen Bestehens für 2022/2023 geplant.

1. In welchem Zustand befindet sich das Gebäude? Es wurde 1923/24 als modernes Lehrgebäude für die 1917 gegründete Staatliche Optikerschule zu Jena aus Mitteln der Carl-Zeiss-Stiftung erbaut. Damals, so erzählt Timo Mappes, stammten hier, in dieser weltweit dienstältesten Fachschule für Augenoptik, bereits 25 Prozent der Schüler aus 23 Nationen. Es gab zu Lehrzwecken eine Sammlung optischer Geräte der Firma Carl Zeiss, die 1965 ins Prinzessinnenschlösschen ausgelagert und dort erstmals öffentlich gezeigt wurde. Die Sammlung kam 1976 wieder in das Gebäude am Carl-Zeiss-Platz 12 ­zurück. Seither befindet sich hier das Museum. Der Lehrbetrieb als Optikerschule fand im gleichen Haus bis Ende der 1990er statt.

2. Welche Baumaßnahmen werden außen durchgeführt?

Da es sich um ein Einzeldenkmal handelt, werden äußerlich keine größeren Eingriffe vorgenommen. Die alte Farbfassung von 1923 soll wieder hergestellt werden. Außerdem ist ein Verbindungsneubau zum Volkshaus geplant. Darin soll zum einen das Foyer, der vollkommen barrierefreie Zugang und ein Café unterkommen. Zum anderen ist in diesem Neubau auch ein „Festsaal des Lichts“ geplant, in dem besonders große und eindrucksvolle Installationen optischer Effekte und Versuche ihre Wirkung in einem eigenen Raum entfalten können. Dazu wird es einen Architekturwettbewerb geben.

3. Wie wird derzeit die Sammlung präsentiert? Die Ausstellung ist derzeit auf dem Stand der 1990er. Das heißt auch, es gibt nur deutschsprachige Erläuterungstexte. Die Ausstellung ist generell zu objektlastig, so dass viele für Jena herausragende Exponate in der Fülle untergehen und nicht entsprechend präsentiert werden können, bedauert Timo Mappes. 1935 wurde beispielsweise das Patent für entspiegelte Gläser angemeldet, 1801 in Jena die UV-Strahlung entdeckt. Solche zukunftsweisenden Entdeckungen – und davon gibt es eine Vielzahl weiterer aus Jena – sollen künftig viel mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden. Das Museum möchte seine Besucher ab 2023 deshalb mit einer innovativen und zukunftsfähigen Dauerausstellung überraschen. Erste Ideen für VR-, AR-, und MR-Anwendungen, für intuitive und gestenbasierte Anwendungen werden derzeit in einer Digitalisierungsstrategie zusammengeführt.

4. Welche Ausrichtung soll das Museum erfahren? Es soll im Bereich der Optik das Leitmuseum in Deutschland und zugleich ein forschendes Museum werden. Dafür werden alle technischen Möglichkeiten und Medien ausgeschöpft. Die Besucher sollen die physikalischen Grundlagen der Optik nicht mehr nur sehen, sondern interaktiv selbst erkunden, ja begreifen können. Als zweites möchte man erklären, wie ein Effekt im Alltag bereits genutzt wird, zum Beispiel in einem Mikroskop, und für was dieses optische Werkzeug eingesetzt wird. Denn in vielerlei Hinsicht ermöglich die Optik erst das Arbeiten in Wissenschaften wie der Medizin, Biologie oder Physik. Als drittes soll dem Besucher aufgezeigt werden, was gerade auf dem Gebiet ganz aktuell stattfindet. Ein denkbares Beispiel wäre die Sichtbarmachung der Nutzer-Erkennung bei smarten Geräten über Face-ID mittels Infrarot-Strahlung.

5. Die internationale Forschung soll auch wieder angesiedelt werden. Seit 2001 wird hier nicht mehr geforscht, was auch aufgrund der Depot-Situation gar nicht möglich ist. Deshalb lautet der klare Anspruch für die Zukunft: Die Geschichte der Optik ganz­heitlich zu erforschen und auch international Wissenschaftlern Möglichkeiten dafür zu bieten. Jena ist der Geburtsort der modernen Optik und bis heute weltweit herausragend in der Optik- und Photonik-Forschung. Diesen Stand­ortvorteil will Timo Mappes und sein 6-köpfiges Team nutzen, um zu einer weltweit füh­ren­den Einrichtung zu werden. Im Dachgeschoss des Hauses sollen obendrein für Gast-Wissenschaftler zwei kleine Wohneinheiten geschaffen werden. Dadurch werden diese internationalen „Scholar-in-Residence“ auch kurzfristig und für Tage oder Wochen am D.O.M. forschen können. Grundlage für eine Forschung ist natürlich, dass alle Exponate digitalisiert werden und zumindest als 360-Grad Fotografien online zur Verfügung stehen.

6. Wie umfangreich ist derzeit der Bestand, und was soll künftig gezeigt werden? Das Museum verfügt derzeit über rund 20.000 Objekte, von denen nur etwa ein Achtel gezeigt wird. Zahlreiche Raritäten sind hier versammelt. Viele der Exponate aus den Archiven sind allerdings nicht erfasst oder gar ausreichend inventarisiert und in ihrem Kontext erschlossen. Dazu zählen beispielsweise wertvolle Zugänge aus den 30er Jahren, die noch gesichtet und geordnet werden müssen. Auch gut 4000 Brillen aus mehreren Jahrhunderten aus der Sammlung Albert von Pflugks (1866-1946) lagern im Depot. Künftig sollen laut Museumsdirektor Mappes allerdings insgesamt weniger Exponate in der Ausstellung selbst zu sehen sein, über ein Schaudepot werden die Besucher jedoch sehr viel mehr Objekte sehen können als dies bisher möglich war. Für die sogenannte Provenienzforschung, also Herkunftsforschung der Objekte hat das D.O.M. zwei Wissenschaftlerstellen eingeworben. Das Museum ist damit das erste naturwissenschaftlich-technische in ganz Deutschlands und das erste private Museum überhaupt, welchem gelang, diese Art der Förderung einzuwerben.

7. Was ist beim Umbau genau geplant?

3000 Quadratmeter Ausstellungs-, Büro- und Depotfläche auf drei Etagen müssen beräumt werden. Danach wird das Gebäude entkernt, die Grundrisse durch Herausnehmen der zahlreichen Trockenbauwände verändert um eine moderne und luftigere Ausstellungsfläche zu schaffen. Welche Ausstellungstechnik dort zum Einsatz kommt, wird erst entschieden, wenn die in Aussicht gestellte Finanzierung bewilligt ist und die Ausschreibung für das Ausstellungskonzept durch ist. Klar ist dagegen, was inhaltlich im Museum gezeigt werden soll. Der wunderschöne Hörsaal in dem Gebäude soll auch wieder in den ursprünglichen Zustand mit alter Farbfassung, Mobiliar und Beleuchtung versetzt und für Filmvorführungen, Veranstaltungen aber auch den Lehrbetrieb genutzt werden.

8. Was passiert jetzt im Museum? Schon jetzt ist das Team um Andreas Christoph, dem Leiter für Inventarisierung und Digitalisierung, damit befasst, sämtliche Gegenstände in den teils chaotischen Depots zu erfassen, zuzuordnen, deren Herkunft zu bestimmen und zu digitalisieren. „Vieles wurde über die vielen Jahrzehnte einfach willkürlich abgestellt und das Wissen um die Herkunft ging mit den alten Mitarbeitern leider verloren“, so Professor Timo Mappes. Ein Ampelsystem soll nun einzuordnen helfen, wie dringend eine Restaurierung einzelner Exponate notwendig ist.

9. Was kostet der Umbau? Die Stiftung Deutsches Optisches Museum stellt zunächst jährlich 750.000 Euro zur Verfügung, um den Betrieb des Hauses für die nächsten 20 Jahre zu ermöglichen. Für die Professur, die Renovierung und Digitalisierung stellt die Stiftung D.O.M weitere 10 Millionen Euro bereit. 1,3 Millionen Euro hat das Team des Museums teilweise allein, teilweise mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena einwerben können.

10. Was bleibt den Neugierigen in den nächsten vier Jahren? Über die Homepage kann man aktuell verfolgen, was hinter den Kulissen passiert. Auch während der Umbauphase wird die Datenbank mit Objektgruppen bestückt, deren Digitalisierung und Erforschung dann abgeschlossen ist.

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