Brasch-Stück hat Premiere in Jena

Am Mittwoch hatte auf der Unterbühne des Jenaer Theaterhauses die Textcollage Ich komme aus meiner Haut. Sieben Tage Doppelmord nach Thomas Brasch Premiere. Ein kurzweiliges Schriftstellerportät

Szenenfoto "Ich komme aus meiner Haut" nach Thomas Brasch mit  Yves Wüthrich.  Foto: Joachim Dette

Szenenfoto "Ich komme aus meiner Haut" nach Thomas Brasch mit Yves Wüthrich. Foto: Joachim Dette

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Die Stühle bilden um die Säulenkonstruktion der Drehbühne einen Halbkreis. Es gibt drei Spielnischen und im abgetrennten Gang einen weiteren Spielort. Der ist nicht von allen Plätzen einzusehen.

Auch die Bilder, die aus diesem Raum auf oben auf dem Drehbühnengerüst montierte Monitore übertragen werden, geben nur unvollständig Einblick. Ein Champagnerkorken knallt, eine sonore Männerstimme fragt: Funktioniert die Waffe? Die Szene wird im Laufe des Abends wiederholt und dehnt sich dabei aus. Bei der letzten Wiederholung schließlich fallen Schüsse.

1905 erschoss der Lehrling Karl Brunke die Schwestern Alma und Martha. Der Kriminalfall wird zwei Generationen zur Obsession für den Lyriker, Schriftsteller und Dramatiker Thomas Brasch (1945-2001). Brasch, noch im Exil geborener Sohn des hohen DDR-Kulturfunktionärs Horst Brasch, kommt früh mit dem System in Konflikt. 1968 verteilt er Flugblätter gegen den Einmarsch der Warschau Paktstaaten in die CSSR und wird verurteilt. Zur Bewährung muss er in die Produktion, die Weigel bringt ihn im Brecht-Archiv unter, seine Dramen werden abgelehnt oder abgesetzt, seine Bücher erscheinen nicht. 1976 unterzeichnet er die Biermann-Petition. Im selben Jahr reist er mit seiner Freundin Katharina Thalbach aus. Er hat im Westen Erfolg, seine Shakespeare-Übersetzung werden bis heute gespielt. In den 90er Jahren entdeckt Brasch den Fall Brunke. Es entstehen 10 000 Manuskriptseiten, es gibt Gerüchte über Alkohol- und Drogenmissbrauch. 1999 erscheint ein schmaler Prosaband "Mädchenmörder Brunke".

Die Textcollage "Ich komme aus meiner Haut" nun macht sich auf die Suche nach der Brunke-Obsession Braschs, nach diesem sprachmächtigen, genialen Autor überhaupt. Roman Schmitz (Regie) und Hannah Speicher (Text) nähern sich dem Fall in Schlaglichtern. Drei Schauspieler reißen verschiedene Facetten einer starken, selbstzerstörerischen Persönlichkeit auf: Mathias Znidarec spielt den zynischen, sich mit zunehmendem Alkoholpegel an den eigenen Worte berauschenden, die Fragen nach dem Lebenssinn auch mal lallenden Flaneur.

Sebastian Thiers spielt den Funktionärssohn, der wieder und wieder die Briefe des Vaters laut liest. Mit elf war Brasch in Naumburg auf die NVA-Kadettenschule gekommen. Die Briefe des Vaters an den 13-Jährigen beantworten dessen existentielle Not mit unerträglichen Phrasen. Ives Wüthrich schließlich spielt den auf der Suche nach dem Zugang zum Brunke-Stoff rastlos Seite um Seite füllenden Autor, eine messiehafte Gestalt, für deren Abdriften in den Wahnsinn Benjamin Schönecker und Veronika Bleffert (Bühne/Kostüme) ein poetisches Bild finden: Wüthrich spinnt sein Gehäuse in Haushaltsfolie ein. Und immer wieder entweicht er, um mit seinen anderen beiden Ichs die Mädchenmordszene nachzuspielen. Wer sagt was, wann, zu wem, warum...

Der Theaterabend in Jena hebt diesen widerspenstigen, sich allen Zuordnungen entziehenden Autor wieder ins Rampenlicht. Dass das so unverkrampft und neugierig in dieser Textcollage möglich ist, macht einfach Lust, Brasch wieder zu entdecken. Übringens: Thomas Braschs kleine Schwester Marion, das einzige noch lebende der vier Kinder von Horst und Gerda Brasch, hat einen Roman über ihre fabelhafte Familie geschrieben: "Ab jetzt ist Ruhe" erscheint Ende des Monats im Fischer Verlag.

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Nächste Vorstellungen: 24. Februar und 10. März

20 Uhr, Unterbühne

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