"Emilia Galotti" als Film noir in Weimar

Thirza Bruncken inszeniert in Weimar Lessings bürgerliches Trauerspiel "Emilia Galotti". Einige Zuschauer gehen nach 40 Minuten, der Rest amüsiert sich. Michael Wächter und Felicitas Breest sind die Helden des Abends.

Szenenfoto  "Emilia Galotti" am Deutschen Nationaltheater Weimar. Regie: Thirza Bruncken Ausstattung: Christoph Ernst Premiere: 10. November 2012 Foto: Matthias Horn

Szenenfoto "Emilia Galotti" am Deutschen Nationaltheater Weimar. Regie: Thirza Bruncken Ausstattung: Christoph Ernst Premiere: 10. November 2012 Foto: Matthias Horn

Foto: zgt

Weimar. Bruchstück steht auf dem Straßenschild. Vorm Betonklotz der Bayerischen Staatsbank parken zwei von Rost zerfressene Limousinen - die eine schwarz, die andere weiß. 78 Kilometer sind es bis Ingolstadt, zehn Schritte bis zum Doppelbett vor dem Hochhaus. Den Himmel verriegelt die Hochbahn.

Mögen Chandler und Hammett als Väter der Schwarze Serie gelten, ihr wahrer Erzeuger war Gotthold Ephraim Lessing. So jedenfalls lässt sich Thirza Brunckens "Emilia Galotti"-Inszenierung in Weimar lesen. So unrecht wie es der vom Deutschunterricht gebriefte Zuschauer meinen könnte, hat sie damit nicht. Schließlich gebietet ein schwanzgesteuerter Oberschichtlümmel Entführung und Mord. Das Objekt der Begierde würde ja gerne, traut sich aber nicht. Da dessen Vater nicht Manns genug ist, dem Bürschchen das Handwerk zu legen, ersticht er die Tochter. Obgleich selbst Dramaturg hatte Lessing noch keine Ahnung, wie ab Mitte des 20. Jahrhunderts ein guter Krimi funktioniert.

Sein bürgerliches Trauerspiel nimmt einen weitschweifigen Anlauf, ehe es die mafiösen Strukturen bloßlegt, mit denen das aufstrebende Bürgertum längst infiziert ist, bevor es - in Frankreich - beginnt, sich des Adels mittels Fallbeil zu entledigen. Also steigen Prinz Hettore (Hagen Ritschel) und sein Kammerherr Marinelli (Michael Wächter) erst einmal ins Auto und texten Lessingtext. Dann schlürfen Emilia (Jeanne Devos), Vater Galotti (Johannes Schmidt), Mutter Galotti (Petra Hartung) und Emilias Bräutigam (Michael Wächter) Tee oder Kaffee, texten auch und nach 40 Minuten verlassen einige Zuschauer den Saal. Unverschämt, ruft einer von hinten. Unklar ist, sind die Türenklapperer gemeint oder das bis dahin nervend öde Bühnengeschehen.

Doch wer geht, verpasst Einiges. Er bringt sich um die Chance, eine bitterböse Interpretation des bürgerlichen Trauerspiels kennenzulernen, die den Handlungsfaden zerschneidet, die Figuren immer wieder die gleichen Situationen durchleben lässt und in Lessings Tragödie eine ungeahnte Menge Humor entdeckt. Allerdings setzt dieses Inspirationserlebnis Zuneigung zum Film noir, Feeling für die populäre Musik vor allem der 60er Jahre, ein möglichst elefantenartiges Bildgedächtnis für berühmte Gangsterfilmszenen, Spaß an Monty Python und tiefe Verehrung für Yvonne Jensen voraus.

Die Yvonne aus der Olsenbande wird in Weimar dank Felicitas Breest nun als Gräfin Orisina mit einem höheren IQ wiedergeboren. Natürlich kann man im Zimmermädchen-Outfit von Emilia auch eine Anspielung an das Zimmermädchen sehen, über das im Mai 2011 der oberste Währungshüter strauchelte. Und ganz sicher toben gegen Ende alle Beteiligten nicht mit Einkaufswagen durch Andreas Gurskys berühmten 99-Cent-Supermarkt, weil das Bild mit 2,26 Millionen Dollar die teuerste zeitgenössische Fotografie ist, sondern das bürgerliche Trauerspiel darin besteht, alle Bürger, ob Täter oder Opfer, zu hirntoten Konsumenten zu machen. "Stand by me", singt Marinelli: Wenn das Land dunkel ist, ist der Mond das einzige Licht, das wir sehen werden.

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