Erschreckende und grandiose Bühnenmomente: Zwei ergreifende Gastspiele beim Greizer Theaterherbst

Greiz  Der XXIV. Greizer Theaterherbst gestattet zwei Mal Einblicke in die Tiefen der menschlichen Seele.

Es ist das banale Böse, das sich hinter einer selbstgerechten Fassade versteckt. Es ist das empathielose Böse, das von Befehlen und Vorschriften geschützt wird. Und es ist das personifizierte Böse, das in Adolf Eichmann zutage trat. Mit dem Monolog „Bald ruhe ich wohl – Eichmanns letzte Nacht“ gestattete Hanno Dinger vom Neuen Schauspiel Köln am Donnerstag beim Greizer Theaterherbst einen erschreckenden Einblick in die seelischen Abgründe eines der schlimmsten Kriegsverbrecher des vergangenen Jahrhunderts.

Stück über Adolf Eichmanns letzte Nacht

Fiktiv, aber zu gut 85 Prozent aus Originalzitaten bestehend, setzt sich die Inszenierung mit dem Leben Eichmanns auseinander, der unter den Nationalsozialisten mit Akribie und der Akkuratesse eines Bürokraten die Deportation von fünf Millionen Juden in die Vernichtungslager organisierte. Es ist die Nacht vor seiner Hinrichtung am 31. Mai 1962 in der Nähe von Tel Aviv, in der Hanno Dinger als Adolf Eichmann zurückschaut und sich erklärt. „Ich bin nicht schuld, ich bin mit Gott im Klaren“, leugnet Eichmann reuelos jede Verantwortung für den Tod von Millionen Menschen und wäscht sich zwanghaft immer wieder die Hände, als wolle er auch äußerlich seine Schuld einfach wegspülen. Dinger zeichnet brillant und authentisch das Bild eines gewissenlosen Mitläufers, der sein perfides Handeln mit Befehlen und Anweisungen rechtfertigt und zugleich den spießbürgerlichen Biedermann mimt. Was die Inszenierung aber vor allem zeigt, ist die Alltäglichkeit des Bösen und – das ist wahrscheinlich die erschreckendste Erkenntnis – sie lässt ahnen, dass auch heute solche Täter immer noch und immer wieder möglich sind.

Mit Peter Handkes Text „Selbstbezichtigung“, ausdrucksstark von Lea Barletti und Werner Waas, Berlin, vorgetragen, setzte der Theaterherbst sein Programm am Donnerstag fort. Fast ohne spielerische Elemente auskommend und trotzdem wunderbar nuancenreich, gelingt dem italienisch-deutschen Schauspielerpaar mit der zweisprachigen Darbietung nicht nur ein grandioses Spiel mit der Sprache, sondern im Besonderen eine packende Seelenoffenbarung in Worten. Es ist ein schonungsloses Entblättern menschlichen Tun und Handelns, das zwangläufig beim Zuschauer zur Selbstreflexion führt. Großartiges Theater, das auch bestens zum diesjährigen Festivalmotto „Irgendwie anders“ passt.

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