Fünftes Kinder-Theater-Fest noch bis Sonntag in Rudolstadt

Spielen über Grenzen hinweg: Noch bis Sonntag sind 130 junge Darsteller aus Deutschland, Russland und Burkina Faso beim fünften Kinder-Theater-Fest in Rudolstadt zu Gast.

Workshop Kindertheaterfest in Rudolstadt. Foto: Heike Enzian

Workshop Kindertheaterfest in Rudolstadt. Foto: Heike Enzian

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Rudolstadt. Immer wieder schaut Lianet fasziniert auf die schwarzen Rasta-Zöpfe der Mädchen aus Burkina Faso. Die Achtklässlerin der Rudolstädter Schillerschule ist mit ihren Mitschülern der Gruppe "Darstellen und Gestalten" in den Schminkkasten des Theaters gekommen. Hier treffen die Rudolstädter beim gemeinsamen Theaterspiel auf die Gäste aus Westafrika. Zusammen sitzen sie im Kreis, ein Koffer macht die Runde. Jeder stellt mit einer Geste nach, was er dem Koffer entnimmt, während die anderen den Begriff erraten: Schuhe, eine Pusteblume, Eis, einen Liebesbrief. Für dieses Spiel braucht es keine gemeinsame Sprache.

Wenn doch, dann ist Dorothea Kulla zur Stelle. Die Geografin spricht französisch, war selbst einige Zeit in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, und betreut die Mädchen im Alter zwischen neun und elf Jahren während ihres Aufenthaltes in Rudolstadt. "Diese Zöpfe", klärt sie auf, "tragen die Mädchen normalerweise zu Hause nicht. Eigentlich ist das die Frisur für erwachsene Frauen. Es ist das Schickste überhaupt. Wenn man sich die Haare besonders schön macht, dann zeigt man damit, wie wichtig einem der Besuch ist", lässt sie teilhaben an landestypischer Tradition. Und erzählt weiter: "Ich kenne die Mutti eines der Mädchen persönlich. Ich war ganz überrascht, als sie mir erzählt hat, dass ihre Tochter nach Deutschland fährt zu einem Theaterfestival." Da wusste Dorothea noch nicht, dass sie selbst in Rudolstadt dabei sein wird. Später erfährt sie von Studienkollege Christian Schröter in Berlin, Geograf und theaterverrückt genau wie sie, dass beim Festival in Rudolstadt eine Gruppe aus Burkina Faso dabei ist. "Die Welt ist doch ein Dorf", sagt sie.

Der Workshop war der Auftakt für das noch bis Sonntag in Rudolstadt stattfindende fünfte Deutsche Kinder-Theater-Fest. Für den offiziellen Start haben sich die Mädchen landesübliche Kleider angezogen. Aufmerksam verfolgen sie das Spiel des Piccolo Theaters Cottbus "Das verhexte Telefon". Dass die jungen Mimen dabei sogar Justin Biber und Rihanna an die Strippe kriegen, verstehen auch die Afrikanerinnen.

Am nächsten Vormittag kommen alle auf dem Theatervorplatz zusammen: Die fünf deutschen Gruppen sowie die Gäste aus Russland und Burkina Faso, die ihrem Auftritt am Abend entgegen fiebern. Zum Aufwärmen gibt es Spiele auf der Theaterwiese. Dann folgt die Aufführung. "Wie ist wohl mein wahres Gesicht" der Sechstklässler des Musikzweiges des Goethe-Gymnasiums aus Schwerin. Genauso alt wie die Akteure sind die Mädchen und Jungen der Schillerschule, die mit Lehrerin Christine Grohmann die Aufführung besuchen. "Besser als Kino" findet Nadine (12) das Stück. "Vor allem, als die Mädchen die Jungs nachgemacht haben und umgekehrt fand ich das spannend", meint Viktor (13). Die Lehrerin ist begeistert und findet, "solche Angebote sollten noch viel mehr nutzen." So viel Lob kommt bei den beiden Leiterinnen der Gruppe, Silke Gerhardt und Anne-Kathrin Holz, gut an.

Ein paar Meter weiter, in dem zum "Genusszelt" umfunktionierten Saal des Stadthauses, der heute Abend zur Partyzone wird, sitzt Prof. Christel Hoffmann, die "Koryphäe des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland", wie sie Festivalleiter Frank Grünert vorstellt. Gemeinsam mit 16 Studenten des Institutes für Theaterpädagogik der Hochschule Osnabrück begleitet sie das Festival unter wissenschaftlichem Aspekt. "Ich bin sehr gern in Rudolstadt, auch weil ich meine, es ist der richtige Ort für ein solches Festival. Ich wünschte, das Treffen könnte immer hier stattfinden und würde nicht alle zwei Jahre wandern. Die Örtlichkeiten sind optimal, es verläuft sich nicht so wie beispielsweise in Berlin", ist die angetan von Rudolstadt. Genauso, wie von den Vorstellungen. "Ganz ausgezeichnet", urteilt sie: "Weil sie uns zeigen, wie Kinder ihre Lebendigkeit und Natürlichkeit auf der Bühne erhalten, aber trotzdem mit künstlerischen Formen arbeiten." Dass sie zufällig im Hotel nach Jahren auch noch Regisseur Alejandro Quintana trifft, einen guten Bekannten seit seiner Flucht aus Chile und später aus der Zeit am Theater der Freundschaft im Berlin, dürfte die Rudolstadt-Reise extra versüßt haben. "Ich habe ihn erst gar nicht erkannt", lacht sie. Quintana, der in Rudolstadt u.a. "Wie im Himmel" inszenierte, ist jetzt als Regisseur für das Sommertheaterstück hier zu Gast.

Heute stehen mit den Aufführungen "Franziska und die Wölfe", "Der gestiefelte Kater" und "Pippi Langstrumpf" noch drei spannende Inszenierungen an. Nach dem Finale am Sonntagvormittag, wenn auch der Festivalfilm Premiere feiert und die Festival-Zeitung erscheint, heißt es schon wieder Abschied nehmen von Rudolstadt.

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