Gespräch mit Teruhiko Komori

Kammersänger Teruhiko Komori kehrte am Ende der vergangenen Spielzeit in seine Heimat Japan zurück und plaudert nun über seine Erfahrungen. Mit ihm sprach Dr. Tatjana Mehner.

Komori im "Sängerkrieg auf der Wartburg" im New National Theatre, Tokyo

Komori im "Sängerkrieg auf der Wartburg" im New National Theatre, Tokyo

Foto: zgt

Nach mehr als einem Jahrzehnt im Ensemble von Theater&Philharmonie Thüringen sind Sie zum Ende der letzten Spielzeit nach Japan zurückgekehrt. Haben Sie sich wieder eingelebt?

Ja, das kann man so sagen. Wir hatten etwas Angst, ob wir bei der hohen Geschwindigkeit der Stadt Tokyo mithalten können. Aber das können wir inzwischen. Wobei wir noch immer die gemütliche Atmosphäre in Thüringen mögen.

Sehen Sie nach den vielen Jahren in Deutschland Ihre Heimat mit anderen Augen?

Ja. Und das war schon so, als wir ab und zu in Japan waren, während wir noch in Gera wohnten. Und mit den Unterschieden müssen wir uns auseinandersetzen. Ich rede mit meiner Frau fast täglich darüber. Wir werden Jahre brauchen, bis wir dieses Thema verdaut haben.

Welche künstlerischen Möglichkeiten konnten Sie seit Ihrer Rückkehr nutzen?

Ich habe sehr viel zu tun gehabt und habe es immer noch. Darüber bin ich sehr dankbar und glücklich. Mein erster Auftritt nach der Rückkehr war der Fliegende Holländer in einer konzertanten Aufführung. Dann folgten Orchesterlieder von Pfitzner und Richard Strauss, "Die schöne Müllerin", ein paar Mal die neunte Sinfonie von Beethoven. Und jetzt laufen Vorstellungen von "Tannhäuser" im Neuen Nationaltheater Tokyo mit dem Starsänger Stig Andersen als Tannhäuser. Ich singe zwar nur Biterolf, aber fühle mich auf der Bühne sehr wohl, weil ich in Thüringer Stimmung bin. Gerade beginnen die Proben zu "Macbeth". Ich singe 2013 in sechs Opernproduktionen, und ich unterrichte.

Wie können Sie Ihre in Deutschland gesammelten Erfahrungen nutzen?

Die Erfahrungen sind mir schon in Fleisch und Blut übergegangen. Ich selbst merke das selten, aber ich werde oft angesprochen, dass ich einfach anders bin als andere japanische Sänger. Phrasierung, Ausdruck, Aussprache... Aber diese Dinge kann ich zur Zeit schlecht selbst wahrnehmen und so beurteilen, was wirklich die Frucht des Aufenthalts in Deutschland ist.

Sie haben nach der Tsunami- und Atomkatastrophe in Ihrer Heimat beschlossen, zurückzukehren. Wie erleben Sie Ihr Land und Ihre Landsleute in dieser spezifischen Situation?

Einfach geschlagen und gebeutelt sind sie gewesen. Aber jetzt merke ich, dass manche schon ihren Blick nach vorn richten. Ich selbst nehme an einem Projekt teil, das dazu gedacht ist, das betroffene Gebiet zu unterstützen: Eine japanische Oper "Tooi Ho (Das Segel in der Ferne)". Ich singe die Hauptpartie, einen Mann, der in der Samurai-Zeit nach Rom reiste und das Christentum nach Japan brachte. Das basiert auf einer wahren Geschichte. Ich bin sehr froh, diese Gelegenheit zu haben.

Gibt es etwas in Ostthüringen, das Sie vermissen?

Den Wald in Niebra und die Thüringer Bratwurst. Gott sei Dank habe ich eine Kneipe gefunden, wo man Köstritzer trinken kann. Drei Minuten zu Fuß von meiner Wohnung. Ist das nicht unglaublich? Aber was ich wirklich vermisse, ist die Ruhe.

Bleibt Zeit und Gelegenheit, die Entwicklungen an Ihrer einstigen Wirkungsstätte, deren Kammersänger Sie ja sind, zu verfolgen?

Dank Facebook kann ich ziemlich aktuell verfolgen, was auf meiner ehemaligen Stammbühne passiert. Ich habe mich sehr gefreut, dass Werther großen Erfolg hatte. Meine Bekannten berichteten, wie fantastisch die Ballett-Gala zu Neujahr war. Neulich habe ich unterschrieben gegen die Kürzung von Zuschüssen für den Dresdner Kreuzchor. Wenn ich mal Zeit habe, kann ich ziemlich gut verfolgen, was in meiner zweiten Heimat passiert.

Ihr 12-jähriger Sohn Kento hat sein bisheriges Leben überwiegend in Gera verbracht. Wie ist es ihm nach der Rückkehr ergangen?

Er hat es auch schwer gehabt, sich in Tokyo einzuleben, wobei er immer fröhlich war. Kanji hatte er schon in Deutschland gelernt, aber natürlich langsamer als ein gleichaltriger Japaner das getan hätte. Das sind chinesische Zeichen, die auch im Japanischen verwendet werden. Ein Japaner muss über 3000 Kanji lernen. Er geht jetzt in Tokyo auch samstags zur Schule, so ist der Rhythmus anders. Er muss sich einfach daran gewöhnen. Es gab eine Zeit, in der er überfordert war und krank geworden ist. Aber auch in so einer Zeit wollte er unbedingt zur Schule und hat sich sehr geärgert, dass er zuhause bleiben soll. Nochmals, dank Internet kann er auch per Skype mit seinen ehemaligen Schulkameraden in Gera sich unterhalten. Das ist auch gut dafür, dass sein Deutsch erhalten bleibt.

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