Jubel bei "Werther"-Premiere in Weimar

"Werthe" als Frauengefängnis - Michael Talke macht am Deutschen Nationaltheater aus Jules Massenets lyrischer Oper einen Missbrauchskrimi. Seine Inszenierung könnte auch "Charlotte" heißen.

Szene mit Julia Rutigliano (l.) als Charlotte und Artjom Korotkov (r.) als Werther in Jules Massenets "Werther" in Weimar. Fotos: Marco Kneise

Szene mit Julia Rutigliano (l.) als Charlotte und Artjom Korotkov (r.) als Werther in Jules Massenets "Werther" in Weimar. Fotos: Marco Kneise

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Weimar. Massenets "Werther" nun auch in Weimar. Die Oper des Franzosen scheint in Mode zu sein. In Gera läuft sie in vorzüglicher Inszenierung und musikalisch auf hohem Niveau seit 2012. Wer Freude am Vergleichen hat, sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Selten bietet sich die Chance, so verschiedene und zugleich spannende Interpretationen so nah beieinander kennen zu lernen.

In Weimar nun stellt der viel gefragte Michael Talke nicht den ins unglücklich Verliebtsein verliebten Werther sondern Charlotte in den Mittelpunkt seiner Inszenierung. Verträumt und lyrisch, gar süßlich, ist hier nichts. Selbst die liebreizende Schlüsselszene - Werther verliebt sich in das Bild der für die kleinen Geschwister Brot schneidenden Charlotte - schrumpft aufs Verteilen in Folie verpackter Stullen. Und was Martin Hoff und die fabelhafte Staatskapelle aus dem Orchestergraben zaubern, klingt, wie von Unheil durchtränkt. Selten verschmelzen Inszenierungsansatz und Klang so zur Einheit, wie hier. Diese großartige Leistung feiert am Ende ein begeistertes Publikum mit ungeteiltem Beifall für alle Beteiligten. Dabei liegen am Sonnabend zweieinhalb anstrengende Stunden hinter den Premierenzuschauern. Zweieinhalb Stunden, in denen sich die Inszenierung ab und an etwas plakativ, immer aber absolut ernst mit der in den letzten Jahren doch eher als sauertöpfische Spielwiese von Alice Schwarzer oder Bascha Mika belächelten Frage nach weiblicher Emanzipation auseinander setzt.

Dieser "Werther" richtet seinen Fokus auf die Stellung der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft. Klaus Bruns‘ Kostüme öffnen eine Zeitspanne vom biedermeierlichen Gehrock bis zum Petticoat-Kleid von Hollywood-Schönheiten wie Doris Day oder Elisabeth Taylor. Die Bühne von Barbara Steiner hat die Lichtführung und karge Möblierung eines Edward-Hopper-Gemäldes. Die Frauen sind Farbtupfer in engen grauen Wänden hinter grauen Vorhängen. Doch auch dieses Farbtupfersein ist eine aufoktroyierte Rollenzuweisung.

Einsam und verloren, permanenter Überwachung ausgesetzt liegt die von ihren Aufgaben als Mutter erschöpfte Charlotte auf einem stylischen 60er-Jahre-Sofa, während die Geschwister ihr Noël-Lied üben. Was kein froher Spaß für die kleinen, grauen verhuschten Sänger, sondern von Schlägen begleitete Dressur durch den Vater ist. In Charlottes Welt sind die Männer Grapscher und Schläger und die Frauen ihnen ausgeliefert, wie Gefangene ihren Wärtern. Werther erscheint in dieser Tristesse wie ein Tagtraum, der die Kerkermauern ein Winziges weitet, wie der schmalzige Sänger aus der Flimmerkiste, der zur Projektionsfläche unterdrückten Begehrens wird. Doch schon das Zipfelchen Selbstvergessenheit beim Walzer mit Werther lädt Charlotte weitere Schuld auf die Schultern. Alles in diesem Leben ist Last und Zumutung, der geschäftige Ehemann Albert, der Fruchtbarkeit anmahnende Kinderwagen, Werthers mit Selbstmord drohende Briefe. Flucht durch das Fenster, hinter dem die Schmetterlinge locken? Unmöglich!

Wie Charlotte ihrer Welt nicht entkommt, verlässt auch Julia Rutigliano erst die Bühne, wenn Schluss ist. So ein Konzept steht und fällt mit der Sängerin. In Weimar steht es wie eine Eins, denn die Rutigliano ist stimmlich und schauspielerisch so genau, so präzise, dass die Anderen neben ihr bei allem sängerischen Glanz ein wenig grau aussehen, der graue Albert (Alik Abdukayumov) sowieso, aber auch Werther (Artjom Korotkov). Brutal präsent sind in ihrer dummen Selbstgefälligkeit kurz auch Le Balli (Uwe Schenker-Primus) und seine Kumpane. Sensationell gut singt Elisabeth Wimmer die praktische, lebendige Sophie. Diese Stimme zu hören, lohnte allein schon die Fahrt nach Weimar und so überstrahlt sie die Tatsache, dass die Inszenierung ausgerechnet für die Figur der Sophie kein schlüssiges Konzept hat.

! Nächste Vorstellungen in Weimar: 23. Januar, sowie am 2. und 14. Februar.

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