Kammersänger Teruhiko Komori verlässt das Theater Gera

Gespräch mit dem Kammersänger Teruhiko Komori. 12 Jahre hat der Japaner in Gera gelebt und gearbeitet. Nun kehrt er mit seiner Familie in sein Heimatland zurück.

Teruhiko Komori mit seiner Ehefrau Tokiko und seinem 12-jährigen Sohn Kento vor dem Geraer Theater. Foto: Martin Gerlach

Teruhiko Komori mit seiner Ehefrau Tokiko und seinem 12-jährigen Sohn Kento vor dem Geraer Theater. Foto: Martin Gerlach

Foto: zgt

17 Jahre waren Sie in Deutschland, davon 12 Jahre in Gera. Warum kehren Sie jetzt nach Japan zurück?

Als ich mit dem Singen begann, hatte ich schon die Vorstellung, als fest engagierter Sänger an einem deutschen Theater zu arbeiten. Das ist glücklicherweise wahr geworden. Aber ich hatte von Anfang an nicht vor, ewig in Deutschland zu bleiben. Diese Zeit war quasi meine "Gesellenzeit". Schon professionell, habe ich aber ständig dazu gelernt. Dieses Leben am Theater war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte. Darüber bin ich sehr glücklich. Nun kommt der nächste Schritt.

Wie sieht dieser aus?

Eine neue Aufgabe besteht nun im Lehren. Ich möchte all das weitergeben, was ich hier an Erfahrung gesammelt habe: Gesangstechniken, Aspekte aus Kunst und Kultur. Früher konnte ich mich ausschließlich auf den Gesang konzentrieren. Einfach gut singen, ist jetzt zu wenig. Ich muss ein Projekt in seiner Komplexität überblicken können.

Lange Zeit mit fremder Kultur, deutschem Alltag und deutscher Mentalität leben – Ihr Resümee?

Die deutsche Kultur liebte ich ja schon immer. Aber sie in Japan als importiert zu erleben oder direkt am Ursprung, das ist ein großer Unterschied. Für mich bedeutet Ostthüringen die zweite Heimat. Im Laufe der Jahre konnte ich viele Freunde und Bekannte gewinnen. Hier nicht nur als Gast, sondern als Freund empfangen zu werden, finde ich etwas Wunderbares. Übrigens, für meinen Sohn Kento ist Deutschland die Heimat. Zwar in Tokio geboren, wuchs er fast nur hier auf.

12 Jahre am Theater Altenburg-Gera – welche besonderen Momente fallen Ihnen spontan ein?

Partien in Wagners "Der fliegende Holländer", "Lohengrin" oder "Tannhäuser" in Deutschland zu singen, war beispielsweise für mich eine große Sache, ebenso in Puccinis "Tosca". Ein tolles Erlebnis verbinde ich mit der Nietzsche-Oper "Cosima". Siegfried Matthus kannte mich schon lange und hatte während des Komponierens meine Stimme im Kopf. Ich gab den Philosophen Friedrich Nietzsche. In einer Episode, am Ende seines Lebens, tanzt Nietzsche verrückt und fast nackt in seinem Schlafzimmer. Das war eine ganz neue Herausforderung für mich.

Sie sangen unter mehreren Chefs. Wie prägten deren Sichten Ihre Arbeit?

Mein erster Opern-Chef, Professor Stephan Blüher, war mein erster Mentor. Nicht immer waren wir uns als Künstler sofort einig, sondern haben miteinander um einen Konsens gerungen. In dieser Zeit lernte ich, mich voll auf ein Stück einzulassen, Figuren mit Leben zu erfüllen. Bei Prof. Blüher gab es viel Bewegung und Spiel auf der Bühne. Mein zweiter Opern-Chef, Intendant Oldag, bevorzugte alles komprimiert und schlicht. Typische Opernsänger in opulenten Kostümen waren nicht sein Fall. Eine Lesart, bei der wir Japaner unsere Stärken haben. Ein japanischer Lehrer, einst der größte Opernschauspieler in Japan, sagte einmal: Am besten wäre, wenn ich allein durch Singen alles ausdrücken könnte. Weniger ist mehr. Aus der Musik heraus spielen, ist auch für mich Programm. Als Künstler fühle ich mich nun sehr sicher. Bis an diesen Punkt gelangt zu sein, macht mich sehr glücklich.

Wie werden Sie das Publikum von Gera und Altenburg in Erinnerung behalten?

Für mich ist es ein Publikum, das mich sehr herzlich aufnahm, das mich als Sänger aber auch erzog und weiterbrachte. Ich habe viel von ihm gelernt und bin mit ihm mitgewachsen. Das bleibt ein Teil von mir. Dabei finde ich die Größe dieser beiden Theater ideal, denn das Publikum ist hautnah dabei, kann Tränen und Schweiß der Akteure sehen. Der Ton vibriert in der Luft und wird hier besser als in großen Sälen übertragen.

Von Prof. Oldag wurden Sie im April 2011 zum Kammersänger ernannt. Ein Ritterschlag?

Das ist etwas, das ich mir zwar erträumte, aber nie wagte auszusprechen. Es war eine große Überraschung, als ich während der Gala zum 140. Bestehen des Landestheaters Altenburg geehrt wurde. Kollegen wurden damals zu Ehrenmitgliedern ernannt. Ich stand hinter der Bühne und habe mich ein bisschen gewundert. Denn, wäre ich ebenfalls Ehrenmitglied geworden, hätte ich aufgrund meines Alters zuerst die Bühne betreten müssen. Ich wurde aber noch nicht aufgerufen. Gedanklich habe ich schon eine Rede für die Zuschauer formuliert. Was dann kam, hat mich regelrecht sprachlos gemacht.

Sie sind noch dazu der erste und einzige Japaner, der den Titel Kammersänger hat...

Ja, darauf bin ich sehr stolz.

Natürlich ist dadurch auch meine Verantwortung weiter gestiegen. Ich muss mich noch viel mehr bemühen und solistisch glänzen.

Vom festen Ensemblemitglied in Deutschland nun zu freier Arbeit in Japan. Wird das eine große Umstellung?

Da ich schon vor meinem Auslandsstipendium dort als Opernsänger gearbeitet habe und auch während meines Engagements einige Gastspiele hatte, kenne ich die Arbeitsweise in meinem Heimatland. Ich denke, ich werde gut damit zurechtkommen. Natürlich war es jetzt 12 Jahre lang so, dass ich täglich gegen 14 Uhr auf den Tagesplan geschaut und gesehen habe, was am nächsten Tag zu tun ist. Diese Routine wird fehlen. Ich muss vorausschauender arbeiten. Aufgrund meines bisherigen Festengagements musste ich aber auch etwa zwei Drittel der Angebote aus Japan absagen. Jetzt kann ich mir mehr Freiheit nehmen, Angebote auszuwählen und mich neben meiner Lehrtätigkeit darauf zu konzentrieren. Zudem arbeite ich seit einigen Jahren als Gastprofessor an einer privaten Musikhochschule in Tokio. Insofern bin ich dem Theater Altenburg-Gera sehr dankbar, dass es mir immer wieder Gastaufenthalte in Japan genehmigte.

Welche musikalischen Pläne haben Sie für Tokio?

Im November gibt es eine konzertante Produktion von "Der fliegende Holländer", in der ich den Holländer singe. Danach folgen ein Konzert mit Strauss-Liedern und Beethovens 9. Sinfonie. Im Januar 2013 steht Wagners "Tannhäuser" auf dem Programm. Nach der Titelpartie von "Macbeth" kommen die vier Bösewichte in "Hoffmanns Erzählungen" mit dem bekannten französischen Dirigenten Michel Plasson. Darauf freue ich mich besonders, denn mit ihm habe ich bereits bei "Verdammnis des Faust" in Tokio zusammengearbeitet. Auch singe ich die Titel- partie in der Oper "König Lear", die erstmals als japanische Produktion herauskommt. Besonders ist auch, dass ich zwei große Shakespeare-Opern singen darf. Es folgt die Partie in einer japanischen Oper, die im Tsunami-Gebiet produziert wird. Die historische Handlung beruht auf wahren Begebenheiten dieser Region.

Gibt es "typisch Deutsches", das Sie vermissen werden?

Oh ja. Beispielsweise sich Zeit und Ruhe nehmen. In Tokio ist alles so hektisch. Wir haben in Niebra bei Gera Freunde gefunden, die einen Garten besitzen. Dort können wir entspannen, bei einem Espresso die Ruhe genießen. Etwas, was für Japaner sehr schwer ist, was wir aber hier gelernt haben und nun sehr mögen. Ich möchte versuchen, diese Ruhe auch in Tokio zu behalten, selbst wenn das im Alltag schwerfallen wird. Insbesondere für Kento sind die hiesigen Lebensumstände ideal. Fast jedes Wochenende und in den Ferien besuchte er das Niebraer Ehepaar. Er durfte beim Neubau des Gartenhauses helfen, schnitzen. Kento hat dort seinen Wahlopa gefunden. Dieser wird ihm sehr fehlen.

Fällt Ihnen der Abschied von deutscher Kost schwer?

Wir werden auf jeden Fall Schinken und Würste vermissen. Für Kento gehören Roster zur Leibspeise. Leider ist es für in Japan lebende Deutsche schwierig, diese Lebensmittel zu bekommen. Im Internet habe ich aber bereits eine Firma entdeckt, die in Tokio Köstritzer Schwarzbier verkauft.

Ihr Sohn Kento besucht in Gera die Waldorf-Schule – in Tokio möglich?

Ja. Dort gibt es auch solch eine Schule. Wir waren zuletzt im Sommer 2010 gemeinsam in Tokio. Kento durfte für drei Wochen Gastkind in dieser Einrichtung sein. Mit einem großen Garten, einem selbstgebauten Lehmofen und in der Nähe eines Flusses gelegen, gefällt sie uns prima. Mittlerweile gibt es zwischen den Waldorfschulen in Gera und Tokio Briefkontakte. Meine Frau übersetzt die Post.

Haben Sie in Tokio schon eine Wohnung gefunden?

Noch nicht. Im September habe ich einen Auftritt mit Mahler-Liedern in Tokio. Diese Zeit werde ich zugleich für die Wohnungssuche nutzen. Ob sie mit Balkon sein wird, weiß ich noch nicht. Aber wir möchten auf alle Fälle – ähnlich wie hier – viel Grün in der Nähe haben.

Gibt es etwas in Deutschland, was Ihnen nach wie vor fremd ist?

Manche Dinge kann ich zwar gut verstehen, aber nicht übernehmen. Das ist sicher eine Mentalitätsfrage. Beispielsweise sind gerade Verkäufer in Japan auf den ersten Blick höflicher als in Deutschland. Aber wir haben gemerkt, dass sie in Japan mehr nach Anleitung, weniger mit Herz bei der Sache sind. Mittlerweile mögen wir diese direkte, letztlich ehrlichere Art der Deutschen.

Welche Erinnerungsstücke aus Deutschland werden in Ihrem Gepäck sein?

Unser Service zum Beispiel, das von einem sehr guten Zeulendodaer Töpfer stammt. Beim Geraer Töpfermarkt vor einigen Wochen ergänzten wir es noch um einige Dinge. Vielleicht kommt noch Porzellan aus Kahla dazu. Auch Kentos Schreibtisch, ein kostbares Holzprodukt, muss mit. Mein Kollege Günter Markwarth schenkte mir einen Großteil seiner Noten – Klavierauszüge und Partien. Die nehme ich auf jeden Fall mit. Lebensmittel darf man leider nicht ausführen. Sonst wären Roster und deutsches Bier im Gepäck. Und Brot. In Japan werde ich wieder selbst Sauerteigbrot backen.

Dürfen sich die Ostthüringer auf ein Gastspiel-Wiedersehen freuen?

Für den 31. Oktober ist der Flug gebucht. Aber ich habe mir fest vorgenommen, für ein Konzert wiederzukommen. Die Theaterfreunde suchen übrigens schon nach einer Möglichkeit, zu einem meiner Auftritte nach Japan zu reisen.

Zu den Kommentaren