Kollektivschuld und Geschichtskonstruktion: „Triumph des Todes“ zum Kunstfest Weimar

Weimar  Späte deutsche Erstaufführung für Frederic Rzewskis Inszenierung „Der Triumph des Todes“ im Nationaltheater Weimar.

Szenenfoto aus Frederic Rzewskis Musiktheater „Der Triumph des Todes“. Foto: Candy Welz

Foto: zgt

Es ist schon ein heißes Eisen in Zeiten, in denen Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit und eine – längst nicht mehr gesunde Portion – Ignoranz gegenüber damit einhergehender Gewalt wieder salonfähig werden: die Frage nach dem korrekten juristischen und historiographischen Umgang mit kollektiver Schuld in den Jahren des Nationalsozialismus.

Kollektivschuld ist immer auch Schuld des einzelnen, nur dass die Hemmschwelle weit niedriger ist, gibt es einen Befehl oder kann man einfach mitlaufen, in der Masse auf- und untergehen. Das eigene Tun mit dem Bild von Fressen oder Gefressen-Werden zu rechtfertigen, ist ein nur zu menschlicher Ansatz.

Was den Menschen an dieser Stelle vom Raubtier unterscheidet? Dass er über Rechts- und Unrechtsbewusstsein verfügen sollte und über die kommunikativen Fähigkeiten verfügt, Unrecht nachträglich sozial zu negieren.

In den 60er Jahren schuf der Dramatiker Peter Weiss sein dokumentarisches Theater „Die Ermittlung“, in dem er Protokolle der Auschwitz-Prozesse verarbeitet. Gut 20 Jahre später entwickelte der Komponist Frederic Rzewski auf der Grundlage dieses Textes ein Musiktheater: „Der Triumph des Todes“. Das wiederum brauchte dann noch rund 30 Jahre, um auf eine deutsche Bühne zu kommen beziehungsweise um von einem professionellen Ensemble aufgeführt zu werden.

Dass die Deutsche Erstaufführung am Sonntag durch das Deutsche Nationaltheater Weimar im Rahmen des Weimarer Kunstfestes immer noch äußerst verstörend wirkte, spricht in diesem Zusammenhang Bände.

Elf Gesänge, ein Prolog und ein Epilog, fünf Darsteller und ein Streichquartett – viel mehr braucht es nicht, um mit Kunst wahrhaft zu irritieren. Frederic Rzewski bricht mit seiner Musik den Text in bemerkenswerter Konsequenz – Passagen, die mit fast schon minimalistischer Monotonie die Rechtfertigungsreden und Erinnerungsdarstellungen begleiten, werden abgelöst von schmerzhaft süßlichen melodiösen Bausteinen – erkennbar angehaucht von Volksmusik und klassischer Tradition. Dass da die Brechung durch die Weise „Die Gedanken sind frei“ ein erschreckender dramaturgischer Höhepunkt ist, steht außer Frage.

Martin Hoff vermittelt als musikalischer Leiter souverän zwischen den Klang- und Ausdrucksschichten, arbeitet die in ihrer Aussage unerträglichen Kontraste heraus. Mit dem Amalia Quartett – bestehend aus Barbara Seifert, Astrid Schütte, Almut Bormann und Astrid Müller – sitzen vier souveräne Interpretinnen im angedeuteten und assoziationsreichen Häuschen auf der rechten Bühnenseite.

Vielleicht hätte das starke Musik-Text-Gefüge gar nicht einer so ästhetizistischen Inszenierung bedurft, um in seiner Wucht zu wirken. Viel hat das Inszenierungsteam Alexander Fahima (Regie), Dorothea Ratzel (Szenische Choreographie), Julia Schnittger (Bühne und Kostüme) und Bahadir Hamdemir (Video) hineingepackt in diese Auslegung.

Es gibt wohl keinen Platz im Saal des Weimarer Schießhauses, von dem aus man das Geschehen als Ganzes verfolgen könnte. Verstreute Aktionen prägen den Lauf der Handlung zwischen zwei Projektionswänden. An wenigen entscheidenden Kumulationspunkten laufen sie zusammen – vermitteln meist erschreckend soziales Einverständnis. Das sind die stärksten Momente des Abends. Auf unterschiedlichen Spielebenen agieren Caterina Maier, Ulrika Strömstedt, Andreas Koch, Saya Lee und Bjørn Waag und bewältigen passabel eine musikalisch-darstellerische Mammutaufgabe. Ob dass der ideale Umgang mit der Geschichte, mit der Weissschen Textvorlage oder Rzewskis Partitur ist, darüber kann man streiten. Auf jeden Fall ist es Kunst, Kunst mit einer klaren gesellschaftlichen Botschaft.

Gewiss ist es wichtig, dass das von existenziellen Einsparungen bedrohte Ensemble in den Premierenbeifall hinein einen Aufruf zu Hilfe und Unterstützung verlesen lässt. Doch Kunst wie die jüngsten mit klaren sozialen Botschaften ausgestatteten Inszenierungen von Verdis „Die Räuber“ oder dieser Kunstfest-Abend in Weimar könnte sich bei wacher politischer Beobachtung auch selbst rechtfertigen. Sie wird gebraucht – mehr denn je!

Weitere Vorstellungen: heute und am 6., 13. und 20. September sowie am 16. Oktober, jeweils 20 Uhr, im Schießhaus Weimar

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