Premiere "Der Besuch der alten Dame" in Rudolstadt

Ganz unten - Grazyna Kania inszeniert am Theater Rudolstadt Der Besuch der alten Dame von Friedrich Dürrenmatt.

 Szene mit Matthias Winde (Alfred Ill) Mitte.

Szene mit Matthias Winde (Alfred Ill) Mitte.

Foto: zgt

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Der Widerspruch könnte nicht größer sein: Auf der einen Seite die Güllenern, eine abgerissene Bande, schäbig und geschmacklos angehost, sich in obszönen Gesten gefallend. Auf der anderen Seite sie. Die Milliardärin. Elegant. Beherrscht. Faltenlos. Die dem Alter geschuldeten Defizite (Bein- und Handprothese) nicht zu sehen.

Die junge Regisseurin Grazyna Kania bürstet in Rudolstadt den "Besuch der alten Dame" gegen allfällig gewohnte Sichtweisen. Claire Zachanassian, die Frau mit dem ekligen Angebot, ist diesmal keine giftige Greisin im Rollstuhl. Verena Blankenburg spielt eine mondäne, nach wie vor verführerische Frau in den besten Jahren. Geld macht sexy.

Und auch der Rudolstädter Alfred Ill ist nicht der in die Jahre gekommene, selbstsüchtige Womanizer, als der er in Dürrenmatts Tragikomödie meist gesehen wird. Wie Matthias Winde ihn spielt, glauben ihm höchstens die Güllener den infamen Auftritt vor Gericht. Und die ja auch nur, weil unendlich viel Geld diesen Glauben belohnen wird, und weil die Älteren unter ihnen schon damals wussten, dass Claire mit keinem anderen als Alfred in der Scheune war und nur Alfred der Vater ihres Kindes sein konnte.

Nun ist Claire wieder da und will Rache. Nur wenn die Bürger von Güllen Alfred Ill töten, wird sich die Stadt wirtschaftlich erholen. Claire hat alles aufgekauft, was prosperierte, und stillgelegt. Sie hat alles platt gemacht, was kleinen Wohlstand versprach. Dass Claire ihr Elend absichtlich herbeigeführt hat, erfahren die Güllener zwar erst im Laufe des Stücks, dass Abgehängte wie sie schäbig und verwahrlost sind, behauptet die Inszenierung aber von Beginn an. Das sieht sich schön rotzig und trotzig an und hat anfangs auch ein flottes Tempo. Der Zuschauer muss ja im Alltag oft nicht weit gehen, um Gestalten zu sehen, die ihm nun als Güllener Bürger auf der Bühne begegnen. Güllen ist überall. Doch die Figuren so weit zu prekarisieren bedeutet, sie haben keine Fallhöhe. Claires Angebot kann sie nicht demontieren. Dass sie es vorerst ablehnen, wirkt so wahrscheinlich, als würde der Kandidat in "Wer wird Millionär?" bei der Millionenfrage wissen, a ist richtig, Günter Jauch aber zwingen, b zu nehmen.

Zwar ist auch bei Dürrenmatt klar, Alfred wird sterben, interessant im Stück sind die Verrenkungen, unter denen sich die guten Bürger ihren Mordshunger aufs große Geld schön lügen. Da diese Demaskierung nicht mehr stattfinden kann, wird Alfred immer mehr zum tragischen Helden, der sich für den Wohlstand seiner Mitbürger zu opfern bereit ist. Ein sympathischer ehrlicher Kerl, der seinen miesen Liebesverrat bereut. Eng umschlungen entschwinden Claire und Alfred am Ende in ein anderes Leben… Wo in der Theaterkantine dieses klasse Ensemble hoffentlich kräftig gefeiert hat.

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Nächste nicht ausverkaufte Vorstellung:

3. Dezember, 19.30 Uhr

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