Premiere für "Freunde, das Leben ist lebenswert" in Rudolstadt

Mit dem Charles-Lewinsky-Stück über das tragische Schicksal dreier jüdischer Künstler in der NS-Zeit zeigt Rudolstadt die spannendste Inszenierung der Thüringer Theatersaison.

Szenenbild aus "Freunde, das Leben ist lebenswert". Foto: Christian Brachwitz

Szenenbild aus "Freunde, das Leben ist lebenswert". Foto: Christian Brachwitz

Foto: zgt

Schon zu Beginn, wenn Jürgen Mutze, der Tenor, wie der ewige Jopi vorm Glitzervorhang Löhner-Bedas unsterbliche Lieder zelebriert, kommt kein Frohsinn auf. Die Welt steht am Abgrund und dazu schluchzen die Geigen.

In "Freunde, das Leben ist lebenswert" erzählt Charles Lewinsky die Geschichte von Fritz Löhner-Beda, dessen Texte Lehárs Operetten und unzählige Schnulzen und Schlager zu Evergreens machten. Die auch gesungen wurden, als dem Erfolgsverwöhnten 1938 im KZ Buchenwald eingeprügelt wird, "Scheiß Jud" sei nun sein Name. Im KZ trifft er seine Freunde wieder. Mit dem Komponisten Leopoldi und dem Kabarettisten Grünbaum hatte er 1934 in Wien seinen größten Erfolg gefeiert und sich über seinen Elogen auf Hitler dichtenden Chauffeur Prohaska (Rayk Gaida) amüsiert.

Spielen lässt Alexander Stillmark (Regie) die drei Künstler von Frauen (Charlotte Ronas, Simone Cohn-Vossen und Verena Blankenburg). Das wirkt – zu Beginn – mit Schaumstoffbäuchlein, Frack und leisen Sohlen wie eine Intellektuellen-Karikatur. Überhaupt arbeiten Inszenierung und Ausstattung (Volker Pfüller) durchgängig mit den Mitteln des Comics. Die SS-Männer sind Prototypen: ein einfältiger Schöngeist (Rayk Gaida), ein sentimentaler Idiot (Benjamin Griebel) und ein brutaler Muskelmann (Johannes Arpe).

Auch die Dialoge sind, fast immer, witzig, pointiert und treffen, immer, auf den Punkt. Auch wenn von Entwürdigung, Entsetzen, Schlägen, Hunger, dem Verlust der Hoffnung die Rede ist. Vor allem aber manifestiert sich dieser Prozess optisch. Die Körper der Häftlinge scheinen sich aufzulösen. Sie werden zerbrechlicher, schwächer, durchsichtig. Verkrampfte Schultern hier, ein Hinken da. Am Ende "rollt" Ronas mit letzter Kraft einen Würfel und zwei IG-Farben-Prüfer mit Plastik-Überziehern an den Füßen wie Heizungsableser wünschen sich in der Diktion heutiger Manager eine effizientere Arbeitskraft…

Es dauert eine Ewigkeit am Sonnabend zur Premiere, bis sich ganz hinten die ersten Hände rühren. Dann großer Jubel für Schauspieler, Orchester und Inszenierungsteam. So viel Geist im Hirn und soviel Wut im Bauch ist auf Thüringer Bühnen nur in Rudolstadt zu sehen.

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