Der Mythos und das Böse in Greiz

Über den Greizer Manfred Böhme, galanter Gentlemen und Intellektueller, Hochstapler und niederträchtiger Stasi-Spitzel, hat die Journalistin Christiane Baumann ein Buch geschrieben. In der Greizer Reihe "Prominente im Gespräch" wird das Buch vorgestellt.

 Christiane Baumann stellt ihr Buch über Manfred Ibrahim Böhme im Weißen Saal des Greizer Unteren Schlosses vor.

Christiane Baumann stellt ihr Buch über Manfred Ibrahim Böhme im Weißen Saal des Greizer Unteren Schlosses vor.

Foto: zgt

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Greiz. Er war beklemmend nah und fast spürbar an diesem Donnerstagabend im Weißen Saal des Unteren Schlosses Greiz, jener Manfred "Ibrahim" Böhme.

Seine Stimme füllte den Raum schneidend blechern, wiedergegeben von einer Tonbandaufnahme aus dem Jahr 1969. Er rezitierte ein Gedicht. Ein Mensch, der zahllose Biografien in unserer Region geprägt hat, wie Harald Seidel, Initiator von "Prominente im Gespräch" und einstiger Freund Böhmes, sagt. Geprägt hat er sie, der spätere Beinahe-Ministerpräsident der untergehenden DDR im März 1990, und er hat zahllose, nicht zuletzt die des im Mai vorigen Jahres gestorbenen Greizer Dichters Günter Ullmann, gebrochen, der Stasi-Spitzel Manfred "Ibrahim" Böhme, alias IM "August Drempker", alias IM "Paul Bongartz".

Wer war dieser Manfred "Ibrahim" Böhme, der bis heute, über zehn Jahre nach seinem Tod im November 1999, als kaum fassbarer, janusköpfiger Charakter, als galanter Gentlemen und Intellektueller, als Hochstapler und niederträchtiger Diener des DDR-Spitzelapparates die Gemüter bewegt?

Dieser Frage ist die Berliner Journalistin Christiane Baumann nachgegangen. Ihre Recherchen hat sie in dem Buch "Manfred Ibrahim Böhme – Ein rekonstruierter Lebenslauf" zusammengefasst, das sie nun in Greiz vorstellte. Ein Buch, "das nur ein Versuch sein kann, nachzuvollziehen, wie Böhmes Leben verlaufen ist", sagt sie.

Mit im Podium vor 150 Gästen saßen neben Baumann und Seidel die Berliner Menschenrechtlerin Ulrike Poppe, die über die ehemalige DDR-Oppositionsgruppe "Initiative für Frieden und Menschenrechte" 1980 mit Böhme in engeren Kontakt kam, sowie als Moderator der Veranstaltung Andreas Bley, Leiter der Geraer Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde.

"Der Manfred ist im Fernsehen", liest Christiane Baumann aus ihrem Buch eine Passage, wie eine ehemalige Bekannte Böhmes aus Greiz jenen Manfred, der von 1965 bis 1977 in der Elsterstadt lebte, in der Wendezeit 1989 als Politik- und Medienstar der neu gegründeten DDR-SPD wieder entdeckt. Baumann nähert sich dem Phantom Böhme über Akten, Gespräche mit Zeitzeugen, Freunden und Opfern. Sachlich, beinahe mit wissenschaftlicher Akribie beschreibt sie den von selbsterfundenen Legenden wie der angeblich jüdischen Herkunft, Brüchen, nebulösen Geschichten und Andeutungen gezeichneten Lebensweg Böhmes. Sie berichtet von seiner schweren Kindheit in Bad Dürrenberg, von seinem Charme, dem nicht nur in Greiz vor allem die Frauen verfallen, von seiner überzogenen Selbstdarstellung – und von seiner Verpflichtung als Stasispitzel, die er im Januar 1969 unterschreibt.

Fortan verrät und hintergeht Böhme mit einem – selbst teilweise für die Stasi – undurchdringlichen Geflecht aus Lügen und Halbwahrheiten Freunde und Bekannte, er liefert Berichte über den damals ebenfalls in Greiz lebenden Dichter Reiner Kunze oder über die Mitglieder der Greizer Jazz-Formation "media nox". Später, als Böhme in Neustrelitz und danach in Berlin wohnt, sind es Oppositionelle wie Ulrike Poppe, die er denunziert. Erst als Kunze im Frühling 1990 in seinen Stasiakten entdeckte Beweise für die IM-Tätigkeit Böhmes öffentlich macht, bricht das Lügengebäude Böhmes zusammen. Er selbst bestreitet bis zu seinem Tod, jemals mit der Stasi zusammengearbeitet zu haben.

Es ist der Mythos und das reale Böse des Manfred Ibrahim Böhme, das nicht loslässt. Ergreifend erzählt Ulrike Poppe, wie sie den schon todkranken Böhme im Hospital besucht, hoffend auf eine Erklärung, und doch von ihm nur die Antwort erhält: "Ich habe 30 Aktenordner, die meine Unschuld beweisen, sie liegen bei Simon Wiesenthal."

Vieles in Böhmes Leben bleibt im Dunkeln, viele Erinnerungen, auch manche von Bekannten im Publikum in der Diskussion geäußerten, verirren sich in Spekulationen. War Böhme ein Mephisto, eine Figur aus einem Dostojewski-Roman, einer, der Regie über das Leben führen wollte?

Böhme war "vielschichtig begabt und führte sowohl ein un- als auch ein inszeniertes Leben", glaubt Christiane Baumann. Angesichts der vielen Opfer Böhmes, die mitunter bis heute noch nicht über das erfahrene Leid durch die Stasibespitzlung sprechen könnten, sei es jedoch unmöglich nur das Nette aus seiner Biografie herauszusuchen.

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