Der Stier ergreift in Jena die räumliche Macht

Jena  Bronzeskulptur „Spiegelbild“ feierlich enthüllt als Schlussstein der Tiefbausanierung in der alten Westvorstadt.

Hermann Grüneberg konnte gestern auf dem Johannisplatz den „lang ersehnten Tag“ der Einweihung seiner Bronzeskulptur „Spiegelbild“ mit Freunden und vielen Jenaern feiern.

Hermann Grüneberg konnte gestern auf dem Johannisplatz den „lang ersehnten Tag“ der Einweihung seiner Bronzeskulptur „Spiegelbild“ mit Freunden und vielen Jenaern feiern.

Foto: Thomas Stridde

Tierisches und ländlich-sittsames Flair in der Nähe des Zentrums der High-Tech-Stadt? – Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) gab gestern auf dem Johannisplatz den Stadtbild-Erklärer während der Einweihung der Skulptur „Spiegelbild“ des Hallenser Künstlers Hermann Grüneberg (Jahrgang 1983). Das Kunstwerk vorm Eingang der Wagnergasse werfe das Licht auf eine „Zeit, wie es sie nicht mehr gibt“, sagte der OB: Das Terrain von Johannisplatz, Wagnergasse und Bachstraße sei einst Vorstadt gewesen – geprägt von Weideland, von Wagnern, die die Wagenräder schmiedeten, von Tieren, die umgespannt wurden. Mit in Betracht gezogen gehöre, dass die Skulptur aufs Erste zwei Stiere im horizontalen Ringkampf zu zeigen scheine – oder doch das eigene Spiegelbild, das der obere Stier beim Blick auf eine Wasserfläche erschaut? Der OB dachte dabei gestern an die „Spiegelung von vernünftigen und unvernünftigen Dingen“.

Letzter Baustein eines Großprojekts

Das „Spiegelbild“ sei der letzte Baustein für die grundhafte Erneuerung und die Umgestaltung von Johannisplatz und Wagnergasse – eine Komplettmaßnahme, die mit Hilfe von insgesamt 600 000 Euro an Städtebaufördermitteln verwirklicht wurde, berichtete Stadtentwicklungsdezernent Denis Peisker (Bündnisgrüne). 50 000 Euro Künstlerhonorar gehen an Hermann Grüneberg, der im Dezember 2015 als Sieger eines Künstlerwettbewerbes zur Gestaltung des westlichen Johannisplatzes auserkoren worden war. Hermann Grüneberg ist gelernter Holzbildhauer, der kürzlich ein Meisterschüler-Studium an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle abgeschlossen hat.

Als Sprecherin der Jury erinnerte die Kunsthistorikerin Angelika Steinmetz-Oppeland daran, dass Kinder vorab in den Wettbewerb einbezogen worden waren, die in einem Workshop in der Westschule ihre Vorgaben für das Kunststück am Johannisplatz formulierten: Einbeziehung des Lichts, weidende Tiere, Wasser, Bespielbarkeit.

Allem Anschein nach hat sich Hermann Grüneberg von den Kinderwünschen stark inspirieren lassen. Bei Berührung am rechten Horn des oberen Stiers (oder des „echten“ – bei Spiegelbild-Interpretation) schnaubt er dank Trinkwasseranschluss feinneblige Wasserschleier aus der Nase.

Dass sich am bisherigen Standort des Kiosks „Fritz Mitte“ hunderte Jahre zuvor ein Laufbrunnen befunden hatte, sei belegt, erläuterte Angelika Steinmetz-Oppeland.

Und die Einbeziehung des Lichts? – Wenn das gestern am frühen Nachmittag mal kein Zufall war: Die Sonnenstrahlen wurden auf einer Fensterfront der westlichen Uniturm-Seite derart reflektiert, dass das Lichtbündel wie ein Scheinwerferstrahl genau auf das Kunstwerk fiel.

Für Angelika Steinmetz-Oppeland strahlt der gespiegelte Stier „große räumliche Macht“ aus; ebenso mute die Skulptur phantastisch-irreal an. Und die Haut des Tieres wirke wie die von Reptilien, aber nicht wie Kuhfell. Es gehe auch nicht um das Abbild, „sondern die Vision eines Tieres, das hier vor hunderten Jahren gestanden haben mag“. Mit der Fixierung auf eindeutige Botschaften des Kunstwerks würde man Hermann Grüneberg ohnehin nicht gerecht.

Den Eindruck, dass das schon vor einigen Jahren angestoßene Wettbewerbsprozedere ein paar Stressfaktoren enthalten haben muss, deutete der Künstler gestern an. „Freunde, drückt mich heute fest, es ist ein lang ersehnter Tag“, sagte Grüneberg feierlich.

An der „Lotterie der Ausschreibung“, wie Grüneberg gestern formulierte, hatten sich Anfang 2015 mit ihren Vorschlägen 46 Künstler beworben. In der nächsten Wettbewerbsstufe verblieben fünf Künstler. Hier setzte sich Grüneberg mit seinem Entwurfe durch gegen Robert Krainhöfer, Walter Sachs, Philipp Maximilian Jäger und Christoph Mancke. Neben vielen erwachsenen Preisrichtern waren ein Jenaer Jugendparlamentsmitglied und ein Westschüler in der Jury vertreten.

Gäste der Feier waren gestern mit Reinhard Köthe, Hans-Georg Goelitz und Volker Guyenot auch Vertreter jener Bürgerinitiative, die die Errichtung eines Carl-Zeiß-Denkmals organisiert hatte. Die Skulptur war vor einem Monat an der Ostseite des Johannisplatzes eingeweiht worden. Am Ende der Feier gaben sich die Herren ein wenig verärgert, dass dieses Projekt in der Rede des OB keine Erwähnung fand. Dabei, so sagte Hans-Georg Goelitz, hätte man doch von der Stierplastik hin zum alten Zeiß gut einen sinnbildlichen Bogen schlagen können – vom Damals ins Heute.

Auch weit über diese Kritik hinaus darf fortan kreativer Streit rund um die Kunstwerke auf dem Johannisplatz erwartet werden. Angelika Steinmetz-Oppeland hatte in ihrer Rede festgestellt, Jena sei „offenkundig bestens geeignet für kontroverse Diskussionen“ über Kunst im öffentlichen Raum.

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