Faszination Dreck: Künstler auf Burg Posterstein macht Staub zu Kunst

Posterstein/Köln  Wolfgang Stöcker hat einen eigenen Blick auf die Dinge. Auf Posterstein weilte der Künstler und bewunderte Wanzen.

Der Staubkünstler Wolfgang Stöcker aus Köln ist in Posterstein zu Gange und entnimmt den Staub der Jahrhunderte. Daraus fertigt er später mit Wachs Skulpturen.

Der Staubkünstler Wolfgang Stöcker aus Köln ist in Posterstein zu Gange und entnimmt den Staub der Jahrhunderte. Daraus fertigt er später mit Wachs Skulpturen.

Foto: Eva Marie Stegmann

Was andere verärgert und ekelt, findet Wolfgang Stöcker einfach hinreißend. Im früheren Turmeinstieg auf Burg Posterstein hat der Kölner in einer Fuge ein grünes Stück Bonbon-Papier entdeckt. Daneben verendete eine Schildwanze. Die Aufzeichnungen im Exkursionstagebuch des Künstlers zeugen von der Begeisterung, die er beim Anblick der Dinge, die für andere allenfalls Abfall wären, empfunden haben muss. „Probe 5: Schöne Partikel der dortigen Tonklinkerböden. In der Fuge ein grünes Papierchen! (Foto!) Papier schon von Spinnennetz umhüllt!!!“, hat er in dem Buch mit schwarzem ­Kuli notiert. Einen ganzen Tag lang war er auf der Burg auf der Suche nach Staub, nach Wollmäusen, nach Verfall.

Seite um Seite füllte sich das Exkursionstagebuch, welches er stets mit sich führt, Tütchen um Tütchen wuchs das Arsenal an Proben. Wolfgang Stöcker wird später deren Inhalt mit Wachs vermengt zu Skulpturen formen.

Die nennt er Staubhäuser und Staubschreine, sich selbst einen Staubkünstler. „Ich will das Verformte wieder in Form bringen“, sagt er. 48 Jahre ist er alt, mit seinem 35. Lebensjahr schlug er die Laufbahn des Staubkünstlers ein. An der Universität Köln studierte er Kunst und Geschichte. Bei ihm zu Hause – er lebt mit Frau und Kindern in Köln – ­befindet sich das deutsche Staubarchiv. Wer auf Stöckers Webseite klickt, kann einige Proben sehen: Winzigste dunkle Krümel aus dem Kölner Dom: „Sakraler Staub“. Wollmäuse aus dem Empire State Building: „Kulturstaub“. Noch winzigere Krümel aus der London National Gallery : „Kulturstaub“.

Ist das ernst oder Spaß? So einfach ist die Unterscheidung beim Staubmann nicht zu treffen. Soviel ist klar: Spaßig ist die Ernsthaftigkeit, mit der Wolfgang Stöcker seine Staubexkursionen betreibt.

Auf Posterstein hat er dafür zwei Tage Zeit. Jetzt präsentiert er den handtellergroßen Plastikbeutel mit Probe 5 Klaus Hofmann und Marlene Hofmann vom Museum. Gefunden haben sich das Thüringer Museum und der Kölner via Twitter. Wolfgang Stöcker schüttelt das Tütchen, so dass sich die rötlichen Partikel der Tonklinkerböden zwischen dem Wanzenkörper und der grünen Bonbon-Verpackung hin und her bewegen. Fundort ist laut Exkursionstagebuch in 17 Metern Höhe im Turm bei Stufe 29 in Ritze Nummer 11. Er kramt das Tütchen mit der Staubprobe aus Ritze 7 heraus und legt es daneben. „Ich habe 15 Dielenritzen ­gezählt am Turmaufgang. Turmstubenritzenstaub – ist ja auch ein schönes Wort“, sagt er und grinst. „Ich entwickel eine leicht ­augenzwinkern- de Pseudowissenschaft. Wenn ich ­sehe, dass in Ritze 7 mehr Staub als in Ritze 11 ist, und beginne, es naturwissenschaftlich zu untersuchen zum Beispiel.“ Im Museum Ludwig in Köln führte er die von ihm entdeckten Wollmäuse auf ständigen Windzug durch die ­Gebäudearchitektur zurück. „Ideale Bedingungen für die Bildung von Wollmäusen“, notierte er in sein Büchlein. Durch die Gehbewegung der Besucher entstehe ein steter Mikrowind. „In Posterstein wundert mich fast, wie sauber es ist.“

Fündig geworden ist der Staubmann trotzdem. Dort wo niemand hinschaut, sammelt Wolfgang Stöcker seine Kunst. „Im Turm ballen sich Inschriften aus den 80er-Jahren“, berichtet er Marlene Hofmann und Klaus Hofmann. Dagobert Duck war dort oben und Jörg grüßt den Rest der Welt. Handwerker haben sich verewigt während der Renovierung 1984. „Das entgeht mir nicht“, sagt der Mann mit dem Lockenkopf, der beim Reden gerne die Hände benutzt. Den Staub nimmt er zum Anlass, die Dinge zu betrachten. Auf der einen Seite Kunstwerke von Weltrang, jahrhundertealte Büsten, eine Totenmaske Napoleons und direkt ­daneben diese zweite Ebene. „Dass jemand ein Eukalyptusbonbon hat fallen lassen und die Spinne wickelt das dann ein und die Wanze lässt daneben ihr Leben. Das passiert an diesen Kulturorten ja auch. Parallel. Die ­Geschichte von Menschen, das ist alles relativ.“ Die Kulturgüter, welche in ­Museen bewahrt würden, sie könnten genauso gut auf Dachböden kaputt gehen. Wenn sie keiner findet. „Der Staub ist ein Mahner: Pass auf, wenn du nichts tust, wird all das zu Staub verfallen. Die Burg Posterstein war Wehrburg, Kindergarten, nun Herberge dieser Ausstellungen. So leicht könnte alles ­kaputt gehen, wenn man den Jahren und der Natur ihren Lauf lässt. Doch in den Museen der Welt werden Gemälde vor ­Berührungen, Wände vor Feuchtigkeit und Büsten vor Hitze geschützt. Warum diese Mühe? Wofür all das? Der Staub ist Anlass, darüber nachzudenken. Und ich finde, das hat etwas sehr Philosophisches“, endet er seinen kurzen Vortrag. Mit seiner fast kindlichen ­Begeisterung hat er Marlene und Klaus Hofmann gepackt, das ist ihnen anzusehen.

Nun ist er zurück in Köln und fertigt Postersteiner Staubhäuser an. 2019, so der Plan, wird er sie, sich und seine Geschichten auf der Burg präsentieren. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der geneigte Zuhörer dabei eine Faszination für Spinnen und Wanzen entdecken mag. Wenn das keine Kunst ist ...

Wer mag, kann dem Museum Burg Posterstein Wachs spenden. Dieser wird als echter Postersteiner Wachs nach Köln geschickt und mit dem Staub zu Figuren geformt.