Förderzentrum Schmölln feiert 25-jähriges Bestehen

Schmölln  Kein Leben unter der Glasglocke: Inzwischen ist die Bildungseinrichtung europaweit unterwegs.

Ein offenes Haus – das Förderzentrum in Schmölln.

Ein offenes Haus – das Förderzentrum in Schmölln.

Foto: Jana Borath

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Jana Goßmann und Constanze Arnold sitzen am Schreibtisch und blättern in einem grauen Ordner. 25 Jahre ist er alt und dokumentiert den Bau des Förderzentrums Schmölln, das 1994 eröffnet wurde. „Schau mal hier“, sagt Arnold und zeigt auf den Zeitungsartikel, der über den ersten Spatenstich für diese Bildungseinrichtung berichtet. „Das war das Modernste überhaupt, was damals bei uns in der Stadt entstand“, sagt sie.

Seit 1997 lehrt Constanze ­Arnold am Förderzentrum Am Kemnitzgrund, inzwischen ist sie dessen stellvertretende Leiterin. Mit ihrer Chefin Jana Goßmann teilt sie sich in die Arbeit. Ihr Schwerpunkt ist die Berufsorientierung ihrer Schützlinge, Goßmann kümmert sich um die Netzwerkarbeit des Förderzentrums.

1994 ging es als barrierefreie Ganztagseinrichtung mit über 200 Mädchen und Jungen im Grund- und Regelschulbereich an den Start. „Unter einer ­Glasglocke haben wir nie gelebt“, so Jana Goßmann. Denn 1998 kam die Berufsvorbereitung und -orientierung dazu, die seitdem kontinuierlich läuft. Dank auch der vielen Partner, die das Förderzentrum in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten um sich scharte. Dazu gehören an die 70 Unternehmen aus der ­Region, die Praktikaplätze bieten und mit denen sich im Laufe der Jahre viele Ausbildungsverhältnisse anbahnen ließen. Sein Qualitätssiegel als „Berufswahlfreundliche Schule“ errang das Förderzentrum erstmals 2003 und konnte es seitdem drei Mal erfolgreich verteidigen. „Einzigartig in Thüringen ist das“, sagt Constanze Arnold stolz.

Ihre Schützlinge auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten, ist das große Ziel dieser Bildungseinrichtung. Schon in der 5. und 6. Klasse werden die Kinder mit Hauswirtschaft, Gartenarbeit, Naturpflege, Werken und Textilarbeit in die lebenspraktischen Bereiche eingeführt. Ab Klasse 9 kommen die Partner des Förderzentrums ins Spiel, die Langzeitpraktika gewähren. Das gesamte Schuljahr über sind einmal in der Woche die Jugendlichen in einer Firma und schnuppern in den Berufsalltag hinein.

All die Erfahrungen in Sachen Berufswahlfreundlichkeit stellt das Team mit 20 Lehrern und fünf sonderpädagogischen Fachkräften um Jana Goßmann allen anderen Regelschulen im Landkreis gern zur Verfügung. „Wir bieten das an, manch einer nutzt das auch.“

Das Förderzentrum hat sich im Altenburger Land ebenso in anderer Hinsicht einen Namen gemacht. Es ist Beratungs- und Kompetenzzentrum, wenn es um Inklusion geht. „Wir unterstützen sechs Grundschulen, fünf Regelschulen und ein Gymnasium mit unseren Sonderpädagogen“, erläutert Goßmann. Sie kümmern sich um aktuell rund 60 Mädchen und Jungen mit sonderpädagogischem Förderbedarf an 13 Netzwerkschulen in der Region. Im Förderzentrum selbst werden heute noch 45 Kinder und Jugendliche unterrichtet. „All unsere Schüler haben ihre eigene Geschichte“, umreißt Jana Goßmann die verschiedenen Beeinträchtigungen, die eines besonderen pädagogischen Ansatzes bedürfen. Seh- oder Gehbehinderungen, Wiedereingliederungen nach längeren Klinikaufenthalten, Auffälligkeiten im sozialen Verhalten, Lernschwächen. Auf all das wird in kleinen Lerngruppen eingegangen, mit individualisiertem, lebenspraktischem Unterricht reagiert. Die Förderung ist ganztägig, Projekte richten sich nach den Interessen der Schüler.

Es gibt viele Erfolge, die dieses Förderzentrum vorzuweisen hat. Der kann sich in einem Brief an die Schulleiterin mit einer ­Liste von Vorzügen des Förderzentrums ausdrücken – ­geschrieben von einem Zehnjährigen. Oder es ist das ­vielversprechend laufende ­Praktikum für eine autistische Schülerin im Staatsarchiv Altenburg. Oder es ist der Lehrvertrag, den eine Verwaltung mit einer Absolventin des Förderzentrums abschloss. Oder es ist das besonders verschlossene Mädchen, das durch das Praktikum im Alten- und Pflegeheim regelrecht aufblüht. „Jedes einzelne dieser Beispiele motiviert uns und zeigt, dass es richtig ist, mehr Zeit, mehr Geduld, mehr Aufmerksamkeit in unsere Schüler zu investieren“, sagt Jana Goßmann. Und ja, diese Beispiele trösten über Rückschläge hinweg, die ebenfalls zur Arbeit im Förderzentrum dazu gehören.

Dass das Konzept aufgeht, belegt nicht nur der zweite Platz im Bundeswettbewerb „Starke Schule“ 2017, in dem sich die Schmöllner auch mit Regelschulen maßen. Auch die Stadt hat sich mit Haus II ihres Kindergartens Finkenweg für fünf Jahre eingemietet. Die dritten und vierten Klassen der Schmöllner Grundschule verbringen Am Kemnitzgrund seit mehr als einem Jahr ihre Hortzeit. Unterrichtsbegleitend findet außerdem logopädische und ergotherapeutische Arbeit mit Kindern statt.

Und jetzt mischt das Förderzentrum Schmölln sogar auf europäischer Ebene mit: Dank des Projektes Erasmus+, das Jana Goßmann jüngst im Schmöllner Stadtrat vorstellte. Lehrer und Schüler aus Rumänien, Schweden und Lettland werden im Mai im Förderzentrum erwartet. Das Programm steht und alle freuen sich schon auf diesen Besuch. „Unsere Schüler lernen gerade wie verrückt Englisch“, sagt Constanze Arnold und strahlt.

Doch heute wird erstmal gefeiert: 25 Jahre Förderzentrum Schmölln. Gemeinsam mit Schülern, Lehrern, Gönnern, Freunden, Partnern, Eltern und dem Förderverein. Letzterer wird von Birgit Ebersbach geleitet, die von 1994 bis 2013 das Förderzentrum Am Kemnitzgrund leitete. „Und auf diese Kompetenz wollen wir auf keinen Fall verzichten“, sagt ihre Nachfolgerin.

Meine Meinung: Der Blick für das ganz Besondere

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