Gera: Aus einer lustigen Idee wird Ernst

Gera  Das Künstlerduo Maurice de Martin und Tanja Schwarz will mit Geraern zur Kulturhauptstadt-Idee ins Gespräch kommen

Der Berliner Konzeptkünstler Maurice de Martin und die Schweizer Künstlerin Tanja Schwarz sind das „Gera2025“-Team.

Der Berliner Konzeptkünstler Maurice de Martin und die Schweizer Künstlerin Tanja Schwarz sind das „Gera2025“-Team.

Foto: Peter Michaelis

„Make Gera Great Again“ – titeln Maurice de Martin und Tanja Schwarz. Die beiden Künstler wünschen sich, mit dem Slogan die Bürger dieser Stadt anzuregen, über „Gera2025“ nachzudenken und damit über die Idee einer Bewerbung Geras als Europas Kulturhauptstadt.

Maurice de Martin irritiert über Geras Schnellschuss – Bewerbung als Kulturhauptstadt

Ganz zufällig hatte es Maurice de Martin nach Gera verschlagen, weil die „Häselburg“-Macher Burkhard Schlothauer und Claudia Tittel ihn für eine Sommerakademie in ihrem Kulturzentrum engagierten. Im Zuge der Kreativarbeit hörte der Gast von vielen Geraern „Wir brauchen wieder so etwas wie die Buga!“. So entstand die Idee der Kulturhauptstadtbewerbung. „Was erst lustig gemeint war, haben aber zusehends mehr Leute ernst genommen. Also machen wir jetzt einen Feldversuch“, sagt Martin, betont aber auch, keine Bewerbung formulieren zu wollen. Diesen Part müsste die Stadtverwaltung selbst übernehmen. Ihm und Künstlerkollegin Tanja Schwarz geht es einzig darum, die Leute zum Thema in den Dialog zu bringen – und das eben durch eine humorvolle Zukunftswerkstatt.

Spiegel-Artikel als Geschenk des Himmels

„Die Irrungen und Wirrungen im Vorfeld haben uns nicht gestört. Wir haben sie eher genutzt für unsere Arbeit“, sagt Martin und spielt damit auf den Umstand an, dass die Stadt seine Kulturhauptstadt-Idee kurzerhand für sich beanspruchte und damit irgendwie verursacht hat, dass der Kunstverein Gera dem Künstler die Kooperation aufkündigte, in der Befürchtung, plötzlich eine politische Veranstaltung zu unterstützen. Wunderbares Material habe zudem der Spiegel-Artikel gebracht, ein wahres Geschenk des Himmels. „So hatten wir die Diskussion über Gera schon laufen“, meint der Künstler, der den Dialog nun ausweiten möchte.

Etwa 40 Geraer folgten dem Startschuss des Künstlerduos und bevölkerten das auf dem Kornmarkt 6 eröffnete Kulturhauptstadt-Büro. Der Geraer Architekt Thomas Lauber hat die ehemalige Bierstube zur Verfügung gestellt, weil er es gut findet, wenn jemand von Außen die Neugier der Bürger anfacht.

Und die Leute sind interessiert, berichten das „Gera2025“-Team. Viele kämen vorbei, weil sie sehen wollen, was hier passiert. Drinnen gibt es jede Menge Fan-Artikel zu Gera, eine limitierte Kunstedition von „Make Gera Great Again“-T-Shirts und die Aufforderung, eigene Fanartikel vorbei zu bringen oder vor Ort zu gestalten – vorzugsweise in den Gera-Farben Schwarz und Gelb. Des nachts werden per Videoinstallation Fragen ausgestrahlt, die den Ist-Zustand der Stadt reflektieren. „Die Sammlung soll wachsen, indem uns die Leute ihre Fragen bringen“, lädt Maurice de Martin zum Mittun ein. So will er Gera als Stadt der Ideen etablieren, aus der Kraft der Menschen heraus, die hier leben. Einen passenden Imagefilm will er mit Tanja Schwarz am 20. August präsentieren.

Kreativität durch Chaos, das findet Sigrid Pommer gut. Die Geraerin hofft, das die nach dem Spiegel-Artikel entstandene Aufbruchstimmung anhält und sich viele Geraer auf die Diskussion einlassen. Sie wird zu Hause auf die Suche nach Gelb-schwarzen Utensilien gehen, die sich als Fan-Artikel eignen könnten. Davon ist auch Heike Jäger inspiriert. Sie nimmt den Aufruf „Make Gera Great Again“ ernst. „Ich finde es toll, dass ein Außenstehender etwas für unsere Stadt tut. Gera 2025 ist kein abwegiger Gedanke, schließlich kann sich jede Stadt als Kulturhauptstadt bewerben, es müssen nur auch die Stadtverwaltung und die Oberbürgermeisterin dahinter stehen“, sagt sie.

Das In-die-Offensive-Gehen findet auch Andrea Annelena Dressel sehr richtig. Sie findet, man müsse jedem Ideengeber einen roten Teppich ausrollen. „Vielleicht denken manche, die Idee ist größenwahnsinnig. Aber man darf ruhig mutig sein. Die Frage ist doch, was Bürger und Stadt daraus machen“, findet sie.

Eva-Maria Fastenau hat da ihre Zweifel. Dass über die Idee gesprochen wird, findet sie gut. „Doch eine Bewerbung muss am Ende die Stadt formulieren. Und dazu braucht es eine funktionierende, fleißige und kreative Stadtverwaltung“, will sie realistisch bleiben.

Trägheit, mangelndes Engagement und Desinteresse wirft auch Joachim B. Schulze der Stadt vor. „Wie ein Kunstprojekt vom Marketing der Stadt aufgeschnappt wird, ist purer Aktionismus“, sagt er. Wie eine Stadt, die nicht mal einen Kulturdezernenten und einen offiziellen Museumsleiter hat, glaubt, eine Kulturhauptstadt-Bewerbung stemmen zu können, wertet er als Selbstüberschätzung. Trotzdem sieht er die nach dem Spiegel-Bericht aufgeflammte Diskussion positiv. „Wenn der Artikel nett gewesen wäre, wäre alles verebbt. Den Schlag ins Gesicht hat es gebraucht. Hier wurde ehrlich gesagt, warum Geraer die Stadt verlassen“, findet er.

Für den Künstler Maurice de Martin hat all das ohnehin etwas Gutes. Er schlägt vor, mit den offenkundigen Mängeln zu werben, das sei echte Emanzipation.

Das „Gera2025“-Büro am Kornmarkt 6 ist bis zum 20. August mittwochs bis sonntags ab 14 Uhr geöffnet. Interessenten können sich über Telefon (0176) 37192093, per E-Mail info@gera2025.org und über www.gera2025.org informieren.

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