Jena-Naumburg: Zugreisende als Theaterpublikum

Jena  Das Kunstfest Weimar verwandelt die Bahnstrecke zwischen Jena und Naumburg in eine 30 Kilometer lange Bühne

Noch schlängelt sich der Intercity-Express ICE durchs Saaletal. Foto: Tino Zippel

Noch schlängelt sich der Intercity-Express ICE durchs Saaletal. Foto: Tino Zippel

Foto: zgt

Es ist vielleicht nur am Rande ein ironischer Seitenhieb auf die Bahn, die ausgerechnet Jena vom ICE-Netz nimmt. Es geht vor allem um Schnelligkeit, die alles trennt: den Reisenden vom Bleibenden, das Mobile vom Immobilen und das Urbane vom Ländlichen. Eine der ungewöhnlichsten Kunstfest-Produktionen in diesem Jahr verwandelt das Saaletal zwischen Jena und Naumburg in eine 30 Kilometer lange Bühne und die Zugreisenden in ein Publikum.

Jörn Hintzer freut sich schon auf die Probe. Irgendwann in den nächsten Tagen trifft er sich mit der Feuerwehr, die einen künstlichen Regenbogen erschaffen will. Etwa 500 Freiwillige aus der Region wirken an der Inszenierung für vorbeifahrende Züge mit: „Bewegtes Land“ lautet deren Titel, der in diesen Zeiten durchaus doppelbödig daherkommt. Neben den Wehren ist es der Fanfarenzug aus Bad Kösen, zahlreiche Fußballer, Landwirte, die Bogenschützen aus Camburg, der Jenaer Soziologieprofessor Hartmut Rosa, der über Beschleunigungstheorie etwas erzählen wird, und viele, viele andere mehr, die bei der Uraufführung mit von der Partie sind.

Hinter dem Projekt stehen Hintzer und Jakob Hüfner, das Künstlerduo Datenstrudel, wobei beide Herren eine Juniorprofessur an der Weimarer Bauhaus-Universität haben und mit ihren wortwörtlich dargestellten lustigen Fußballfloskeln 2015 zum Klick-Hit im Internet avancierten. „Man stelle sich vor, dass der Zugreisende einfach mal die Excel-Tabellen und den Laptop beiseite legen und die Reise zum Erlebnis wird, die Reise selbst zum Mittelpunkt wird“, sagte Hintzer gestern in Weimar, wo im Deutschen Nationaltheater das Programm des diesjährigen Kunstfestes vorgestellt wurde. Die Idee stammt aus dem Jahr 2013, bereits 2015 gab es in Dornburg-Camburg einen Testlauf, doch es hat bis heute gedauert, das Projekt zu realisieren.

Heuballen schweben in der Luft, Bäume rasen über ein Kornfeld, ein Hai springt aus der Saale: Vielfältig werden die Versuche sein, mit den Reisenden im Zug in Aktion zu treten. 25 Abelio-Züge, sechs IC und 15 ICE sind an zwei Tagen unterwegs, wobei Anfang und Ende vom Zugfahrplan bestimmt wird; Am 26. August um 10.26 Uhr und am 27. August um 13.26 Uhr fahren die Züge vom Paradies-Bahnhof ab, wobei ein Zustieg an allen Bahnhöfen entlang der Strecke in beide Richtungen möglich und die Bahnfahrkarte (ICE oder Regionalzug) die Eintrittskarte ist. Wie in einem Film betrachten die Reisenden die vorbeiziehende Landschaft, dazu ertönt ein passender Soundtrack, an dem der Komponist Michael Nyman noch arbeitet. Auch die Bahnhöfe avancieren zu kleinen Theaterbühnen. „Es war die letzte Chance, das Vorhaben zu realisieren“, sagte Jenakultur-Werkleiter Jonas Zipf, da mit der Inbetriebnahme der ICE-Trasse Erfurt-Nürnberg Ende 2017 Jena völlig vom Fernverkehr abgekoppelt werde. „So viel Jena steckte noch nie im Kunstfest Weimar.“

Dreimal Jena

Eine Koproduktion mit dem Theaterhaus Jena ist die szenische Installation „Camera Obscura::Lenz“, in der unter anderem Sophie Hutter zu sehen ist. Die Uraufführung findet am 19. August ab 18 Uhr in Weimar statt.

Das Living Dance Studio aus Peking nimmt das Tanzstück „Das rote Frauenbataillon“ unter die Lupe. Das Stück zählt zu jenen acht Modellopern, den einzigen Bühnenwerken, die während der Kulturrevolution in China (1966 – 1976) aufgeführt werden durften. Das Tanztheater ist am 24. und 28. August im Theaterhaus in Jena zu erleben.

Ein Video des Testlaufes der Inszenierung „Bewegtes Land“ ist unter www.bewegtesland.de zu finden.

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