Knapp dem Giftschrank entgangen: Jenaer Filmfestival eröffnet mit Defa-Klassiker und Jaeckie Schwarz

Jena  Wenn es nach dem sowjetischen Botschafter Pjotr Andrejewitsch Abrassimow gegangen wäre, dann wäre der Defa-Film „Ich war neunzehn“ im Giftschrank verschwunden.

Schauspieler Jaeckie Schwarz (rechts, „Polizeiruf 110“) sprach beim Jenaer Filmfestival mit Christian Wehmeier vom Film e.V.

Schauspieler Jaeckie Schwarz (rechts, „Polizeiruf 110“) sprach beim Jenaer Filmfestival mit Christian Wehmeier vom Film e.V.

Foto: Ulrike Merkel

Wenn es nach dem sowjetischen Botschafter Pjotr Andrejewitsch Abrassimow gegangen wäre, dann wäre der Defa-Film „Ich war neunzehn“ im Giftschrank verschwunden. Dem Chefdiplomaten missfiel die Darstellung der Roten Armee, sie war ihm nicht heroisch genug. Aber damit wollte sich DDR-Starregisseur Konrad Wolf nicht abfinden, zumal er in der Produktion seine eigenen Kriegserlebnisse verarbeitete. Und so reiste er kurzerhand mit seinem jungen Hauptdarsteller Jaeckie Schwarz und den Filmbüchsen unter dem Arm nach Moskau, besuchte einen alten Bekannten aus Kriegszeiten, der inzwischen ein hohes Amt bekleidete, und zeigte ihm den Film. Dem gefiel das Werk; es sei das, was auch er im Frühjahr 1945 erlebt habe. Und so sorgte er dafür, dass der Defa-Klassiker aus dem Jahr 1967 von der Zensur verschont blieb.

Am Mittwochabend eröffnete „Ich war neunzehn“ die zweite Ausgabe des Jenaer Paradies-Filmfestivals. Noch bis Sonntag werden dort Filme aus der DDR gezeigt, aber auch italienische Thriller und türkische Produktionen des vielfach ausgezeichneten Kurden Yilmaz Güney. So es möglich ist, kommen 35-Millimeter-Filmrollen zum Einsatz.

Der Themenschwerpunkt Defa konzentriert sich auf drei Einzelthemen: Neben Kinder- und Jugendfilmen wie der in Pößneck gedrehten Produktion „Moritz in der Litfaßsäule“ werden die Filmemacherin Iris Gusner und die sogenannte vierte Generation Defa-Regisseure gewürdigt. Dahinter verbergen sich laut Festivalleiter Falko Bögelein Filmemacher, die in den Wendejahren überaus progressive Filme drehten, denen aber – bis auf Andreas Dresen – im vereinten Deutschland keine Karriere in der Branche gelang und deren Werke bis heute kaum zur Kenntnis genommen werden. Jörg Foth beispielsweise schuf 1990 mit dem legendären Clowns-Duo Wenzel und Mensching den surrealen wie scharfzüngigen Film „Letztes aus der Da Da eR“ – „ein bittersüßer Abgesang auf das untergehende Land ‚Da Da eR“, heißt es im Programmheft.

In der Vielgestaltigkeit des Programms sehen Bögelein und sein Kollege Leonhard Elias Lemke gerade die Stärke des Jenaer Festivals. Ziel sei es, jenseits des Mainstreams Neuland zu betreten. Ob Iris Gusner, Jörg Foth, die Italiener Antonio Bido und Francesco Barilli: Eine Vielzahl der vorgestellten Filmemacher werde für Podiumsgespräche an die Saale reisen.

Auch Hauptdarsteller Jaeckie Schwarz nahm am Mittwochabend auf einem der Kinosessel auf der Bühne im Jenaer Trafo Platz, plauderte selbstironisch und gut aufgelegt über die Hintergründe seines Filmes.

„Ich war neunzehn“ erzählt die Geschichte des blutjungen Deutschen Gregor Hecker, der wie Konrad Wolf mit seinen Eltern als Kind in die Sowjetunion fliehen musste. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges kehrt er mit der Roten Armee nach Deutschland zurück. Wolf schildert die Erlebnisse des jungen Mannes in den letzten Kriegstagen: Gregor wird vorübergehend zum Kommandanten der Stadt Bernau ernannt. Im KZ Sachsenhausen wird ihm die Funktionsweise einer Genickschussanlage erklärt. Später versucht er, mit dem Mikrofon bewaffnet, Deutsche zur Aufgabe zu überreden.

Jaeckie Schwarz spielt den jungen Soldaten mit jugendlicher Naivität. Sein Gregor ist ein Antiheld; ihn überfordern Krieg und Gräuel, aber auch so manch zwischenmenschliche Begegnung. Genau diese realistische Rollen-Auffassung missfiel Botschafter Abrassimow wie auch jenem Oberst, der dazu abgestellt war, dem ausgemusterten und eher ungelenken Jaeckie Schwarz militärisches Verhalten beizubringen. Als der Trainer Konrad Wolf beschwor, die Rolle umzubesetzen, habe der Regisseur gewusst, er sei der Richtige, erzählte Jaeckie Schwarz.

Bei aller Eindringlichkeit und Authentizität muss der Film dennoch in seiner Zeit gesehen werden. Denn Themen wie die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch die Russen werden nur in einem Satz angedeutet. „Das war das Äußerste, und das konnte nur dieser Regisseur, Kraft seiner Wassersuppe“, sagte Schwarz.

Bis heute bedauert der Schauspieler, dass seinerzeit Scharen von Schülern und Soldaten in dem Film getrieben wurden. „Wenn man einen Film kaputt machen möchte, dann macht man eine Kampagne.“

Den Film „Ich war neunzehn“ gibt es auf DVD. Zudem sind auch alle Spielfilme von Konrad Wolf in einer großen DVD-Box erhältlich.