Morgenstern-Lyrikabend am Theater Rudolstadt: „Das große Lalula“ auf Sächsisch

Rudolstadt  Mit dem Lyrikabend „Ein Wiesel saß auf einem Kiesel“ erinnert das Theater Rudolstadt auf charmante Art an Christian Morgenstern

Marie Luise Stahl beweist komödiantisches Können als 1000-jährige Schildkröte. Auch Jochen Ganser und Hans Burkia (von links) begeistern im Rudolstädter Morgenstern-Abend.

Foto: Lisa Stern

Das Schicksal hat dem Dichter Christian Morgenstern (1871-1914) nicht immer gut mitgespielt. Als er neun Jahre alt ist, stirbt seine Mutter an Tuberkulose. Und auch er selbst erkrankt 22-jährig an der tödlichen Seuche. Zudem ist das Verhältnis zum Vater, einem traditionellen Landschaftsmaler, äußerst kompliziert. Bis zu seinem frühen Tod im Alter von 42 Jahren führt der Lyriker ein rastloses Wanderleben. Umso erstaunlicher ist es, welch humorvolle Dichtungen er der deutschen Sprache schenkte.

An Morgensterns brillanten Wortwitz, seine genialen Reimschöpfungen, erinnert das Theater Rudolstadt seit Samstag mit der Inszenierung „Ein Wiesel saß auf einem Kiesel“. Bereits zum dritten Mal widmen Regisseur Alexander Stillmark und Bühnenbildner Volker Pfüller deutschen Dichtern in Rudolstadt einen Lyrikabend. Nach Goethe und Schiller sowie Wilhelm Busch folgt nun Christian Morgenstern.

Stillmark setzt dabei auf die Kraft der Morgenstern‘schen Lyrik und die rezitatorischen Fertigkeiten seiner drei Schauspieler Marie Luise Stahl, Hans Burkia und Jochen Ganser. Keine Rahmenhandlung, kein Erzähler verbindet das Dargebotene, noch liefert der Regisseur erklärende Hintergründe zu Leben und Werk. Stattdessen entwickelt er jedes einzelne Gedicht, jede einzelne Geschichte für sich als kleine feine Szene. Dabei lässt er sich von Morgensterns leichtfüßigem Nonsens anstecken und versteht es, die Zeilen des Dichters neu zu entdecken.

Den Reimklassiker „Das Nasobem“ bietet er sogar in zwei Versionen auf. Erst erzählt Marie Luise Stahl voller Entzücken von dieser neuentdeckten Tierart, die sich auf der Nase fortbewege. Kurz darauf tragen die drei Schauspieler die Verse von Panik ergriffen gemeinsam vor, als sei ihnen ein Monster erschienen.

Auch „Das große Lalula“, eines der ersten Lautgedichte deutscher Sprache, spielt mit den verschiedenen Möglichkeiten, die Reime des Lyrikers zu deuten. Zunächst flirtet Jochen Ganser in Morgenstern‘schem Kauderwelsch mit dem Publikum. Dann präsentiert Hans Burkia seine Strophe mit italienischem Akzent, Ganser die seinige mit französischem Einschlag; und als irrwitzige Krönung liefert Kollegin Stahl eine sächsische Fassung.

Wirken die Texte beinah zufällig zusammengewürfelt, fungieren vor allem Bühnen- und Kostümbild als roter Faden. Das Darsteller-Trio agiert in einer Art altem Naturalienkabinett. Darin sind Tierpräparate und -modelle ausgestellt wie das titelgebende Wiesel oder der mehrfach zitierte Rabe. Auch die Kostüme sind aus vergangener Zeit. Burkia etwa erinnert an einen zerstreuten Professor, Stahl trägt Marinestil um 1900, wohl inspiriert von der längsten Geschichte des Abends.

Darin erregt sich eine Frau an der Kaimauer, dass sie ihr Schiff um eine Minute verpasst hat. Ein Mann reicht ihr daraufhin die Zeitung, mit dem Hinweis, dass sie der Inhalt bestimmt interessiere. In der Titelstory wird von einem Schiffsunglück berichtet, das sich ganz in der Nähe zugetragen haben soll. Erst der Blick aufs Erscheinungsdatum offenbart, dass die Frau das Blatt von morgen in den Händen hält und sie durch schicksalhafte Fügung dem Tod entging. Oder doch nicht? Der Schreck über diese unheimliche Begebenheit trifft sie ins Mark. Mit verzerrtem Gesicht sinkt sie nach hinten...

Regisseur Stillmark geht mit seiner „theatralischen Entdeckungsreise“ ein Wagnis ein. Gedichte und Kurzprosa wie an einer Kette aufgefädelt zu präsentieren, kann schnell langweilen. Doch durch seine verspielten Regieeinfälle schenkt er den gewitzt-geistreichen Vorlagen eine weitere Dimension. Er entwickelt einen charmant antiquierten Abend, nur ganz am Ende hätten es ein paar Gedichte weniger sein können.

Weitere Termine: 24. November, 20 Uhr, 1. Dezember, 20 Uhr, Schminkkasten, Rudolstadt

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