Thüringer Heiligtümer humorvoll zerpflückt

Jena  Das Theaterhaus Jena erkundet in der Eigenproduktion „Thüringen Megamix“ den Freistaat.

Als entzückender Kuschelkloß führt Jenny (Mona Vojacek Koper) durch die „Megamix“-Show.

Als entzückender Kuschelkloß führt Jenny (Mona Vojacek Koper) durch die „Megamix“-Show.

Foto: Joachim Dette/Theaterhaus Jena

Im „Thüringen Megamix“ will das neue Ensemble des Jenaer Theaterhauses den Freistaat erkunden. Wer, was und wo ist Thüringen? Das will man herausfinden und in Theater umwandeln, so steht es im Spielplan.

Das Premierenpublikum findet sich am Donnerstagabend im Off-Bereich einer Freizeitpark-Bühne wieder. Die gehört zum „Thüringen Megapark“, der wie „Disney World“ ein Best-of des Landes präsentiert, inklusive thematischer Führungen und historischer Nachstellungen.

Auf der Hinterbühne treffen sich in den Pausen die Goethe- und Schiller-Darsteller Freddy (Henrike Commichau) und Frank O. (Leon Pfannenmüller), der niederländische Herminafried-Mime Remco (Walter Bart), die Kuschelkloß-Akteurin Jenny (Mona Vojacek Koper), Faust-Schauspieler Frank T. (André Hinderlich) und die schwäbische Führerin Elke (Pina Bergemann). Die Süddeutsche erinnert mit ihrer Stonewash-Hose und der türkisen Jogginganzug-Jacke entfernt an Zonengabi, allerdings hier ohne „erste Banane“.

Sie alle wirken ziemlich gefrustet. Thüringen zu verkörpern, scheint kein Traumjob zu sein. Kuschelkloß Jenny glaubt sogar eine Thüringen-Allergie zu haben. Unter ihrem runden Schweißfänger-Kostüm wächst ein übles Ekzem heran. Und Faust-Darsteller Frank T. ist kurz vor dem Explodieren. Er hat bei der regelmäßigen Publikumsevaluation wieder nur einen Punkt erhalten, während sich Frank O. als Schiller breitgrinsend über volle zehn Punkte freut.

Finale Revue findet in nächtlicher Kälte statt

Mit einer Feedback-Runde will die Gruppe Frank T. helfen, seine Publikumswirkung zu verbessern. Doch er möchte die Gründe eigentlich gar nicht hören. Er findet sowieso, dass alle irgendwie komische Assoziationen zu ihm hätten. Er habe sogar mal eine Umfrage gemacht, was alle möglichen Leute über ihn dächten.

Während der glatzköpfige Bartträger die gesammelten Kommentare vorträgt, ertappt man sich, wie man Frank taxiert und letztlich fasst allen Äußerungen zustimmen möchte: Pfleger, Hipster, Friseur, Lichttechniker, Stripper, Mentalist, Bio-Bauer, Seefahrer, Friseur, bisexuell... – all das könnte auf ihn zutreffen, obwohl die Vorschläge nicht unterschiedlicher sein könnten. Welch feine Lehrstunde in Sachen erster Eindruck und gern gepflegter Vorurteile.

Auch Goethe-Darstellerin Freddy hadert mit ihrem Dasein im Megapark. Nicht, weil sie als Frau den berühmten Dichter spielt, sondern weil ihr die ewige Frage auf die Nerven geht: Warum sie als Frau? Und noch schlimmer findet sie es, wie gering der Anteil weiblicher Protagonisten in der thüringischen Geschichtsschreibung ist. Würde man berühmte Thüringer googeln, erscheine lediglich eine Frau unter lauter Männern: Elisabeth von Thüringen – eine Heilige aus dem 12. Jahrhundert. Drum zählt Freddy sogleich ihre eigene Liste bedeutender Landsfrauen auf, die jedoch nur wenigen etwas sagen dürfte: Wer außer ein paar Kulturfans kennt schon Bauhaus-Designerin Gunta Stölzl, Dada-Künstlerin Hannah Höch oder die stilprägende Schriftstellerin und Schauspielerin Inge von Wangenheim?

Nach der Tristesse der Hinterbühne (Bühne: Maarten van Otterdijk) darf das Publikum zu guter Letzt die „Megamix“-Show erleben, das Highlight eines jeden Megapark-Besuchs. Dazu wechselt das Publikum auf den nächtlich-kalten Theaterplatz, wo eine schrille Revue Thüringens Stars ironisch überhöht. Da vollführen Schiller und Goethe einen homoerotischen Paartanz.

Ungezwungene Leichtigkeit gepaart mit schrillem Humor

Und Frank T. rezitiert Faust auf Französisch, Spanisch und Dänisch. Vor allem der lautmalerische Klang des Dänischen ist angesichts des bedeutungsschweren Inhalts für deutsche Ohren hochkomisch.

Im „Megamix“-Abend zerpflückt die neue Truppe des Theaterhauses humorvoll so manch hiesiges Heiligtum, so auch Bratwurst und Thüringer Wald. Eine Thüringer darf nur dann original geschimpft werden, wenn sie hier hergestellt wurde, erklärt Remco und wundert sich: Woher das Fleisch stamme, sei einerlei. Und dass man aus einem simplen Fichtenforst wie dem Thüringer Wald touristischen Profit schlagen könne, kann Schwäbin Elke nicht verstehen. Ein Highlight sind zudem die Bühnendurchsagen wie „Herr Ramelow bitte in die Hall of Fame“. Nur beim NSU hört der Spaß auf. Die Jenaer Terrorgruppe habe 1997 auf dem Theatervorplatz eine Kofferbomben-Attrappe platziert, die Kinder entdeckten, berichtet Elke.

Am Ende war‘s ein vergnüglicher Theaterabend. Die neue Crew verströmt eine ungezwungene Leichtigkeit, die man des Längeren in Jena vermisst hat. Einstand gelungen!

Vorstellungen: 15., 28., 29. und 30. Dezember sowie 10., 11. und 12. Januar, 20 Uhr, Theaterhaus Jena