Viel Beifall für "Faust"-Premiere in Altenburg

Wunderliche Leute sind die Deutschen, beklagt sich Goethe bei Eckermann. Da kommen sie und fragen: welche Idee ich in meinem Faust zu verkörpern gesucht? Als ob ich das selber wüßte und aussprechen könnte;?

Faust (Heiko Senst) vor dem Sturz aus dem Bücherhimmel ins irdische Jammertal. Foto: Martin Gerlach

Faust (Heiko Senst) vor dem Sturz aus dem Bücherhimmel ins irdische Jammertal. Foto: Martin Gerlach

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Amina Gusner wagt den Versuch, holt den Faust ein Stück weit vom Sockel – was eingefleischten Goethe-Verehrern vermutlich die Schweißperlen auf die Stirn treiben wird – und erntet für ihre intelligente, mutige und verknappte zwei Stunden-Inszenierung zur Premiere am Sonntag im Landestheater Altenburg viel Beifall.

Er hat nicht nur Philosophie studiert, Informatik, BWL, Amerikawissenschaften und Theologie, sinniert Faust (Heiko Senst), bevor er vom Bühnen-Bücherregal-Himmel kopfüber auf die Matratze stürzt. Er reißt sich ein Kleidungsstück nach dem anderen vom Leib, hadert mit dem Universum und weiß nicht wohin mit seiner Gier nach Leben.

Gusners Faust purzelt nicht ohne Gegenwehr in Mephistos (Frank Voigtmann) Arme. Der sitzt abwartend am Bühnenrand und spinnt mit seinem Geister-Orchester (großartig: Eva Verena Müller, Gesang; Stefan Berger, Kontrabass; Olav Kröger, Klavier) ein engmaschiges Netz. Störrisch befragt ihn Faust nach dem Kleingedruckten im Pakt, was urkomisch ist und dennoch nicht zur Klamotte verkommt. Erst dann steigt er in Mephistos Outfit und reist im grauen Anzug und gelbem Shirt mit ihm durch die Welt.

Amina Gusner verpasst dem klassischen Faust verbal und optisch (Kostüme: Inken Gusner) eine Umgangssprache, die an manchen Stellen zwar grenzwertig ist, aber kraftvoll wie lebendig wirkt: Beim Osterspaziergang treffen sich Nachbarn und plaudern ungeniert, Mephisto schickt den Pudel "husch, husch" ins Körbchen, in Auerbachs Keller kreisen die Bierkrüge der sonnenbebrillten Zecher, und die Hexenküche wird zum Flughafen, auf dem jeder sein eigenes Süppchen kocht. Das alles geht so temporeich über die klug gebaute Bühne (Johannes Zacher), dass manchmal kaum Zeit zum Nachdenken bleibt.

Und Faust? "Ich versteh kein Wort, aber es ist toll". Wie sich Heiko Senst aus dem philosophischen Kokon schält, neugierig unters Volk mischt, verzweifelt dem gleich dreifach agierenden Famulus Wagner das Maul verbietet und immer weiter, immer höher steigen will, ist eindrucksvoll gespielt und nimmt gefangen.

In Frank Voigtmann findet er seinen Widerpart, der mal als teuflischer Motivationstrainer auftritt, mal als umtriebiger Geist die Karten mischt und ab und zu an faustischer Sturheit zu verzweifeln droht.

Vor allem mit den Weibern hat es dieser Mephisto nicht leicht. Die wilden drei Lieschen (Helen Schröder, Judith Mauthe, Eva Verena Müller) und Frau Marthe (Anne Keßler) sehen aus, als ob sie einem Dix-Gemälde entstiegen wären, qualmen um die Wette und geben sich weltgewandt. Diesem lustvollen Damenquartett ist selbst der Teufel nicht gewachsen. Bevor die Qietschvergnügten das irdische Jammertal gänzlich aufmischen – das Kichern im Zuschauersaal nimmt bedrohliche Formen an – kriegt Gusner die Kurve – Auftritt Gretchen.

Kann gut sein, dass diese Margarete (Vanessa Rose) die größte Überraschung der Inszenierung ist. Bei ihrem Anblick beginnt Faust zu sabbern und Mephisto kennt die Welt nicht mehr. Vanessa Rose ist ernst- und mädchenhaft zugleich, sie ist die Wildeste beim Tanz à la Bollywood, die naiv Trällernde, die für Faust alle guten Vorsätze über Bord wirft. Sie ist hungrig nach Leben und wird zur Furie, als Bruder Valentin (David Lukowczyk) Ehre und Anstand einfordert. Sie ist Mörderin – und noch als Opfer unbesiegt.

Vanessa Rose gelingt die wohl emotionalste Szene des Abends, wenn sie mit zitterndem Kinn und riesengroßer Angst in den Augen am Bühnenrand hockt. Und während Faust Mephisto anjammert, das Leben seiner Liebsten zu retten, nimmt sie im Kerker ihr Schicksal an: "Der Mutter den besten Platz geben,/Meinen Bruder sogleich darneben,/Mich ein wenig zur Seit,/Nur nicht gar zu weit!/Und das Kleine mir an die rechte Brust." Da ist sie ganz nah am Gefühl, ganz nah bei sich selbst. Und Faust steht am Schluss mit dem Rücken zum Publikum und dirigiert sein Weltenorchester.

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