Langer Beifall vor Corona-Pause: Zweisam einsam in der Geraer Opernpremiere

| Lesedauer: 4 Minuten
Ben (Alejandro Lárraga Schleske) umgarnt Lucy (Miriam Zubieta) nach allen Regeln der Kunst, kommt aber nicht zum Zuge. Denn sie telefoniert.

Ben (Alejandro Lárraga Schleske) umgarnt Lucy (Miriam Zubieta) nach allen Regeln der Kunst, kommt aber nicht zum Zuge. Denn sie telefoniert.

Foto: Ronny Ristok

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Gera.  Mit zwei Opern Einaktern verabschiedet das Theater Altenburg-Gera sich ins Novembergrau.

Lang und empathisch brandet der Beifall für die letzte Opernpremiere vorm Lockdown den Geraer Künstlern entgegen. Das notgedrungen spärliche Publikum im ausverkauften Großen Haus dankt für die vorzügliche Umsetzung zweier Einakter von Gian Carlo Menotti und Francis Poulenc und leistet zugleich ein politisches Statement: „Kommt wieder! Wir brauchen euch!“ lautet diese wortlose Botschaft aus dem Halbdunkel des Saals. Denn Kunst ist als Kommunikationsakt zu verstehen: Ohne Publikum – ohne Empfänger – funktioniert, ja entsteht sie erst gar nicht.

Davon – von zwischenmenschlicher Verständigung und wie technische Hilfsmittel sie stören – handelt der gut einstündige Abend. Hausherr Kay Kuntze hat „Das Telefon“ (1947) entgegen antiker Tradition als Farce vorangestellt. Eigentlich sollte dieses von Menottis enormem Bühnensinn zeugende Mini-Drama nur der Unterhaltung dienen. Doch Kuntze, der mit Lust und Raffinement den Komödianten auslebt, macht am Ende doch mehr daraus.

Simpel ist der Plot: Lucy (Miriam Zubieta), eine extrovertierte Rothaarige, frönt in ihrem mondänen Apartment der Fernsprech-Orgiastik. Unentwegt quasselt sie in den Apparat, steigert sich darüber in arabeske Koloraturen, doch hat sie kaum Zeit für Ben (Alejandro Lárraga Schleske), den Mann ihres Lebens. Der leidet die ärgste Not: Just vorm Aufbruch zu einer Reise will er ihr einen Heiratsantrag machen, doch immer, wenn er den Mut dazu fasst, unterbricht ihn das Gebimmel des vermaledeiten Geräts. Unverrichteter Tat bricht er auf – und hat den gloriosen Gedanken, Lucy vom Bahnhof aus anzurufen: In maliziösem Fern-Duett gewinnt er ihr Ohr und ihr Herz.

Diese beiden, die auf der Bühne so nah wie im richtigen Leben miteinander umgehen, zu erleben, ist reine Freude. Ihr präziser, pointiert geführter Sopran und sein warmherziger, sonorer Tenor charakterisieren die Figuren so vorzüglich, wie Regisseur Kuntze sie in Bewegung hält und aus jedem Detail der Groteske Funken schlägt. Die Unbeschwertheit des Stücks mag zugleich die gesellschaftliche Lage in vorpandemischen Zeiten beschreiben; doch dann folgt Poulencs „Die menschliche Stimme“ (1959) – nahtlos.

Kuntze lässt in denselben Kulissen (Bühne, Kostüme: Elena Köhler) spielen, nur sind jetzt die große Standuhr, die Ottomane und der Papageienkäfig nebst dem übrigen Mobiliar mit weißen Tüchern verhängt. Als sei die Wohnung schon aufgegeben, holen zwei obskure Möbelpacker – wie Bestatter in Frack und Zylinder – Stück um Stück ab. Eine einsame Frau (Anne Preuß) bewohnt das morbide Ambiente; ihr Telefon bildet den einzigen Draht zur Außenwelt.

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Poulencs letztes Bühnenwerk, nach einer Vorlage Cocteaus, trägt schweres, existenzialistisches Kaliber. Wir werden Zeugen, wie diese Einsame sich in Extremlagen steigert, wie sie giert, zumindest aus dem Äther eine menschliche Stimme zu hören, und wie sich die Aussichtslosigkeit dieses Lebens in manisch-depressiven Schüben artikuliert. Wie sensibel und nuanciert Anne Preuß, deren Stimme noch vor Jahren unter einer früheren Intendanz überstrapaziert, ja verschlissen erschien, nun diese anspruchsvolle Partie singt, ist einfach grandios. Sie ist wieder da, und besser denn je: Enorm konzentriert und variabel zwischen sehrender Klage und expressiver Schicksalsauflehnung dominiert sie, bei kluger Einteilung der Kräfte, als Sängerdarstellerin das enge Bühnenterrain – ohne aufzutrumpfen, in berückender Demut.

Das Philharmonische Orchester unter Kapellmeister Yury Ilinov steuert in kammermusikalischer Stärke impressionistisch durchwehten Klangreichtum bei und ist wie in der Menotti-Oper zuvor, die vielleicht eine Spur mehr musikantischen Schmiss vertragen hätte, ein einfühlsamer, verlässlicher Partner. Minutiös zelebriert die Regie das allmähliche Absterben einer vereinzelten Seele. Der unausweichliche Suizid bleibt uns erspart, die Protagonistin transzendiert in gnädigem Lichtschein – und das Publikum wird in nachdenkliche Novembergräue entlassen.

Wie vielschichtig, parabelhaft und mit aktuellem Bezug Theater zu wirken vermag: Dafür bot dieser einzigartige Abend ein nachhaltiges Beispiel. Chapeau! Auf Wiedersehen und -hören in Bälde!

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