Kommentiert: Oettinger, ein Komiker

Knut Pries: Die Frage ist nicht leicht zu klären, ob es sich bei Günther Oettinger um einen Politiker mit kabarettistischen Neigungen handelt, oder um einen Komiker mit Ersatz-Karriere in der Politik.

In der Karnevalssaison 2014 hat er dem zwangslustigen Publikum der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst ein furchtloses „Aachen, ahoi!“ entgegen geschleudert. Als Schwabe. Das zeugt von Spottlust und fortgeschrittenem Pointen-Verstand. Zur Heiterkeit im humorlosen Brüsseler EU-Kiez hat der deutsche Kommissar mehr beigesteuert als Martin Sonneborn, der Berufssatiriker mit Sitz im Europa-Parlament.

Viele, Sonneborn eingeschlossen, haben sich über Oettingers vermeintlich schlechtes Englisch lustig gemacht. Auch das ist eine Verkennung, nicht nur weil sein Englisch besser zu verstehen ist als sein Deutsch. Oettinger selbst macht sich lustig, über Gott und die Welt, Anwesende und Nicht-Anwesende, über sich selbst. Und jetzt also über Chinesen, Schwule, Frauen, Seehofer, Wallonen, Sozialisten und seinen eigenen Sohn. Aus Peking und vom Sohn hat man noch nichts gehört. Von den anderen umso mehr. Sie sind nicht amüsiert: „rassistisch“, frauenverachtend“, „schwulenfeindlich“. Der Mann steht im Zentrum eines Empörungsgewitters.

Gianni Pitella, Chef der sozialdemokratischen S+D-Fraktion, verlangt eine Entschuldigung. Die Grünen und die Linke wollen Oettinger das Einverständnis zum Ressortwechsel versagen. Der Linken-Abgeordnete Fabio di Masi forderte Juncker auf, Oettinger zu entlassen. Syed Kamall, Vormann der Konservativen, sagt: „Man muss sich schon fragen, wie oft Oettinger mit solchem Verhalten davon kommt!“

Oettingers Hamburger Büttenrede zeigt aber keinen Rassisten, Fremdenhasser und Großreaktionär. Sondern einen Komiker. Der hat freilich seine Gags als gezielte Rempeleien gegen politische Korrektheit angelegt und damit jene beleidigt, die ihn nicht komisch finden.

Will er Politiker bleiben, muss er sich dafür entschuldigen.