Leitartikel: Gekrümmte Gerade schadet dem Osten

Jörg Riebartsch über die gekrümmte Gerade

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Die kürzeste Verbindung zweier Punkte nennt man Gerade. Bei der ICE-Strecke von München nach Berlin, mit lautem Getöse eingeweiht, hat die Politik diese geometrische Gesetzmäßigkeit missachtet. So mäandert der Zug nun von Nürnberg über Bamberg, Coburg und Erfurt, bevor dann wieder Richtung Berlin geschwenkt wird. Die direkte und damit schnellste Verbindung von München nach Berlin hingegen führt von Nürnberg über Gera nach Leipzig.

Der gerade Weg hätte die Fahrtzeit noch einmal auf dreieinhalb Stunden verkürzt. Er wäre überdies um Milliarden Euro preiswerter, schneller zu verwirklichen und überdies ökologisch vernünftiger gewesen. Außerdem hätte er die Wirtschaftszentren von Westsachsen und Ostthüringen mit Jena in die schnelle Verbindung einbezogen. So ist diese Region abgehängt. Insbesondere für Jena ist das eine Katastrophe. Aber auch für Gera.

Der zu Unrecht von der Politik gepriesene Verlauf der jetzt eröffneten ICE-Strecke ist ein Beispiel dafür, wie Infrastrukturpolitik falsch laufen kann. Zunächst war von der Bahn selbst die direkte Verbindung über Nürnberg, Gera und Leipzig nach Berlin geplant gewesen. Der Grund dafür verständlich. Die Hochgeschwindigkeitsstrecken der Bahn sollten in Konkurrenz zu inländischen Flugverbindungen stehen. Nie war das so wünschenswert wie aktuell in einer Zeit, in der die Lufthansa weitgehend unbehelligt die Preise für innerdeutsche Flugverbindungen diktieren kann.

Dann kam aber die in Thüringen regierende CDU auf die Idee, Bahn und Verkehrspolitiker im Bund solange zu bequatschen, bis die Strecke aufwendig über Erfurt verlängert wurde. Das Ergebnis: Touristen können jetzt schnell zum sehenswerten Weihnachtsmarkt nach Erfurt brausen. Geschäftsreisende aus Jena oder dem Raum Chemnitz und Zwickau müssen sich damit abfinden, mit der Bimmelbahn in Richtung Leipzig zu zuckeln. In Gera gibt es noch nicht einmal Strom über dem Gleis.

Jena hat in Thüringen eine Stellung, die Erfurt nie erreichen wird: Es ist das wirtschaftliche und wissenschaftliche Herz des Bundeslandes. Dass ausgerechnet nun dieser wertvolle Magnet in Ostthüringen vom schnellen Fernverkehr abgeklemmt ist, kann man je nach eigenem Grad der Emotionen mit frustriertem Kopfschütteln oder dem Ausruf „Skandal“ kommentieren. Es bleibt eine fatal falsch gestellte Weiche, die auch in Jahrzehnten nicht korrigiert werden kann. Schade! Sehr schade!

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