Abwanderung gestoppt: Doch nur wenige ostdeutsche Leuchttürme legen bei Einwohnerzahl zu

Berlin  Eine neue Studie bescheinigt dem Osten insgesamt eine Trendumkehr bei der Abwanderung. Allerdings gilt das fast nur für die Großstädte und auch nicht für alle Altersgruppen: Jena zum Beispiel gewinnt viele Bildungswanderer, verliert aber am stärksten bei Berufsanfängern.

Blick auf die beleuchtete Innenstadt von Jena. Ostdeutschland erlebt einen Wandel im Zeitraffer: Seit dem Mauerfall zogen 1,8 Millionen Menschen weg. Jetzt gibt es Zuzug. Doch wer profitiert? Foto: Jan-Peter Kasper

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Die jahrzehntelange Abwanderung aus den neuen Bundesländern hat ein Ende gefunden – umso intensiver und für die jeweiligen Regionen folgenreicher werden die Bevölkerungsbewegungen innerhalb der Ostländer. Dabei ist der Trend eindeutig: Wirklich an Einwohnern gewinnen können lediglich neun Prozent der ostdeutschen Gemeinden, vor allem die neun Großstädte mit über 100 000 Einwohnern inklusive Jena und Erfurt. In ihnen lebt inzwischen jeder fünfte Ostdeutsche. Zu diesem Schluss kommt die vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung am Dienstag vorgestellte neue Studie „Im Osten auf Wanderschaft“.

Nur Minderheit profitiert von der Trendwende

Seit 2012 können die fünf Flächenländer im Osten mehr Menschen aus dem Westen oder dem Ausland anziehen, als sie umgekehrt verlieren.

Von dieser Trendwende profitiert allerdings nur eine Minderheit der Gemeinden – 85 Prozent erlebten weiterhin eine Nettoabwanderung. Das Gefälle zwischen den Wachstums- und Schrumpfregionen wird damit immer größer. Insbesondere die ostdeutschen „Leuchttürme“ wie Leipzig, Dresden, Jena, Erfurt und Potsdam sind zu neuen Magneten geworden – vor allem für junge Menschen, die einen Ausbildungs- oder Studienplatz suchen.

Weil sich in den Städten der Arbeitsmarkt verbessert hat, verbleiben viele von ihnen dort auch nach der Ausbildung.

Selbst eine Familiengründung treibt die jungen Menschen nicht mehr unbedingt in die Randgebiete der Ballungsräume. Damit verfügen die ostdeutschen Flächenländer endlich wieder über auch international wettbewerbsfähige Städte.

„Gerade die neuen Bundesländer brauchen diese Zentren, die sich wirtschaftlich wie demografisch dynamisch entwickeln“, so Institutsdirektor Reiner Klingholz. „Sie können als wichtige Wachstumsmotoren bei ansonsten rückläufigen Einwohnerzahlen wirken und sollten weiter gestärkt werden.“

Die Kehrseite dieser Entwicklung ist, dass die Großstädte vor allem die Jugend vom Land abziehen. Zwar können einige entlegene und kleine Gemeinden im Saldo Familien anlocken, das jedoch wiege die Verluste bei den übrigen Altersgruppen nicht auf. In der demografischen Gesamtbilanz bleiben diese ländlichen Gemeinden auf Schrumpfkurs. „Damit sie nicht weiter in die Abwärtsspirale aus Bevölkerungsrückgang und schwindender Infrastruktur geraten, sind neue, am Bedarf vor Ort orientierte Versorgungsformen notwendig“, betont Klingholz.

Einige mittelgroße Städte können sich jedoch in einem schrumpfenden Umfeld stabilisieren. „Dies birgt Vorteile“, erklärt Manuel Slupina, der Hauptautor der Studie: „Als lokale Versorgungszentren bieten sie kurze Wege zu Ärzten, Apotheken, Geschäften, Restaurants oder kulturellen Einrichtungen.“

Ihre Leistungsfähigkeit ist für die Lebensqualität der gesamten Region wichtig – auch für Ruheständler, die zunehmend dorthin streben. „Die Städte sollten sich dabei nicht scheuen, ihr altersfreundliches Umfeld nach außen zu vermarkten“, rät Slupina. „Die Befürchtung, dies könnte potenzielle jüngere Zuwanderer vergraulen, ist fehl am Platz.“ Auffällig werden die regionalen Unterschiede, wenn man die unterschiedlichen Altersgruppen näher betrachtet – etwa die der Bildungswanderer.

Bei steigenden Zahlen von Abiturienten mit Studienwunsch legt auch deren Mobilität immer mehr zu. Um ihre Gunst werben auch einige Universitätsstädte im Osten – und dies mit steigendem Erfolg, wie sich auch in Thüringen zeigt. Jena hat sich nach Einschätzung der Wissenschaftler zu einer der wenigen Wachstumsinseln des Landes entwickelt – wohl auch, weil hier zwischen 2008 und 2013 rund 8600 Bildungswanderer mehr zu- als wegzogen.

Nur Leipzig hat noch höhere Anziehungskraft

Eine noch höhere Anziehungskraft auf jüngere Menschen hat im Osten zurzeit nur Leipzig, das über die sechs Jahre rund 31 000 Bildungswanderer hinzugewonnen hat. Doch auch kleinere Städte können bei Bildungswanderern gewinnen, sofern sie mit Uni oder Hochschule locken. Ilmenau etwa weist den fünfthöchsten Saldo unter allen ostdeutschen Städten auf. Fast 1600 junge Erwachsene konnte die 26 000-Einwohner-Stadt mit ihrer Technischen Universität hinzugewinnen.

Die Kehrseite: Häufig können gerade die Universitätsstädte ihre neu hinzugewonnenen Einwohner nach dem Studium mangels Jobs nicht halten – bei den Berufswanderern, also den 25- bis 29-Jährigen, rutschen sie ins Minus. Verlierer beim Streben nach höherer Bildung sind die Kleinstädte. Im Jahr 2013 hatten 100 von 179 Gemeinden zwischen 5000 und 10 000 einen negativen Wanderungssaldo von mehr als 50 jungen Menschen je 1000 Einwohner der Altersgruppe. Nennenswerte Zuwanderung konnten nur 15 Gemeinden dieser Größenordnung verzeichnen.

Noch düsterer zeigt sich die Lage auf dem Land. Orte mit weniger als 1000 Einwohnern verloren im Jahr 2013 netto durchschnittlich 80 Bildungswanderer pro 1000 Einwohner der Altersgruppe 18 bis 24 Jahre.

In einigen sehr kleinen und peripheren Orten wie etwa Schmorda (Saale-Orla-Kreis) packte sogar fast jeder dritte junge Erwachsene seine Sachen und zog weg – weitere 25 Gemeinden verloren durch Abwanderung jeden vierten, 39 Gemeinden jeden fünften jungen Erwachsenen. Lediglich in drei Prozent der kleinen Dörfer ist der Anteil der 18- bis 24- Jährigen nicht gesunken.

Noch ein Signal, dass die Entwicklung im Osten zwar positiv, aber längst nicht gesichert verläuft, ist der Trend bei den Berufspendlern zwischen 25 und 29 Jahren. Sie sind die einzige Altersgruppe, bei der die neuen Länder im Jahr 2013 noch per Saldo Verluste auswiesen.

Zwar lässt die steigende Zahl an Zuzügen die jährlichen Wanderungsverluste deutlich abschmelzen, allerdings konzentriert sich das vor allem auf die Großstädte, allen voran Leipzig.

2013 erlebte die sächsische Metropole eine Nettozuwanderung von 2700 Personen – ein Zuwachs von 37 Prozent gegenüber 2008. Leipzig schlug mit einem Saldo von 54 Berufswanderern je 1000 Menschen dieser Altersgruppe nicht nur Berlin (48), sondern verhalf auch Sachsen als einzigem ostdeutschem Bundesland zu einem positiven Saldo. Die übrigen Großstädte konnten hingegen keine Zugewinne bei den Berufswanderern verbuchen.

Magdeburg, Rostock und Halle hatten 2013 immer noch deutlich negative Salden.

Viele Berufsanfänger aus Jena abgewandert

Jena, die bei den Bildungswanderern so beliebte Stadt, verzeichnete bei den Berufsanfängern sogar mit einem Saldo von minus 35 je 1000 Einwohner der Altersgruppe die stärkste Abwanderung unter allen ostdeutschen Großstädten.

Zwar verbesserte sich die Situation auch in den kleinen und entlegenen Gemeinden, trotzdem müssen diese weiterhin einen Wegzug von Berufswanderern verkraften.

Dies wiegt umso schwerer, da sie bereits bei Lehrlingen und Studenten verlieren. Die Mehrheit der jungen Landbewohner kehrt mithin nach ihrem Berufs- oder Studienabschluss nicht in die Heimatregion zurück.

Und die jungen Familien? 2008 hatten noch deutlich mehr Familienwanderer die Städte mit über 50 000 Einwohnern verlassen als zugezogen waren.

In den folgenden Jahren schwächte sich die Tendenz allerdings ab, und 2013 erreichten die größeren Städte einen knapp ausgeglichenen Saldo.

Dabei schaffen Potsdam und Stralsund sogar ein Plus unterm Strich, während Jena, Greifswald und Rostock bei den Familien mit Kindern am stärksten verlieren.

Wie aber am Beispiel Jena deutlich wird, können sich selbst Städte mit Abwanderung von Familien insgesamt positiv entwickeln: Dort gründen genügend junge Leute, die zum Teil als Bildungswanderer zugezogen sind, ihre Familie vor Ort.

Das Familien-Wachstum verläuft quasi aus sich heraus.

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