Angst vor Versorgungskatastrophe: Kritische Stimmen zu Pflegeuntergrenzen in Thüringer Krankenhäusern

Gera  Die vorgeschlagenen Pflegeuntergrenzen in Thüringer Krankenhäusern stoßen nicht überall auf Begeisterung.

Symbolbild.

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Foto: Jens Kalaene/dpa

Der Vorschlag von Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), thüringenweit einheitliche Untergrenzen für die Besetzung mit Pflegekräften in Kliniken festzulegen, stößt auf unterschiedliches Echo.

„Damit schaffen wir für alle Kliniken gleiche Bedingungen“, sagt der Medizinische Vorstand des Universitätsklinikums Jena, Jens Maschmann. Die Gewerkschaft Verdi will an der Landeseinrichtung einen Entlastungstarifvertrag durchsetzen. Wenn zu wenig Pflegekräfte im Dienst sind, soll sich die Bettenzahl zeitweise reduzieren.

Kritisch sieht Uwe Leder, Geschäftsführer des SRH Wald­klinikums Gera, den Vorstoß. Er fürchtet, dass Kliniken in jenen Zeiten Kapazitäten still­legen müssten, wenn sie dringend gebraucht werden. „Grippewellen im Frühjahr und Herbst treffen das Personal prozentual ebenso stark wie die Gesamtbevölkerung“, erläutert Leder. Wenn ein Viertel des Pflegepersonals ausfällt, müsste die Klinik ihre Kapazitäten reduzieren: „Eine Versorgungskatastrophe droht.“

Zu Lasten anderer Bereiche

In einigen Bereichen gelten schon Pflege-Mindeststandards. Das habe dazu geführt, dass Krankenhäuser Kräfte aus Altenpflege und Rehakliniken abwerben. „Krankenhäuser ziehen mehr am knappen Tischtuch, weil sich für sie die Pflegefinanzierung verbessert hat. Das geht aber letztlich zu Lasten der anderen Bereiche“, sagt Leder. Die SRH-Standorte Gera und Suhl wollen in diesem Jahr jeweils 100 neue Pflegestellen besetzen. In Gera sei das bereits bei 60 Stellen gelungen, wie Leder sagt.

„Einheitliche Qualitätsstandards sollten nicht nur für Thüringen gelten, sondern sie müssen für alle Kliniken bundesweit Gültigkeit besitzen“, sagt Pflegedirektorin Sylvia Aschenberner von den Thüringen-Kliniken „Georgius Agricola“ mit Standorten in Saalfeld, Rudolstadt und Pößneck. „Die aktuellen einheitlichen Vorgaben für Personaluntergrenzen müssen aus unserer Sicht dringend überarbeitet werden, um die Pflegebedürftigkeit sowie die unterschiedlichen Versorgungsstufen besser abbilden zu können.“ In die Diskussion seien auch kleine Standorte einzubeziehen, um die medizinische und pflegerische Versorgung in der Fläche zu sichern. Die ab 2020 geltende generalistische Ausbildung nennt sie einen wichtigen und richtigen Schritt. „Kliniken und Altenpflegeeinrichtungen dürfen keine Konkurrenten sein“, sagt Aschenberner.

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