Washington. Als Außenminister der USA hat Kissinger die Welt einst mitgeprägt – und nicht nur Lob kassiert. Ein Rückblick auf sein bewegtes Leben.

Lebende Legende. Der erste Popstar der Weltpolitik. Rätselhafte Sphinx. Brillanter Stratege. Schurke mit Hornbrille. Das Dumme an diesen Worthülsen ist, dass sie auf Henry Kissinger alle einigermaßen zutreffen. Der bekannteste, einflussreichste und meistgehasste US-Außenminister aller Zeiten ist seit über 45 Jahren außer Dienst – aber noch immer ein weltweit blendend vernetzter Gigant des geopolitischen Schachspiels.

Seinem siechen Körper – auf einem Auge blind, des aufrechten Gangs ohne Gehstock kaum mehr fähig – gibt ein präzise, scharfsinnige und druckreife Einschätzungen produzierender Geist täglich die Sporen. Am 27. Mai wird der Hundefreund, der Bewunderer wie Gegner immer noch auf Trab und viel auf sich hält, 100 Jahre alt. Ob Wladimir Putin oder Xi Jinping heute seinen Telefonanruf entgegennehmen würden, wurde er neulich gefragt. Kissinger entgegnete ungerührt: “Das ist sehr gut möglich.”

Heinz Alfred Kissinger kommt am 27. Mai 1923 im mittelfränkischen Fürth zur Welt, wo ihn die Fußball-Spielvereinigung Greuther bis heute bewegt. Vater Louis ist dort Lehrer am Lyzeum. 1938 flüchtet die jüdische Familie vor den Nazis in die USA. Genauer nach Washington Heights, ein damals deutsch-jüdischer Stadtteil von New York City. Elf andere Mitglieder der Familie werden in Konzentrationslagern getötet.

Henry Kissinger: Vom jüdischen Einwandererkind zum großen Lenker der US-Politik

Henry A., wie er sich bald nennt, geht zur High School, lernt Englisch, ohne bis heute seinen knarzigen deutschen Akzent loszuwerden und jobbt in einer Rasierpinsel-Fabrik. 1943 wird er amerikanischer Staatsbürger. Er kämpft mit der US-Armee in den Ardennen gegen Hitler-Deutschland. 1947 dann die Rückkehr in die USA. Kissinger wird an der Elite-Universität Harvard in den 1960er Jahren zum Fixpunkt und Professor.

Kissinger denkt viel und lang. Und er schreibt noch länger. „A World Restored”, seine Doktorarbeit über Gleichgewichtspolitik, den Wiener Kongress und dessen Leitfiguren, Österreichs Staatskanzler Fürst Metternich und den britischen Außenminister Castlereagh, hat an die 400 Seiten. Von Harvard aus startet er, der Parteiungebundene, eine beispiellose Karriere, die ihn zu einem der mächtigsten Mit-Entscheider der Vereinigten Staaten machen sollte. Typisches Bonmot: “Nächste Woche kann es keine Krise geben. Mein Termin-Kalender ist dicht.”

Als Sicherheitsberater und Außenminister der US-Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford gestaltet der Republikaner das Weltgeschehen mit. Realpolitik ist seine Maxime, Pendel-Diplomatie sein Instrument, Geheimniskrämerei sein Prinzip. Kissenger betrachtet die Welt durch das Prisma eines Machtmenschen, der über Leichen geht, wenn es Amerika frommt. Allein, die Öffentlichkeit und die Kontrolleure in den Parlamenten sollen sich doch bitteschön heraushalten aus dem diffizilen Geschäft um Macht und deren Austarierung.

Henry Kissinger (links) mit dem späteren US-Präsidenten Richard Nixon (Mitte).
Henry Kissinger (links) mit dem späteren US-Präsidenten Richard Nixon (Mitte). © UPI/dpa

Heikle Akten zur Amtszeit Kissingers bleiben bis nach seinem Tod unter Verschluss

Diplomatie ist was für Einzelkenner, findet Kissinger bis heute und erklärt seine schillernden Popularität so: „Ich habe immer allein gehandelt. Amerikaner lieben einen Cowboy, der einsam auf seinem Pferd reitet.” An die 20 Bücher hat Kissinger geschrieben. Trotzdem bleibt er ein Enigma.

Das meiste aus der heißen Phase seines Wirkens ist unter Verschluss. Kissinger hat die sensiblen Akten bis fünf Jahre nach seinem Tod sperren lassen. Für Nixon fädelt er die ersten Kontakte zwischen Washington und Pekings Mao ein. Das soll – mitten im Kalten Krieg – die Sowjets unter Druck setzen. Daran, dass er einmal öffentlich höchsten Respekt vor der 4000 Jahre alten chinesischen Kultur äußerte, erinnert man sich in China bis heute.

1973 handelt Kissinger, viel später als nötig und möglich, den Vietnam-Friedensvertrag aus. Kissinger bekommt dafür gegen lautstarke Proteste den Friedensnobelpreis. Kurz danach trägt sein rastloses Engagement im Nahen Osten zum Ende des Jom-Kippur-Kriegs bei. Später verhandelte er das erste Rüstungsbegrenzungsabkommen mit Moskau, den SALT-Vertrag. Auch die Fortführung der Entspannungspolitik und der Abrüstungsverhandlungen mit der Sowjetunion tragen Kissingers Handschrift. Soweit, wenn man das so sagen will, die Pluspunkte.

Vietnam kämpft bis heute gegen die Folgen des Krieges gegen die USA. Noch immer gibt es viele, nicht explodierte Geschosse im Boden.
Vietnam kämpft bis heute gegen die Folgen des Krieges gegen die USA. Noch immer gibt es viele, nicht explodierte Geschosse im Boden. © dpA | Chris Humphrey

Schriftsteller Christopher Hitchens: “Kissinger gehört vor Gericht”

Dagegen steht Kissingers Rolle als Konfliktverschärfer bei der geheimen Flächenbombardierung Kambodschas, die nach jüngsten Erkenntnissen 150.000 Menschenleben kostete. Auch für die Beteiligung der US-Geheimdienste am Putsch gegen den chilenischen Sozialisten Salvador Allende 1973 und bei der Unterstützung der Militär-Diktatur in Argentinien soll Kissinger Menschenrechte mit Füßen getreten haben.

Von seiner Rolle bei der Invasion Zyperns, der indonesische Invasion in Ost-Timor und dem Putsch in Pakistan soll hier nur kursorisch die Rede sein. Christopher Hitchens, der wortgewaltige britische Schriftsteller, forderte mehr als einmal: “Kissinger gehört vor Gericht.”

Dass Kissinger bis heute dünnhäutig und arrogant auf Zweifel und Kritik reagiert, bekam zuletzt die US-Reporter-Ikone Ted Koppel zu spüren, der ihn seit einem halben Jahrhundert beruflich betreut. Auf die Frage, welche Verantwortung er für massenhaftes Sterben in Kambodscha trägt, setzte Kissinger den kältesten seiner Blicke auf. Dann beschwerte er sich vor laufender Kamera darüber, dass in einem Interview, in dem es um ihn und seinen 100. Geburtstag gehen sollte, historisch nachgekartet wird. Lieber spricht Kissinger über das Hier und Jetzt. Sein jüngster Satz, dass Wladimir Putin nicht allein am Krieg in der Ukraine schuld sei, wird noch lange nachwirken. Aber stimmt er auch?

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels war der Eindruck vermittelt worden, Griechenland habe eine Invasion in Zypern vollzogen. Das ist nicht richtig. Wir haben die Stelle korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.