Kiew/Berlin. In der Donbass-Region starten die Ukrainer Testangriffe, um die Stärke der Russen zu ermessen. Moskau spricht von einem Fehlschlag.

Hat die angekündigte Gegenoffensive der Ukrainer bereits begonnen? Steht sie unmittelbar bevor? Die Regierung in Kiew spielt mit der Ungewissheit, was auch ein Signal an Moskau ist. Am Sonntag veröffentlichte das ukrainische Verteidigungsministerium ein Video, auf dem Soldaten einen Finger vor das Gesicht halten. Eine Geste, die zum Schweigen auffordert. Und ein Zeichen, dass es keine formelle Ankündigung einer Gegenoffensive gegen Russland geben werde. Das Video wird mit dem Satz „Pläne lieben die Stille. Der Beginn wird nicht angekündigt“ unterlegt.

Fast zeitgleich verstärkten die Ukrainer ihre Angriffe an der Front. Russland will sogar einen ukrainischen Großangriff in der Donbass-Region Donezk ausgemacht haben, der gescheitert sei. „Ziel des Gegners war, unsere Verteidigung an dem Teil der Front zu durchbrechen, der seiner Ansicht nach am verletzlichsten war“, teilte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Montag mit.

Moskau: Die Ukraine hat 900 Soldaten verloren

Der Feind sei mit seiner Mission gescheitert. Die mutmaßliche Offensive habe am Sonntagmorgen an fünf Frontabschnitten begonnen, hieß es weiter. Die ukrainischen Streitkräfte hätten 900 Soldaten verloren. Die Drohnenaufnahmen der Kämpfe, die das russische Ministerium selbst veröffentlichte, geben diese Dimension aber nicht her. Sie zeigen ukrainische Kräfte, die kaum über die Größe einer Kompanie (rund 100 Soldaten) hinausgehen.

Ukrainische Streitkräfte feuern auf russische Positionen in der Nähe von Bachmut. Dort haben sich die Kämpfe wieder intensiviert.
Ukrainische Streitkräfte feuern auf russische Positionen in der Nähe von Bachmut. Dort haben sich die Kämpfe wieder intensiviert. © VIA REUTERS | 3RD ASSAULT BRIGADE / UKRAINIAN ARMED FORCES PRESS SERVICE

Das Verwirrspiel um den Beginn der großen Befreiungsoffensive ist von ukrainischer Seite gewollt. Die Militäraktion wird sehr wahrscheinlich nicht an einem festen Datum mit einem Angriff auf breiter Front beginnen. Es dürfte sich vielmehr um einen dynamischen Krieg mit wechselnden Schlachtfeldern handeln.

Testangriffe lernten die Ukrainer bei Trainings in den USA

Auf die Frage, wann die Offensive starten werde, antwortete der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow kürzlich im Interview mit unserer Redaktion. „Wir befinden uns in einem Prozess. Die Details werden Sie auf dem Schlachtfeld sehen.“ Fakt ist aber, dass die Ukrainer sowohl am Sonntag als auch am Montag in der Gegend der Stadt Wuhledar im Bezirk Donezk zumindest zu Testangriffen übergegangen sind. Nach Einschätzung von US-Militärexperten handelt es sich dabei um kontrollierte Vorstöße, um die Position und Stärke der russischen Verbände auszumachen. Diese Art der Militärmanöver lernen ukrainische Soldaten bei Trainings in den USA.

Offenbar waren die Attacken nicht erfolglos. Laut Alexander Chodakowski, Vize-Chef der russischen Nationalgarde in der teils besetzten Region Donezk, rückten die Ukrainer in der Gegend zwischen Wuhledar und dem westlicher gelegenen Dorf Welika Nowosilka voran. „Die Lage ist schwierig. Der Feind verstärkt seine Anstrengungen, nachdem er unsere Schwachstellen entdeckte“, schrieb Chodakowski im Messenger-Service Telegram.

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Chodakowski will auf ukrainischer Seite die ersten Kampfpanzer Leopard im Einsatz entdeckt haben. Auf bisher veröffentlichen Videos ist aber nur westliche Technik zu sehen, die auch bislang schon von den Ukrainern benutzt wurde. Es gab keine Anzeichen dafür, dass an den Offensivaktionen neu formierte Brigaden teilnehmen, die extra für die Gegenoffensive auf Leoparden oder etwa auf den US-Schützenpanzern Bradley ausgebildet wurden.

Machen es die Ukrainer nach dem Modell vom Sommer 2022?

Das Ausmaß des ukrainischen Vormarsches lässt sich aber schwer einschätzen. Die Videos deuten aber an einigen Stellen die Frontverschiebung von rund 1,5 Kilometern an. Die Aktivitäten um Welika Nowosilka könnten auf die Möglichkeit einer Offensive über die Stadt Wolnowacha bis tief ins südliche Mariupol am Asowschen Meer hinweisen, was für Kiew vom großen strategischen Interesse wäre. Die Zerstörung der sogenannten Landbrücke zur Krim ist für die Ukraine eine absolute Priorität, weil sie ein logistisches Desaster für die Russen verursachen würde.

Präsident Wolodymyr Selenskyj könnte seine Armee ähnlich vorgehen lassen wie schon im vergangenen Sommer.
Präsident Wolodymyr Selenskyj könnte seine Armee ähnlich vorgehen lassen wie schon im vergangenen Sommer. © picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Es bedeutet jedoch nicht, dass der Hauptschlag tatsächlich genau dort erfolgt. Denn die Aktionen der Ukrainer erinnern stark an die Strategie aus dem Sommer 2022. Damals erfolgten die ersten Testangriffe im Bezirk Cherson. Russland verlegte daraufhin viele Kräfte nach Cherson. Dadurch entstand eine Lücke in der Region Charkiw, die die ukrainische Armee nutzte. Auch dieses Mal wird die Kiewer Militärführung vermutlich eher spontane, von den Reaktionen Russlands getriebene Entscheidungen treffen.

Eine wichtige Rolle beim Versuch, die russischen Streitkräfte auseinanderzuziehen, spielen weiterhin auch die Kämpfe in der westrussischen Region Belgorod. Am Sonntag kursierten mehrere Videos im Netz, die das Eindringen der Kiew nahestehenden Milizen „Russisches Freiwilligenkorps“ und „Legion Freiheit Russlands“ in das Dorf Nowaja Tawolschanka an der Grenze zur Ukraine zeigte. Am Montag dürften die Einheiten Nowaja Tawolschanka wieder verlassen haben.

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Kämpfe in Belgorod – gezielte, psychologische Kriegsführung?

Die Grenzüberquerung geht es wohl nicht nur darum, dass Russland mehr Kräfte an der eigenen Grenze statt an der Front sammeln muss. Es könnte sich auch um psychologische Kriegsführung handeln: Die instabile Lage in Belgorod sorgt in Russland für mehr Aufmerksamkeit als kleinere ukrainische Vorstöße an der Front. Daher wird die Region Belgorod vermutlich ein Unruhefaktor bleiben.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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In Städten wie Berdjansk, Mariupol und Melitopol am Asowschen Meer intensivierten die Ukrainer ihre Luftangriffe - unter anderem mit britischen Marschflugkörpern vom Typ Storm Shadow. Auch das ist ein Anzeichen, dass der Countdown für die Gegenoffensive läuft.

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