Jerusalem. Der Krieg gegen Hamas stellt Israel vor zunehmende wirtschaftliche Probleme. Die Baubranche etwa liegt brach – aus einem simplen Grund.

Die Terror-Attacken der Hamas am 7. Oktober und der Gaza-Krieg machen auch Israels Wirtschaft schwer zu schaffen. Vor allem der Hightech-Sektor, das wirtschaftliche Rückgrat der Start-Up-Nation, leidet. Zwar hat sich das konflikterprobte Land nach jeder militärischen Operation in der Vergangenheit rasch wieder erholt, wie Statistiken der Bank of Israel zeigen. Der aktuelle Krieg sei aber mit keinem der früheren Kriege zu vergleichen: Das sagen nicht nur Militärexperten, sondern auch Ökonomen.

„Die meisten früheren Militäreskalationen waren zeitlich sehr begrenzt“, sagt Jonathan Katz, langjähriger Chefökonom in der Budgetabteilung des israelischen Finanzministeriums. „Dieses Mal bin ich skeptisch, ob wir rasch wieder zur Normalität kommen.“ Deshalb könnte es diesmal anders als bisher keinen rasanten Aufschwung geben, sondern nur „eine sehr graduelle Erholung“, sagt Katz. Der Motor einer solchen Erholung ist die Hightech-Branche. Sie ist Israels Exportlokomotive: Mehr als 50 Prozent der israelischen Ausfuhren kommen aus dem Hightech-Sektor.

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Die Branche hat durch den Krieg aber einen dreifachen Schlag erlitten. Erstens fehlt es an Personal: Insgesamt wurden 360.000 Soldaten für den Krieg mobilisiert, das sind acht Prozent der Beschäftigten in der Privatwirtschaft. Die Hightech-Branche leidet unter der Mobilisierung mehr als alle anderen Sektoren: Hier sind es laut Angaben des statistischen Zentralamts bis zu 20 Prozent der Beschäftigten, die an der Front sind. Das liegt einerseits daran, dass Angestellte in der Hightech-Branche jünger sind und das Höchstalter für die Mobilisierung noch nicht überschritten haben.

Israel: Hightech-Sektor erlebt einen Knick

IT-Mitarbeiter und Startup-Manager sind aber auch häufig Abgänger von Eliteeinheiten und der Militärgeheimdienste und daher für den Einsatz im Krieg besonders gefragt. Da viele dieser Fachkräfte nun fehlen, geraten Projekte ins Stocken, neue Aufträge können nicht akquiriert werden. Das könnte der Branche auch längerfristig schaden. Einen Knick erleben auch die Investitionen in Israels Hightech-Sektor. Mehr als 80 Prozent der Hightech-Investitionen kommen aus dem Ausland, größtenteils aus den USA. Die Investoren wurden durch den 7. Oktober daran erinnert, in welcher Nachbarschaft Israel liege und wie groß die Bedrohung sei, sagt Katz.

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Der Eindruck, dass ihr Kapital anderswo besser aufgehoben ist, könnte Fonds davon abhalten, in Israel zu investieren. Das spiegelt sich auch in den Prognosen der Ratingunternehmen wider: Standard & Poor hat seinen Ausblick für Israel von „Stabil“ auf „Negativ“ abgestuft. Negativ könnte sich das auch auf die Handelsbeziehungen mit jenen Ländern auswirken, die Israels Wirtschaft in den vergangenen beiden Jahren zusätzlichen Schwung verliehen hatten – allen voran die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Bilder der Luftangriffe auf Gaza, die das Image Israels in der arabischen Welt stark beeinträchtigen, könnten diese Beziehungen belasten.

Dazu kommt, dass sich wichtige Hightech-Cluster Israels im Süden befinden, der von dem Überfall der Hamas am stärksten betroffen ist. Teile des Südens sind evakuiert, die Bewohner wurden in Hotels in Zentralisrael untergebracht. Diese Beschäftigten fehlen nun im Gav-Yam-Negev-Technologiepark, der mehr als 35 Hightech-Firmen beherbergt, und in Beerscheba, wo das FinSec Innovation Lab Heimat zahlreicher Start-ups ist.

Wachstumsaussicht für 2024 nach unten korrigiert

Wie lange wird es dauern, bis sich die Wirtschaft erholt hat? „Alles hängt davon ab, wie lange der Krieg dauert“, betont Katz, der die Prognosen der Bank of Israel für überzogen optimistisch hält. Israels Zentralbank hat ihre Wachstumsaussicht für 2024 von drei Prozent auf 2,8 Prozent herabgestuft. Diese Prognose beruht aber auf der Annahme, dass der Krieg nach zwei bis drei Monaten vorbei ist und das Land danach wieder zum Normalmodus zurückkehren kann.

„Wunschdenken“ sei das, glaubt Katz. Selbst, wenn der Krieg Anfang 2024 beendet sei, würden nicht alle Reservisten wieder in ihre Jobs zurückkehren können, sagt der Ökonom – und seine Einschätzung deckt sich mit Angaben von Militärexperten. „Ich würde schätzen, dass wir in der Jahresmitte 2024 immer noch rund 100.000 Reservisten im Einsatz haben“, erklärt Katz. Zum einen, um die von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu angekündigte, länger andauernde „Sicherheitsverantwortung“ Israels im Gazastreifen wahrzunehmen. Zum anderen, um den Norden abzusichern, der unter ständigem, niederschwelligem Beschuss der Hisbollah-Milizen stehe.

Baubranche leidet unter Mangel an Bauarbeitern

Neben dem Hightech-Sektor leidet auch die Baubranche massiv. Sie hatte schon vor dem Krieg über hohe Zinsen und schwindende Nachfrage geklagt. Jetzt kommt hinzu, dass Zehntausende palästinensische Bauarbeiter aus dem Westjordanland nicht einreisen dürfen. Die Mehrheit der begonnenen Bauvorhaben steht daher still, neue Projektaufträge laufen nicht ein. Das Statistikamt rechnet mit einer hohen Zahl von Insolvenzen im Bausektor.

Optimisten rechnen jedoch mit einem Silberstreif. Selbst wenn es auch im kommenden Jahr Einbrüche gebe, werde der Hightech-Sektor den Karren der israelischen Wirtschaft wieder aus dem Schlamm ziehen, glaubt Analyst John Nedved. „Die Investoren berechnen ja mit ein, dass es überall Krisen gibt – siehe Russland und Ukraine, China und Taiwan.“ Die meisten Investoren würden sich aber nicht die Frage stellen, wie ernst eine Krise sei, sondern wie fähig ein Land sei, sich davon zu erholen. „Und wir alle wissen: Israelis sind Meister der Krisenbewältigung.“

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