Jerusalem. „Vielleicht ist es bald so weit“: Jüdische Siedler hoffen auf eine Rückeroberung Gazas. Für die Palästinenser haben sie konkrete Pläne.

Grellorange leuchten die T-Shirts, die in großen Stapeln auf Abnehmer warten. Oded betrachtet sie stolz. „Über 2000 haben wir schon verkauft“, erzählt er. Und das ganz ohne Werbung und ohne Vertriebskanal, kein Shop bietet sie an. Wer eines der Shirts mit der Aufschrift „Nach Hause“ haben will, muss nach Jerusalem fahren und sich in ein kleines Hinterhofmuseum nahe dem zentralen Busbahnhof begeben. Dort wartet Oded auf sie.

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    Immer mehr Menschen betreten das „Gush Katif“-Museum, das ganz der Propaganda für eine jüdische Besiedelung des Gazastreifens gewidmet ist. Zum Beispiel eine junge Frau mit buntem Kopftuch, das ihr Haar nur halb bedeckt und sie als religiös, aber nicht ultraorthodox kennzeichnet. Sie komme aus einer Siedlung nahe Hebron im Westjordanland, erzählt sie. Für den festlichen Umzug zum jüdischen Purim-Fest kauft sie ein Dutzend der grellorangefarbenen Shirts in verschiedenen Kindergrößen. Unter dem Schriftzug „Nach Hause“ steht: „Wir kehren zurück nach Gush Katif.“ Dazu eine Fahne. Groß solle sie sein, sagt die Frau – „wir wollen sie auf einen Lastwagen spannen“.

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    Israel: Immer mehr Siedler glauben an Rückeroberung Gazas

    Gush Katif ist der Name, den die israelischen Siedlungen im Gazastreifen trugen, bevor sich Israel im Jahr 2005 aus Gaza zurückzog und alle Siedlungen räumte, inklusive der Friedhöfe, deren Gräber nach Israel verlegt wurden. Für einige der damaligen Bewohner war die gewaltsame Räumung traumatisch. Für die große Mehrheit der riesigen Protestbewegung, die damals von rechten Gruppierungen orchestriert wurde, war es ein empörender Verrat der Regierung an denen, die sich als die wahren Zionisten begriffen. Hunderttausende demonstrierten damals monatelang gegen die Absiedlungspläne. Doch die Regierung unter dem konservativen Ministerpräsidenten Ariel Scharon rüttelte nicht an ihren Plänen, die Bulldozer rollten trotzdem an.

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    Im kommenden Jahr wollten die, die immer noch von einer Rückkehr nach „Gush Katif“ träumen, eigentlich den 20. Jahrestag der Räumung begehen. Noch vor einem halben Jahr hätte niemand gedacht, dass es mehr als eine Trauerfeier werden würde. Heute, nach dem 7. Oktober, glauben hingegen immer mehr rechtsgesinnte Israelis, dass Gaza tatsächlich wieder von Israelis besiedelt werden könnte.

    Eine Gruppe radikaler junger Siedler ließ auch schon Taten folgen. Am Grenzübergang Erez, der von Militärs streng bewacht wird, bahnten sich 20 von ihnen Ende Februar den Weg nach Gaza. Sie wurden von den Soldaten nicht gestoppt, als sie rund 500 Meter entfernt von der Grenze begannen, mit Holzplanken und Blechpaneelen die ersten Behausungen für eine künftige illegale Siedlung in Gaza zu errichten. Erst nach mehreren Stunden wurden sie von Soldaten zurück nach Israel begleitet.

    Ende Februar versuchten rechtsradikale Siedler, in den Gazastreifen einzudringen.
    Ende Februar versuchten rechtsradikale Siedler, in den Gazastreifen einzudringen. © DPA Images | Ilia Yefimovich

    Israel: Radikale Siedler hegen düstere Fantasien für Palästinenser

    Die wenigsten Israelis würden auch nur auf die Idee kommen, sich der militärischen Sperrzone nahe dem Grenzzaun zu nähern. Nicht nur, weil es gefährlich ist, sich so nahe an der Kampfzone aufzuhalten – sondern auch aus Respekt vor der Armee. Die radikalen Siedler-Gangs hingegen zeigen wenig Respekt vor der militärischen Autorität. Das zeigt sich regelmäßig im Westjordanland: Auch dort errichten die Banden immer wieder Outposts, also kleine illegale Siedlungen auf palästinensischem Land. Von der Armee erwarten sie dann, dass sie diese Siedlungen von deren palästinensischen Eigentümern abschirmen. Meist geschieht das auch. Wenn die Armee aber doch einmal einschreitet, ist sie immer wieder körperlichen Attacken durch die radikalen Siedler ausgesetzt.

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    Oded, der Aufseher im Gush-Katif-Museum, hat mit den gewaltbereiten jungen Siedlern nichts gemeinsam. Er ist ein ruhiger, freundlicher älterer Mann, der zwar von Arabern im Allgemeinen und den Palästinensern in Gaza nicht allzu viel hält, aber seine Besiedlungsfantasien nur im Geiste auslebt. Er selbst wohnt in Jerusalem, seine erwachsenen Kinder leben ebenfalls alle in Israel, niemand aus seiner Familie ist in eine der Siedlungen im Westjordanland gezogen.

    „Ich bin überzeugt davon, dass es das Beste für alle in Israel ist, wenn wir Gaza wieder besiedeln“, sagt er. Und was passiert mit den 2,3 Millionen Palästinensern, die dort leben? „Die können dort hingehen, wo man sie gern hat – nach Südafrika zum Beispiel“, meint er. Also Massenvertreibung, ethnische Säuberung? „Nein, nein“, erklärt Oded, „freiwillige Emigration natürlich.“

    Oded verkauft orangefarbene T-Shirts: Radikale Siedler träumen von einer Wiederbesiedlung Gazas.
    Oded verkauft orangefarbene T-Shirts: Radikale Siedler träumen von einer Wiederbesiedlung Gazas. © Sterkl | Sterkl

    Israel: Seit einigen Monaten hofft Oded auf die Rückkehr nach Gaza

    Dieses Bild einer massenhaften palästinensischen Auswanderung, vorgeblich aus freien Stücken, ist nicht in Odeds Kopf entstanden. Es wird von führenden rechten Figuren schon lange propagiert und seit Beginn des Gaza-Kriegs verstärkt forciert. An einem Sonntagabend Ende Januar versammelten sich rund 1000 Rechtsgesinnte in einem Jerusalemer Kongresszentrum zur Veranstaltung „Israels Sieg – Besiedelung bringt Sicherheit“. Auf den Videos, die davon nach außen drangen, sieht man euphorisch im Kreis hüpfende Männer, die nationalistische Lieder grölen. In den Redebeiträgen auf der Konferenz gab es einen gemeinsamen Nenner: Alle kamen zum Schluss, dass Gaza wieder von Israelis besiedelt werden muss.

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    Die Konferenz hätte wohl wenig Beachtung gefunden, hätten an ihr nicht auch äußerst prominente Israelis teilgenommen: Elf Minister der rechts-religiösen israelischen Regierung traten dort auf, darunter auch Vertreter von Benjamin Netanjahus Likud-Partei. Nur Tage zuvor war Israel vom Internationalen Gerichtshof ermahnt worden, weil die Regierung zu wenig gegen öffentliche Aufrufe zu Völkermord und Massenvertreibung unternehme.

    „Ich hätte nie gedacht, dass wir irgendwann wieder von einer Rückkehr nach Gush Katif träumen können“, sagt Oded. Seit einigen Monaten hofft er wieder. „Vielleicht ist es bald so weit.“