Berlin. Donald Trump peitscht seine Anhänger im Wahlkampf auf. Experte Julius van de Laar sagt, welche Szenarien in den USA drohen.

Julius van de Laar ist Kampagnen-Berater und US-Experte. 2008 und 2012 arbeitete er in den USA an den Obama-Kampagnen mit. Für unsere Redaktion analysiert er ab jetzt wöchentlich den Wahlkampf in den USA.

Herr van de Laar, Donald Trump hat mehr Zeit bekommen, um seine Kaution von rund 450 Millionen Dollar zu zahlen. Ein Triumph?

Julius van de Laar: Das ist ein klarer Sieg für Trump. Aber noch viel wichtiger ist es, dass das Gericht die Kaution auf 175 Millionen Dollar reduziert hat. Diesen Betrag – so sagte es Trump in einem Statement am Montag – könne er problemlos in „cash“ bezahlen. Entgegen früheren Befürchtungen des Trump-Lagers wird der Staatsanwalt aus New York also erstmal keine Immobilien wie den Trump Tower pfänden müssen.

Julius van de Laar analysiert den US-Wahlkampf.
Julius van de Laar analysiert den US-Wahlkampf. © iStock | van der Laar

Wie groß wäre der Imageschaden für Trumps Kampagne andernfalls gewesen?

Der Imageschaden wäre enorm gewesen: Die vergangenen zwei Wochen ging durch die Presse, dass Trump nicht zahlen könne. Keine Versicherung war bereit, ihm den Betrag von 454 Millionen Dollar vorzustrecken. Natürlich ist das enorm viel Geld. Aber Trump bezeichnet sich ständig als Multimilliardär — seine gesamte Identität fußt auf der eines Business Moguls, der eine einzige Erfolgsgeschichte geschrieben hat und unfassbaren Wohlstand aufbauen konnte. Wenn Trump plötzlich seine Kunstsammlung hätte versteigern müssen, weil die Liquidität nicht ausreicht, hätte das am Kern von seiner Marke als Magnat gekratzt. Das erklärt auch, warum er in Interviews so heftig reagiert hat.

Zur Person

Julius van de Laar ist ein international tätiger Politikstratege und Kommunikationsberater. Er lebte 7 Jahre in den USA. Nach dem Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaften an der Furman University in den USA arbeitete er in den US-Präsidentschaftswahlkämpfen 2008 und 2012 als hauptamtlicher Wahlkämpfer für Barack Obama.

Der nächste Prozess wegen der Schweigegeldzahlungen Trumps an Stormy Daniels beginnt in drei Wochen. Was erwarten Sie?

Ich nenne es die Courtroom Campaign. Morgens wird Trump vor Gericht sitzen und sich verteidigen — abends wird er in den Medien versuchen, das öffentliche Stimmungsbild zu beeinflussen. Was schon jetzt feststeht: Es ist ein absolutes Novum. Das hatten wir noch nie in der Geschichte, dass ein Präsidentschaftskandidat so viel Zeit während des Wahlkampfes in Gerichtssälen verbringen muss. Welche Auswirkungen das auf Stimmungsbild in den USA haben wird, müssen wir abwarten.

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Die ARD-Korrespondentin kam kürzlich zu dem Schluss: Sollte Trump verlieren, droht ein Bürgerkrieg. Teilen Sie diese Einschätzung?

Bei Trumps Wahlkampf-Veranstaltung in Ohio wurde die Nationalhymne gespielt. Das ist nicht ungewöhnlich. Das Erschreckende in diesem Fall ist, wer die Hymne gesungen hat – es war der „J6-Choir“, also 20 Männer, die im Gefängnis sitzen, weil sie am 6. Januar 2021 gewaltsam in das Kapitol eingedrungen sind und Straftaten begangen haben. Die Häftlinge haben die Hymne im Gefängnis gesungen und aufgenommen.

Trump lässt das Stück abspielen, legt dabei die Hand aufs Herz und salutiert die „Sänger“ als „Patrioten des 6. Januar“. Er sagt auch, dass er die Männer bei einem Sieg im November als Erstes begnadigen werde. Das ist ein ganz klarer Wink mit dem Zaunpfahl für alle, die mit dem Gedanken spielen, das Kapitol erneut gewaltsam zu betreten, sollte Trump die Wahl verlieren — wonach es in einem Großteil der aktuellen Umfragen nicht aussieht. Trump signalisiert seinen Anhängern deutlich: Ich stehe auf eurer Seite.

Halten solche Aussagen den Durchschnittsamerikaner nicht eher davon ab, Trump zu wählen?

Zumindest lassen die Umfragen darauf schließen, dass es nur wenig Einfluss auf die Trump-Unterstützer hat. Während des Wahlkampfes 2016 sagte Trump, er könne sich in New York auf die 5th Avenue stellen, jemanden erschießen – und nichts würde passieren. Vor wenigen Tagen wurde diese Aussage in einer Umfrage untersucht. Das Resultat war erstaunlich: „Würde es Sie davon abhalten, Donald Trump zu wählen, wenn er jemanden erschossen hätte?“, war die Frage. 45 Prozent der Befragten sagten, nein, das würde für sie keinen Unterschied machen. Das zeigt, wie polarisiert die Lager sind.

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Die Demokratie hat unter Trump keine Chance mehr?

Na ja. Nähme man Trump beim Wort, würde er „einen Tag lang Diktator sein“ – um die Mauer zu Mexiko zu bauen, um Ölbohrungen voranzubringen – Leitspruch „Drill Baby, Drill“ –, um die Verurteilten vom 6. Januar zu begnadigen. Die rechtskonservative Denkfabrik Heritage Foundation bereitet unter dem Titel „Project 2025“ schon jetzt massive personelle Veränderungen vor, sodass die Übernahme der Exekutive in den USA deutlich professioneller und schneller von statten gehen dürfte als 2016. Dieser Plan sieht übrigens vor, dass der Präsident als „einheitliche Exekutive“ mit seiner Amtseinführung die absolute Macht über die Regierung bekommt

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Konkret: Droht ein Bürgerkrieg?

Schon jetzt gibt es immer wieder Angriffe auf FBI-Beamte und Regierungsinstitutionen. Die Stimmung ist so aufgeheizt, dass es mich nicht wundern würde, wenn jemand im Falle einer Trump-Niederlage erneut zur Waffe greift.

Bidens Kampagne kommt nicht recht in Schwung. Welche Akzente sollte er im Wahlkampf setzen?

Aktuell wirkt die Präsidentschaftswahl wie ein Referendum über „Sleepy Joe“. Wenn es so bleibt, wird es schwer für Joe Biden werden, dieses Referendum für sich zu entscheiden. Wahlen werden letztlich immer dadurch gewonnen, dass Kampagnen es schaffen, die richtige Frage in die Köpfe der Wählerinnen und Wähler reinzumeißeln — die sogenannte „Ballot Question“.

Und wenn die Frage lautet: Geht es dir nach vier Jahren Joe Biden besser als unter den besten Zeiten Trumps – dann verliert Biden die Wahl. Viele Amerikaner erinnern sich daran, wie sie damals für 100 Dollar einen vollen Einkaufswagen bei Walmart bekommen haben, es mehr Frieden auf der Welt gab und die Wirtschaft boomte.

Was folgt daraus?

Die Kampagne von Joe Biden muss einen deutlich härteren Kontrast zu Trump aufbauen: Erinnern Sie sich daran, wie Trump zu Beginn der Pandemie empfahl, einfach Bleiche zu trinken? Haben Sie noch die nächtlichen Tweets vor Augen? Das konstante Chaos? Ist es wirklich das, was man in einer Krise von einem Anführer erwartet? Viele von uns mögen sich daran erinnern. Aber die US-Bevölkerung hat ein Erinnerungsproblem.

Biden muss endlich damit aufhören, über die Erfolge seiner aktuellen Amtszeit zu sprechen. Auf dem Papier klingen die 15 Millionen neu geschaffenen Jobs, das Infrastruktur-Gesetz und der Inflation Reduction Act durchaus positiv. Jedoch scheinen es die Wählerinnen und Wählern nicht zu merken. Joe Biden muss also konstant aufzeigen, dass Trump ausschließlich für sich selbst kämpft, für den Ausbau seines Reichtums und den seiner Milliardärsfreunde.