Berlin. Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Sender kritisieren mangelnde Meinungsfreiheit und Quotendruck. Das blieb nicht unwidersprochen.

Ein Manifest zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk stößt zunehmend auf Widerspruch. Der Eindruck, dass in den Sendern nur vorgegebene Meinungen verbreitet würden, „ist falsch“, heißt es in einem Statement der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Redakteursausschüsse bei ARD, ZDF, Deutschlandradio und Deutsche Welle. Man widerspreche dem Papier in wesentlichen Punkten.

Am Donnerstag hatten fast 150 Medienschaffende in einem offenen Brief mehr Meinungsfreiheit angemahnt. Weil 33 Unterzeichner überwiegend anonym blieben, spielte der Deutsche Journalisten-Verband den Ball zurück: Er forderte von den Kritikern seinerseits mehr Transparenz.

Das ZDF teilte mit, der Sender begrüße und fördere Meinungspluralismus, sowohl im Programm, in der Gesellschaft, als auch im Unternehmen. Die ARD erklärte, das Dokument bilde in Teilen eine Diskussion ab, „die in den ARD-Medienhäusern kontinuierlich geführt wird.“

Wutbrief einer Minderheit

Allein der WDR, zweitgrößter Sender Europas, hat über 4000 Mitarbeiter. Die Unterzeichner sind also eine kleine Minderheit. Sie haben einen Stein ins Wasser geworfen, um zu sehen, ob er Wellen erzeugt:

  • ob nach den jüngsten Skandalen ein Akzeptanzproblem in den eigenen Reihen droht;
  • ob eine Reformdebatte in Gang kommt
  • und wie viele meinungsvielfalt.jetzt noch unterzeichnen werden.

Abseits des Mainstreams

Zu den prominentesten Erstunterzeichnern gehören die Schauspielerin Corinna Kirchhoff und ihr Kollege Henry Hübchen. Es fällt auf, dass Musiker, Künstler und ehemalige Radio- oder TV-Größen überwiegen, etwa die Kabarettistin Lisa Fitz oder der frühere Fernsehpfarrer Jürgen Fliege. Journalisten sind in der Minderheit. 33 der Unterzeichner bleiben allerdings komplett anonym.

Viele Unterzeichner kritisieren, dass sich der Meinungskorridor verengt habe: Abseits des Mainstreams werde es prekär, schreiben sie. Dann werde man als „Querdenker“, „Klima-Leugner“ oder „Putin-Versteher“ diffamiert.

Knackpunkt: Corona

In den persönlichen Erklärungen verweisen manche, die anonym bleiben wollen, auf den früheren SWR-Mitarbeiter Ole Skambraks, der öffentlich Kritik an der Corona-Berichterstattung des Senders übte und gekündigt wurde. Zur Berichterstattung in der Pandemie gibt es auf der Seite mehr Statements als zu Debattenkultur und Betriebsklima in den Sendern. Einige der Unterzeichner werden wie Fritz und Fliege inzwischen der Querdenkerszene zugerechnet.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Gesperrte Spielplätze in der Pandemie – das ging zu weit

Beklagt werden Quotendenken und politische Einflussnahme und dass Meinungsmache und Berichterstattung verschwimmen würden. Gefordert werden mehr Festanstellungen, weniger Outsourcing und dass Orchester und Chöre sowie das Hörspiel als Radiokunst erhalten bleiben.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Der Medienwissenschaftler Jo Groebel findet, dass die Diskussion über Strukturreformen „am Köcheln gehalten werden muss“. Die Verteilungskonflikte darüber, was im öffentlich-rechtlichen Interesse finanziert werden müsse und was nicht, könne man aber „nicht von heute auf morgen ändern“, sagte er unserer Redaktion.

Jo Groebel sieht die Intendanten in der Pflicht, für mehr Binnenpluralismus zu sorgen.
Jo Groebel sieht die Intendanten in der Pflicht, für mehr Binnenpluralismus zu sorgen. © picture alliance / PublicAd | Public Address/PB

Einerseits erwarte man von den öffentlich-rechtlichen Sendern hohe Qualität, andererseits, dass sie breitenwirksam seien. Was zur Folge hat, dass schon mal ein Diskussionsformat wie der „Presseclub“ der Übertragung des Skispringens zum Opfer fällt. Insgesamt findet Groebel, dass man nicht meckern könne – weder über die Unterhaltung noch über die Information.

Die latente Kommentierung in Informationssendungen fällt Groebel dann aber auch negativ auf. „Die Diskussion sollte geführt werden.“ Vor allem seien die Intendanten gefordert, auf mehr Binnenpluralismus in den Anstalten zu achten.